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Keine einfachen Zeiten; DFB-Präsident Reinhard Grindel und sein Leuchtturmprojekt Euro 2024.

DFB-Präsident Grindel

Ein Boss als Ballast

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Wenn der DFB den Zuschlag für die EM 2024 erhält, dann eher trotz und nicht wegen seines Präsidenten Reinhard Grindel.

Vermutlich sind zwei Fußballmannschaften selten so schnell zusammengekommen und wieder auseinander gestoben wie am Sonntagabend die Teams von Eintracht Frankfurt und RB Leipzig. Der Aktionsspieltag, der demonstrieren sollte, wie sehr sich der deutsche Fußball hinter der Bewerbung für die Euro 2024 vereint, sah nun einmal vor, dass man sich gemeinsam hinter der Banderole „United by Football“ versammelt. Doch in der Frankfurter Arena konterkarierte die Akustik jede Harmonie: Aus der Nordwestkurve erklangen erst gellende Pfiffe, dann der obligatorische Schmähruf auf die „Fußball-Mafia DFB“. 

Den Akteuren war anzumerken, dass sie sich mit diesem Akt keine Sekunde länger als nötig aufhalten wollten. In Windeseile verschwand auch der Slogan wieder vom Spielfeld. „Vereint im Herzen Europas“: So geht das Motto der EM-Bewerbung. „Im Herzen von Europa“: So geht das Stadionlied bei der Eintracht. Das gerade am Stammsitz des größten deutschen Sportverbandes beides trotzdem nicht zusammenfand, wirkte bezeichnend. Seitdem DFB-Präsident Reinhard Grindel den Eintracht-Anhängern pauschal unterstellte, sie würden ein Länderspiel missbrauchen, um die Ambitionen auf die Euro 2024 zu torpedieren, gilt der Mann in den Fankurven als untragbar. Wenn in den Stadien der ersten, zweiten und dritten Liga nun am Dienstag und Mittwoch wieder geschwiegen und gegen die Spieltagszerstückelung protestiert wird, dann ist Grindel einer, der Volkes Zorn sich zugezogen hat, obwohl Bundesliga-Anstoßzeiten um 18.30 Uhr gewiss nicht ihm anzulasten sind.

DFB-Boss Reinhard Grindel kann kaum gewinnen

Auf den Frontmann prasselt viel ein. Entgegen dem Eindruck aus dem Bewerbungsdossier („Bid Book“), in dem das Einflusslevel von Grindel als „very high“ (sehr hoch) beschrieben wird, stellt sich fast die Frage, ob der Verbandsboss für das wichtigste Zukunftsprojekt des deutschen Fußballs zur Last geworden ist. Die bröckelnde Hausmacht soll in der Otto-Fleck-Schneise mit Händen zu greifen sein.

DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius hat für den Fall des Scheiterns der EM-Bewerbung in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Montagausgabe) verlauten lassen, es sei normal, „dass im Falle eines Misserfolgs wieder Struktur- und Personaldiskussionen geführt werden, auch wenn dies vielleicht nicht immer gerecht ist“. Rückendeckung geht eigentlich anders.

Grindel spürt, dass er in der öffentlichen Meinung kaum noch gewinnen kann. Ein Fernsehinterview für den NDR-Sportclub bei seinem Heimatverein SV Rotenburg, wo der Familienvater einst erste Vereinsarbeit erledigte, sagte der 57-Jährige kurzfristig ab. Dafür kam sein Freund Peter Grewe zu Wort, der von einem tief verletzten Mann erzählte. Ist ja auch nicht angenehm, wenn einer über sich lesen muss, er sei „Poltergeist“ (Spiegel) oder „Schwachstelle“ (Süddeutsche Zeitung).

