+
Beim Siegerfoto schiebt sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro aufdringlich in die erste Reihe.

Copa America

Brasilien emanzipiert sich von Neymar

Brasilien vollzieht mit dem Copa-America-Titel und einem neuen Wir-Gefühl die Emanzipation von Superstar Neymar.

in Talent fern von Europa, ein Torjäger mit Ladehemmung auf großer Bühne, ein in Rekordzeit genesener Mumps-Kranker: Hinter den Geschichten stehen Namen, die Brasiliens Fußball-Nationalmannschaft befreit von Superstar Neymar – verletzt aus dem Kader gestrichen, wegen einer skandalösen Liebesnacht ohnehin in den Schlagzeilen – zum Triumph bei der Copa America daheim führten.

„Neymar ist Top Drei, außergewöhnlich. Aber auch die Teamarbeit ist wichtig“, sagte Nationaltrainer Tite nach dem 3:1 (2:1) im Gran Final der Südamerika-Meisterschaft gegen Peru. Und hob beispielhaft einen seiner neuen Helden heraus. „Wer hätte jemals gedacht, dass Everton ins Team rutscht und der Beste auf dem Platz werden könnte?“, fragte der 58-Jährige.

Gemeint war Everton Sousa Soares, 23, einziger von nur drei in der Heimat agierenden Profis im Copa-Kader, der in Spiel drei beim 5:0-Vorrundensieg gegen Peru in die Startelf rückte, nach seinem Tor im Finale (15.) zum Spieler der Partie gewählt wurde, und nun mit seinem dritten Treffer gar die Torjägerkrone der Copa gewann.

Jesus trifft und fliegt

„Weil ich jetzt im Schlaglicht stehe, ist es normal, dass ich die Aufmerksamkeit europäischer Klubs auf mich ziehe“, gestand die Entdeckung des fünfmaligen Weltmeisters. Am Talent von Gremio Porto Alegre, wo er wegen Ähnlichkeit mit einer Comicfigur den Spitznamen Zwiebelchen (Cebolinha) verpasst bekam, soll auch Bayern München Interesse haben. Falls es mit Leroy Sané nicht klappt.

Verletzt: Neymar schaut das Finale mit seinem Sohn von der Tribüne aus.

Für Gabriel Jesus von Manchester City war das Finale ein Ritt zwischen Himmel und Hölle. Der Rekordtorjäger in der Ära Tite (18 Tore), der in seinen ersten neun Turnierspielen bei WM und Copa Ladehemmung hatte, traf wie im Halbfinale gegen Argentinien erneut (45.+3), schwächte dann aber die Selecao mit einer Gelb-Roten Karte (70.). „Ich bin genug gereift, um meine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Aber wenn es um einen Titel geht, die Selecao, im Maracana ...“, sagte der 22-Jährige nachdem er in Carlos Zambrano reingesprungen war. Der Ex-Frankfurter spielte den sterbenden Schwan und erreichte sein Ziel: Jesus wurde runtergestellt und weinte bitterlich.

Die kurioseste Finalgeschichte schrieb jedoch Richarlison. Nur zehn Tage nach der Diagnose auf Mumps kam der 22-Jährige vom FC Everton in den Schlussminuten zum Einsatz, verwandelte den von Zambrano an Everton verursachten Elfmeter (90.). „Ich habe mir in den Kopf gesetzt, so schnell wie möglich gesund zu werden“, betonte er.

Bei so viel Unbekümmertheit brauchte es für den neunten Copa-Titel der Selecao, den fünften davon zu Hause am Zuckerhut, jedoch auch Erfahrung. Und die kam in Person von Dani Alves, nach seinem Vertragsende bei Paris St. Germain noch ohne Klub, mit nun 40 Pokalen größter Titelhamster im Weltfußball. Und zum besten Spieler des Turniers gewählt. Trotz Spielführerbinde bekräftigte der 36-Jährige: „Der Kapitän auf unserem Boot ist Tite.“ Und der Coach jubelte: „Ich bin heute zum Selecao-Trainer geworden.“ Weil er nach knapp drei Jahren im Amt erstmals die Kanarienvögel im Fußballtempel Maracana führen durfte. Zudem gewann Tite als erster Trainer alle Titel auf dem Kontinent: Copa-Sul-Americana (2008), Libertadores (2012), Recopa (2013) und nun die Copa.

In die Finalstatistik gehören noch der zwischenzeitliche Ausgleich Perus durch den ehemaligen Bundesligaprofi Paolo Guerrero per Handelfmeter (44.) sowie die Wahl von Liverpools Champions-League-Sieger Alisson zum besten Torhüter des Turniers, trotz des ersten Gegentreffers in der regulären Spielzeit nach neun Zu-Null-Spielen.

Beim Siegerfoto schob sich dann Staatspräsident Jair Bolsonaro aufdringlich in die erste Reihe. Neymar, im Stadion, war fehl am Platz und beließ es mit einem simplen Gruß bei Instagram. (sid/fr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion