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Klare Kommandos: Stanislaw Tschertschessow.

Russland

Botschafter und Staatsdiener

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Der russische Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow konserviert die WM-Begeisterung auf seine Art ? und lobt Wladimir Putin.

Wenn Stanislaw Tschertschessow an Leipzig denkt, dann fällt dem heutigen russischen Nationaltrainer nicht die Nikolaikirche oder der Augustusplatz ein. Sondern das alte Zentralstadion, in dem vor einem Vierteljahrhundert kurzzeitig wieder Bundesligaspiele stattfanden und auf deren baulichen Überreste die Leipziger Arena errichtet wurde, in der die deutsche Nationalelf nun gegen Russland testet (Donnerstag, 20.45 Uhr/ RTL). Dynamo Dresden hatte den russischen Nationaltorhüter dereinst verpflichtet, für den zur Deutschland-Premiere das Ostduell beim VfB Leipzig anstand. „Für die Zuschauer war es gut, für mich nicht“, erinnert sich Tschertschessow. „Drei Schüsse, drei Tore. Zu viel!“ Speziell für einen neuen Torwart. 

31.400 Zuschauer sahen am 7. August 1993 in der halbvollen Betonschüssel ein 3:3. Dreimal traf Olaf Marschall für die Dynamo-Elf. Tschertschessow hält bis heute noch Kontakt zu Dresdens Sportdirektor Ralf Minge. Bei einem Ehemaligen-Treffen habe er sich vor kurzem sein damaliges Wohnhaus im Ortsteil Weißig ebenso angesehen wie die Klinik, in der sein erster Sohn Stanislaw junior geboren wurde, erzählte der 55-Jährige am Mittwoch. 

Keiner kann also besser die deutsch-russische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart bezeugen als diese kultige Figur, die in der Heimat seit der WM wie ein Star hofiert wird, obwohl er selbst keiner sein will. „Stars sind im Himmel. Ich bin ein normaler Mensch.“ Dass sein markanter Schnauzer mal zum „Schnurrbart der Hoffnung“ werden würde, als Russlands Siegeszug erst im Viertelfinale gegen Kroatien endete, lässt ihn schmunzeln: „Wenn ich das gewusst hätte, dass er solch eine Rolle spielt, hätte ihn noch länger wachsen lassen: Vielleicht wären wir dann Weltmeister geworden.“ 

Der beleibte Fußballlehrer, der während des Heimturniers wie ein Kompanieführer auftrat, der im Siegesrausch schon mal salutierend an der Seitenlinie stand, gibt sich allerdings auch als treuer Staatsdiener zu erkennen. Dieser Tage haben russische Medien Tschertschessow so zitiert: „Wladimir Putin ist unser Anführer, und er macht seine Arbeit hervorragend. Er war bei unseren Spielen während der WM 2018 dabei, wir haben ab und zu telefoniert. Ein sehr starker Mann. Vielleicht sind sie in Deutschland eifersüchtig, dass wir ihn haben, aber sie nicht.“ 

Tschertschessow selbst ist leitender Angestellter eines Fußballverbands, der eng mit den Staatsapparat verwoben bleibt und Skandalfunktionär Wladimir Mutko wieder an die Spitze gehievt hat. In Nowogorsk ist mittlerweile ein riesiges Trainingszentrum fertig, in dem der Nationalcoach alle Fäden in der Hand hält, was Spielbeobachtung, Taktikanalyse oder Trainingssteuerung angeht. Tschertschessow erlaubte sich, ausdrücklich den Kollegen Joachim Löw zu stützen, der ihn einst in Innsbruck trainierte. „Ich bin überzeugt, dass er eine Lösung finden wird.“

In seiner Startelf könnte erstmals der eingebürgerte Brasilianer Ariclenes da Silva Ferreira, kurz Ari, stehen, der beteuerte: „Ich fühle mich russisch, ich spiele seit neun Jahre hier, ich habe die Hälfte meiner Karriere hier verbracht.“ Dennoch ist der 32-jährige Stürmer von FK Krasnodar vielen Anfeindungen ausgesetzt, und der nationalistische Unterton zeigt, dass die russische Seele eben doch nicht so schnell aus den alten Denkmustern ausbricht. Ex-Nationalstürmer Roman Pawljutschenko hat verlauten lassen, er wolle sich keine Länderspiele ansehen, sollte Ari mitspielen.

Tschertschessow kündigte gestern an, den Kritiker auf eine Tasse Tee einzuladen. „Er wohnt in meinem Haus, ich rede mit ihm.“ Generell gelte doch: „Es war sein eigener persönlicher Wunsch, für uns zu spielen. Wenn jemand berechtigt ist und die soziale Kompetenz mitbringt, begrüßen wir das. Für mich ist er ein Russe.“ Genau wie die ehemaligen Bundesligaakteure Konstantin Rausch oder Roman Neustädter, die auf einen Einsatz gegen bekannte Gesichter hoffen dürfen. „Die WM war kein Zufall. Wir wollen, dass diese Euphorie weitergeht“, gibt Tschertschessow vor.

Trotz eines großen Umbruchs hat Russland seinen kraftstrotzenden Stil in die Nations League übertragen. Die Sbornaja hat in einer Gruppe mit Türkei und Schweden nach drei Spielen (sieben Punkte) den Aufstieg in die A-Kategorie dicht vor Augen. Vor der letzten Partie in Schweden (20. November) kehrt die russische Delegation nun gar nicht mehr nach Moskau zurück. Es sei dort bei minus zehn Grad zu kalt, erklärte Tschertschessow, also wird der Leipzig-Aufenthalt einfach um ein paar Tage verlängert. Die Erinnerungen von damals müssen ja kein schlechtes Omen sein.

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