Grindel hat die Ausrichtung des vierten großen Männerturniers nach der WM 1974, EM 1988 und WM 2006 zu seinem „Leuchtturmprojekt“ ernannt; es heißt, er gehe zu Sitzungen, zu denen er gar nicht gehen muss; er führe Verhandlungen, die er nicht führen muss. Viele meinen, es wäre besser, wenn sich der Chef nicht überall einmischt. Der schwierigen Integrationsdebatte im Land hat er mit seinem Schlingerkus in der Causa Mesut Özil einen Bärendienst erwiesen – und dem türkischen Mitbewerber eine Steilvorlage für Rassismusvorwürfe geliefert. Der türkische Bewerbungschef Servet Yardimci hat diese „internationale Geschichte als sehr unglücklich“ bezeichnet – und für sich als Pluspunkt verbucht.

Für den DFB steht nach der nicht aufgeklärten Affäre ums Sommermärchen 2006 und dem verlorenen Ansehen durch den missratenen Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM in Russland viel auf dem Spiel. Die übergeordnete Botschaft hat DFB-Botschafter Philipp Lahm zuletzt lieber sachlich formuliert: „Ich sehe die EM nicht als Chance für ganz Deutschland, sondern für ganz Europa.“ Eine solche Stabilität oder auch Reisefreiheit bietet die Türkei tatsächlich nicht.

Doch im deutschen Lager wächst die Nervosität: Wenn die vermutlich 17 stimmberechtigten Mitglieder der Uefa-Exekutive am Donnerstag hinter verschlossenen Türen im schweizerischen Nyon ihr Votum abgeben, ist der Evaluierungsbericht nicht bindend. Die Uefa-Administration sieht Deutschland bei den Menschenrechten, der Infrastruktur oder den Stadionkapazitäten vorne. Und es gibt ein Nachhaltigkeitskonzept. Rauchfreie Stadien, gesunde Ernährung: Details, die in den Bewerbungsunterlagen auftauchen. Nur was zählt wirklich?

Türkei will mit Gewinngarantien punkten

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin hat sich im ZDF klar geäußert: „Für die Entwicklung des Fußballs und für die Uefa ist es sehr wichtig, so viel wie möglich mit dem Turnier zu verdienen, um das Geld dann an alle Verbände in Europa zu verteilen.“ Die Türkei will mit Gewinngarantien punkten, indem keine Steuern anfallen. Und auch die EM-Stadien gibt es natürlich mietfrei. Grindel lästerte in dem ZDF-Beitrag: „Wir haben natürlich darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Mitbewerber aus der Türkei so ziemlich alles garantieren, was nicht niet- und nagelfest ist.“ Auch diese Einlassung hörte sich nicht nach Fingerspitzengefühl an.

Die Pro-DFB-Tendenz aus dem Prüfbericht könnte daher trügerisch sein. Denn es gibt nicht wenige in der (Fußball-)Welt, die den deutschen Moralaposteln gerne eins auswischen wollen. Mit Fifa-Boss Gianni Infantino, obwohl formal überhaupt nicht beteiligt, hat sich Grindel einen der wichtigsten Strippenzieher eher zum Gegen- als Mitspieler gemacht. Dass sich der Polit-Seiteneinsteiger anfangs im Fifa-Council kritisch über Infantinos Expansionspläne äußerte, war mutig – aber letztlich hat auch der deutsche Novize eine Mammut-WM mit 48 Teilnehmern mitgetragen. Ungeschickt war es von ihm, im Dezember 2017 einen Brief an Infantino zu verschicken, um ihn für dessen Besuch beim türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu rügen.

Wenn überhaupt, tat man so etwas auf dieser Ebene im Vier-Augen-Gespräch. Aber Diplomatie ist nicht Grindels Stärke. Der oberste Fifa-Herr verbat sich barsch jede Einmischung, und offenbar ist der frühere Uefa-Generalsekretär dabei, alte Weggefährten für die Türkei zu gewinnen. Eines deutet sich an: Wenn der DFB die EM 2024 bekommt, dann wohl trotz und nicht wegen Grindel. Sollte es schiefgehen, ist seine zeitnahe Ablösung kaum zu vermeiden.

Nur ganz so schnell, wie sich die Teams von Frankfurt und Leipzig getrennt haben, wird es nicht gehen.

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