Zündelten im DFB-Pokalspiel gegen Düsseldorf: Die Ultras des 1. FC Kaiserslautern.
+
Zündelten im DFB-Pokalspiel gegen Düsseldorf: Die Ultras des 1. FC Kaiserslautern.

1. FC Kaiserslautern

Brandherd Betzenberg

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Sportliche und wirtschaftliche Schieflage: Das Chaos beim 1. FC Kaiserslautern um die Causa Gerry Ehrmann fällt mitten in die nächste existenzbedrohende Krise. Elf Millionen Euro fehlen für die Lizenz.

Der Schmucktempel hoch oben über der Stadt Kaiserslautern ist das einzige der bei der WM 2006 genutzten Stadien, an dem unter dem Vereinswappen des Hausherren noch das Logo des Heimturniers von vor 14 Jahren prangt. Wer das mal zum Sommermärchen entworfene Konterfei mit den Mienen der Verantwortlichen des 1. FC Kaiserslautern auf einer Pressekonferenz abgleicht, hätte sich keinen größeren Kontrast vorstellen können. Grinsende Gesichter im Schneeregen draußen, verzogene Mundwinkel im neonbeleuchteten Medienraum drinnen. Denn die Roten Teufel gehen gerade gegenseitig mit dem Dreizack aufeinander los.

Die Trennung vom Torwarttrainer-Legende Gerry Ehrmann, von weiten Teilen der immer noch erstaunlich treuen Fangemeinde als letzter Überlebender aus besseren Zeiten gefeiert, hat den Verein zur Unzeit entzweit. „Ich darf dazu nichts sagen“, merkte Trainer Boris Schommers am Donnerstag an, obwohl er einiges zu sagen gehabt hätte. So soll der 61-jährige Ehrmann, durch dessen harte Schule Nationaltorhüter wie Roman Weidenfeller, Tim Wiese oder Kevin Trapp gegangen waren, seinen Chefcoach mehrfach mit despektierlichen Äußerungen bedacht haben.

Zu einem Abschlusstraining kam Ehrmann kürzlich wohl ohne Handschuhe, um die Hände als Zeichen des Protestes in den Hosentaschen zu lassen. Darauf deutete auch die zu Wochenanfang verschickte FCK-Pressemitteilung hin, in der es hieß, es sei „mehrfach zu massiven, substanziellen Beleidigungen, Arbeitsverweigerungen und Drohungen gegenüber dem Trainerteam gekommen“. Ehrmann bestritt dies. Mittlerweile haben sich mehr als 10 000 Unterzeichner in einer Online-Petition für den Verbleib des „Tarzans“ eingesetzt. Letztlich mutete die Mitteilung zur Freistellung der Vereinsikone wie der verzweifelte Versuch an, ein brennendes Haus mit einem Benzinkanister zu löschen.

Was auch dem FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt dämmerte, der die Ehrmann-Partei am Mittwoch zum Gespräch in sein Büro bat. Was nur das Ergebnis einbrachte, sich nächste Woche erneut zu treffen – und bis dahin öffentlich keine schmutzige Wäsche zu waschen. Allerdings ist der Flächenbrand weit fortgeschritten: Auf dem Weg zum Trainingsplatz wurde Schommers von einigen Anhängern so derb beleidigt, dass der 41-Jährige nun sagte: „Das möchte keiner erleben. Diese Woche beim FCK war sicher nicht die ruhigste. Aber es gehört zu meinem Job, damit umzugehen.“ Chaos als Alltagsgeschäft.

Dabei hat Schommers in der Rückrunde mit dem Drittligisten eigentlich genug sportliche Probleme: Seine noch bis ins DFB-Pokalachtelfinale (2:5 gegen Fortuna Düsseldorf) vorgedrungene Truppe hat in diesem Jahr noch gar nicht gewonnen, die Abstiegsplätze sind aktuell nur drei Punkte entfernt. Und jetzt geht es zum brisanten Südwestderby beim Überraschungsaufsteiger Waldhof Mannheim (Samstag, 14 Uhr), der bis auf Rang drei vorgestoßen ist. Schommers sagt, er habe seine Jungs fürs Prestigeduell im ausverkauften Carl-Benz-Stadion – mit fast 3500 FCK-Fans – „eingenordet“. Es wäre indes nicht das erste Mal, wenn die Unruhe im Umfeld auf den sportlichen Bereich abfärbt. Immerhin bestritt Voigt nun, dass einer Niederlage in der Kurpfalz gleich die nächste Trainerentlassung beim FCK folgen würde. Hoffentlich schmilzt dieses Bekenntnis nicht schnell wie der Nassschnee, der sich gestern auf die Bäume rund um den Betzenberg legte.

Zur Causa Ehrmann sagte der neue Frontmann am trüben Wintertag nichts, sprach aber ausführlich über die prekäre Finanzlage. Erneut stehe der Traditionsverein finanziell mit dem Rücken zur Wand, so viele Löcher seien in den Büchern mal wieder entdeckt worden. Die Lizenzierungsunterlagen für den DFB würden zwar am Freitag hochgeladen, aber abermals muss der Nachweis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nachgereicht werden. „Unser größtes Problem“, bekannte der erst Anfang Dezember eingestellte Voigt.

Die Liquiditätslücke bis zum Ende des nächsten Geschäftsjahres, bis zum 30. Juni 2021, beträgt rund elf Millionen Euro. Die Stadionmiete ist längst von ursprünglich 3,2 Millionen Euro auf nur noch 425 000 Euro reduziert, soll aber nächste Saison wieder auf 625 000 Euro plus Boni steigen. Dieses Angebot hat die FCK-Geschäftsleitung gemacht, der Stadtrat entscheidet am Montag. Wie das „große Loch“ (Voigt) zu stopfen ist, darüber würden Gespräche geführt, „wir gehen aber davon aus, dass wir wieder Auflagen und Bedingungen erhalten“, sagte der 50-Jährige. Die vom Investor Flavio Becca gewährte Bürgschaft in Höhe von 2,6 Millionen Euro soll möglichst nicht gezogen werden, um sich nicht in weitere Abhängigkeit zu begeben.

Aber ob abermals regionale Partner bereit sind, in das Millionengrab FCK zu investieren? Aus seiner langjährigen Zeit bei Eintracht Braunschweig (2007 bis 2019) weiß der neue Boss immerhin, wie ein kostendeckender Spielbetrieb in der dritten Liga zu organisieren ist. Der frühere BVB-Fan schuf bei den Niedersachsen, inzwischen als Ligagefährte Leidensgenosse des FCK, einst das tragfähige Fundament für den Einzug in den Profifußball. Dort strebt auch der vierfache Deutsche Meister wieder hin, weil diese Ambition aus der historischen Verpflichtung für die fußballbegeisterte Pfalz als alternativlos gilt. Voigt: „Wir wollen in naher Zukunft, möglichst in zwei Jahren, wieder in die zweite Liga.“ Sonst müsse der Apparat verschlankt werden, „aber wenn wir anfangen, die U21 abzumelden, das Nachwuchsleistungszentrum abzuschaffen, wenn wir da die Axt ansetzen“, führte er aus, dann beraube sich der Verein seiner letzten Wurzeln, die ihn am Leben halten. Also: „Wir wollen dahin zurückkehren, wo man hingehört.“ Nur: Wie oft hat man das rund ums Fritz-Walter-Stadion schon gehört?

Kommentare