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Hallo Deutschland. Hans-Joachim Watzke erklärt den Fußball.

BVB und Bayern

Big Boss Watzke kennt die Wahrheit

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Einblicke in die Machtzentralen des deutschen Fußballs – der Münchner Rummenigge nennt Oliver Kahn als möglichen Nachfolger.

Man kann nicht sagen, dass Hans-Joachim Watzke im Angesicht von Niederlagen geschrumpft ist. Jene im Finale der Champions League 2013, die er von seiner „Festplatte komplett gestrichen hat“, der zwischenzeitlichen Absturz unter Jürgen Klopp bis auf Rang 18 in der Saison 2014/15, die unbarmherzige öffentliche Auseinandersetzung zum gegenseitigen Nachteil mit dem internen Widersacher Thomas Tuchel nach dem Attentat auf den BVB-Bus 2017, eine insgesamt weitgehend missratene Saison 2018/19 mit einem frühen Trainerwechsel von Peter Bosz zu Peter Stöger – Watzke ist jeweils gestärkt aus diesen Episoden herausgekommen.

Der Geschäftsführer des Bundesliga-Tabellenführers Borussia Dortmund kommt am heutigen Samstagnachmittag also muskelbepackt wie nie in die Frankfurter Fußballarena. Nicht im eigentlichen Sinne, denn Watzke, 59, ist ein eher sehniger Mensch, dessen Körper man sein Alter weniger ansieht als seinem Gesicht. Aber im übertragenen Sinne ganz gewiss. Watzke gilt, gemeinsam mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert und Bayernboss Karl-Heinz Rummenigge, mehr denn je als mächtigster Mann im deutschen Profifußball. Und er ist sich dessen auch mehr denn je bewusst.

In dieser Woche konnte man das besonders gut beobachten, Watzke saß als Stargast auf einem ein wenig überdimensionierten Sessel auf der Bühne des größten nationalen Sportbusiness-Kongresses Spobis, noch ehe Rummenigge ihm folgte. Das Publikum lauschte fast andächtig seinen unumstößlichen Wahrheiten. Etwa dieser: „Der Fußball ist sich selbst die größte Gefahr.“ Er plädiere deshalb tunlichst, den Fußball in Deutschland auch künftig in demokratischen Strukturen auf dem Boden des Vereinswesens zu organisieren. „Wir wollen hier nicht, wie in den USA Franchise-Klubs. Wir sind stolze Vereine, die eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.“

Winkt ein dramatischer Showdown in der Bundesliga?

Zum vom Österreicher Dietrich Mateschitz vornehmlich aus Gründen der Werbung für seine Brause finanzierten Projekt RB Leipzig äußerte er: „Das ist kein böses Geld, aber ist es richtig, dass es dort nur sieben Mitglieder gibt?“ Man dürfe „doch immerhin darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht um ein Modell einer gewissen demokratischen Basiskontrolle“ handele. Dem Einstieg eines Investors erteilte Watzke eine klare Absage: „Dagegen werde ich bis zum letzten Atemzug kämpfen.“ Der Deutsche sei da „sehr feinfühlig, der ist gerne Mitglied in einem Verein“. Watzke weiß, wovon er spricht: Borussia Dortmund hat inzwischen rund 155 000 Mitglieder, derweil der FC Bayern sich gar auf die 300 000 zubewegt. Karl-Heinz Rummenigge empfiehlt den deutschen Vereinen ihre eigene Philosophie: „Wir hätte keine Chance, wenn wir so ticken wie Paris Saint-Germain oder Manchester City.“

Watzke und Rummenigge sind die mächtigsten Entscheider in ihren Klubs – und es scheint, als hätten sich die Branchenriesen nach sechs Jahren sportlich wieder dermaßen angenähert, dass ein dramatischer Showdown in der Bundesliga winkt. „Das Einzige, was mich interessiert, ist eine Meisterschaft“, so Watzke.

Vor diesem wegweisenden 20. Spieltag – Dortmund tritt bei Eintracht Frankfurt an, Bayern bei Bayer Leverkusen (jeweils Samstag 15.30 Uhr) – seien alle Prognosen verfrüht: „Die Bayern haben eine gute Chance, Meister zu werden. Sie haben die allermeisten Dinge richtig gemacht. Sie haben aber auch mehr ökonomische Masse zur Verfügung. Wir bewegen uns da hin.“ In Dortmund mit seinen mittlerweile mehr als 700 Mitarbeitern wuchs der Umsatz zuletzt auf 536 Millionen Euro, in München gar auf 657 Millionen. Tendenz steigend. „Wir werden in diesem Jahr erstmals die 700 Millionen reißen“, kündigte Rummenigge an.

Gleichwohl werde der Druck in dem überhitzten Business immer größer, wie der 63-Jährige ausführte. „Früher hat man gesagt: Wenn vier Mann im Sommer geholt werden, sollten drei durchkommen. Heute müssen vier Mann funktionieren.“ Nur wenn die Mannschaft sportlich funktioniere, gelinge auch Vermarktung des Klubs: „Dann kann man den Honig rausholen.“

Seitdem er als junger Spieler zum FC Bayern kam, habe der Verein eine sagenhafte Entwicklung genommen. „1974 hatten wir zwölf Mitarbeiter, heute sind es mehr als 1000.“ Davon allein 50 in der Medienabteilung, die mit Nachdruck ins digitale Zeitalter überführt wird.

Karl-Heinz Rummenigge: „Fußball tickt schräg“

Die Digitalisierung beim FC Bayern lernt allerdings gerade völlig neue Grenzen kennen: Nicht aus Nostalgie, sondern aus purer Vorsicht speist sich die Tatsache zurück, dass der 1991 in der Schaffenskrise des Klubs zur Kompetenzerweiterung des Präsidiums geholte Ex-Nationalspieler wieder die Briefpost eingeführt hat. Aus Furcht vor einem Hackerangriff. „Ich schreibe keine Emails mehr, wenn die Inhalte brisant sind“, so Rummenigge: „Ich schreibe Briefe. Irgendwann wird man auch bei Bayern München in dieses Tor einfallen, und wir werden gehackt.“ Watzke haben die Enthüllungen über die Plattform Football Leaks aus einem anderen Grund arg missfallen: Denn sie hätten offenbart, dass „die Gier“ in der Branche schlicht „zu groß“ ist.

Mag ihre Vita auch unterschiedlich sein, so steckt viel Verbindendes in den Visionen der aus Marsberg im nördlichen Sauerland (Watzke) und dem ostwestfälischen Lippstadt (Rummenigge) stammenden Lenkern, die beide neben einem ordentlichen Ego auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein mitbringen. Entsprechend schwierig dürfte es werden, für zwei rastlose Alphatiere einen Nachfolger zu finden. Watzke, seit 2005 Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH und Co. KGaA, besitzt einen bis 2022 datierten Vertrag, er hat ohnehin noch einige Jahre vor sich.. „Ich bekomme erst mit 66 Jahren und acht Monaten Rente“, beschied er schmunzelnd. Der nächste Boss sollte unbedingt Stallgeruch haben. Michael Zorc, Lars Ricken, Sebastian Kehl und auch Matthias Sammer sind fast logische Namen.

Seine wichtigsten Entscheidungen sei vor dieser Saison gewesen, eben Kehl und Sammer in die Strukturen einzubinden, betonte Watzke: „Wir sitzen jede Woche fünf, sechs Stunden zusammen.“ Die Kraft der Argumente sei in diesen lebhaften Diskussionen entscheidend. Es wird sich auch mal ordentlich gefetzt mit Feuerkopf Sammer.

Über aktuell viel Konsens und wenig Streitpunkte mit seinem gerne ins operative Geschäft eingreifenden Aufsichtsratschef Uli Hoeneß berichtete Rummenigge. Sein Vertrag hat er kürzlich bis 2021 verlängert. Genau wie Watzke hält auch Rummenigge mit Blick auf sein berufliches Erbe nichts von einem Quereinsteiger: „Fußball tickt schräg. In Dax-Unternehmen läuft alles anders ab.“ Sein Klub tue gut daran, den Nachfolger bald zu integrieren. „Du musst dich schon vorbereiten auf den Job. Ich kann nicht am Dienstag aufhören, und am Mittwoch kommt der Nachfolger. Es sollte schon jemand sein, der Fingerspitzengefühl im Fußball hat. Und wenn er auf höchstem Niveau gespielt hat, wie ein Oliver Kahn, ist das auf jeden Fall ein Vorteil.“ Wäre das also praktisch geklärt.

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