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Tief getroffen von der niederschmetternden Schlappe: Julian Weigl.

Borussia Dortmund

Favres Furor über eine Regel, die niemand will

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Der Dortmunder Trainer Lucien Favrespricht nach Handspielstrafstoß im verlorenen Derby vom „größten Skandal im Fußball“ und hakt die deutsche Meisterschaft ab. Watzke widerspricht.

Fragen nach der möglichen Meisterschaft war Lucien Favre, in den vergangenen Wochen stets mit einer einfachen Phrase ausgewichen. „Wir schauen von Spiel zu Spiel“, hatte der Coach fast gebetsmühlenartig gepredigt. Doch nach der 2:4 (1:2)-Niederlage von Borussia Dortmund im Revierderby gegen den Rivalen FC Schalke 04 warf der Schweizer resignierend das Handtuch. „Der Titel ist verspielt. Das ist klar. Diese Situation ist für mich nur schwer zu verdauen.“ Die Verdauungsprobleme rührten vor allem von der Regelauslegung bei einem Handspiel. Schon vor Wochen hatte sich der eigentlich stets ruhig und besonnene Lucien Favre öffentlich darüber in Rage geredet. Nach dem Derby sprach der Schweizer vom „größten Skandal im Fußball“. Er meinte jene Szene in der 17. Minute, als der Schalker Breel Embolo den Dortmunder Innenverteidiger Julian Weigl aus kurzer Entfernung an den Arm schoss.

Favres Aussage sorgte am Sonntag für heftigen Widerspruch von Hans-Joachim Watzke: „Wir geben erst dann auf, wenn es rechnerisch nicht mehr möglich ist. Das ist unsere Verpflichtung den Fans gegenüber“, erklärte der BVB-Geschäftsführer dem „Kicker“. Und da der FC Bayern nicht über ein 1:1 beim 1. FC Nürnberg hinauskam, lebt die Hoffnung beim BVB wieder. So sind es statt der von Favre erwarteten vier, nur zwei Zähler Rückstand auf die Münchener.

Schiedsrichter Felix Zwayer ließ zunächst weiterspielen und entschied erst auf Hinweis des Videoassistenten Guido Winkmann aus Köln und eigener Ansicht in der Reviewarea auf Handelfmeter. Den verwandelte Daniel Caligiuri zum 1:1 für die Königsblauen – und leitete damit die Wende im zunächst einseitigen Revierschlager ein. Für Favre war die Entscheidung ein Unding: „Das ist so lächerlich. Die Leute, die diese Regel erfunden haben, können nicht mehr in den Spiegel sehen. Sie haben keine Ahnung vom Fußball. Das ist eine große Schande für den Fußball“, wetterte der Dortmunder Trainer. „Man muss sich die Arme abschneiden. Aber ohne Arme hat man kein Gleichgewicht mehr. Das hat nichts mit Fußball zu tun.“

Schiedsrichter: „Strafbares Handspiel nach aktueller Auslegung“

Der Schiedsrichter ließ keine Zweifel an seiner Einschätzung der Situation aufkommen. „Der Arm ist auf Schulterhöhe waagerecht abgespreizt. Das ist eine Vergrößerung der Körperfläche, damit wird der Ball abgeblockt. Insofern ist das ein strafbares Handspiel nach aktueller Auslegung – international und auch in Deutschland“, erklärte Zwayer, der die Vorgaben noch einmal konkretisierte: „Die Auslegung besteht seit Saisonbeginn. Das soll immer so gehandhabt werden. Weil eine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche vorliegt, war das in dem Fall sehr, sehr eindeutig“, beteuerte der Berliner Immobilienmakler, der sein Vorgehen vehement verteidigte: „Ich mache die Regeln nicht. Wenn Fußballexperten damit nicht einverstanden sind, ist es deren Recht. Wir Schiedsrichter sind dann aber die ärmsten Schweine. Wir setzen das Regelwerk um.“

Der Schalker Trainer Huub Stevens zeigte sogar etwas Mitgefühl mit seinem Dortmunder Kollegen. „Ich finde es schade, dass so ein Elfmeter gegeben wurde. So nimmst du die Emotionen heraus“, sagte der Schalker Trainer. „Ich habe auch Lucien gesagt, dass ich das schade finde. Ich sehe oft die Verteidiger mit den Händen auf dem Rücken. Das ist doch kein Verteidigen. Da muss eine klare Linie kommen.“

Handelfmeter war der Knackpunkt im Derby

Für Favre war das allerdings nur ein sehr schwacher Trost. Auch für seinen Schweizer Landsmann Roman Bürki, der ehrlicherweise nicht mit Kritik an der BVB-Vorstellung sparte, war dieser Handelfmeter der Knackpunkt in diesem Derby. „Dieser Elfer hat uns aus der Balance gebracht“, sagte der BVB-Torhüter. „Es ist müßig darüber zu diskutieren, weil diese Regel nicht klar ist und der natürliche menschliche Bewegungsablauf dabei offenbar überhaupt keine Rolle spielt. Daher ist es schade, dass selbst mit Bildern so entschieden wird.“

Auf der einen Seite frustrierte Dortmunder, auf der anderen euphorisierte Schalker, die mit diesem unerwarteten Triumph einen Riesenschritt Richtung Klassenerhalt zurücklegten und zudem ausgiebig die Versöhnung mit ihren Anhängern feierten. Zwar sprach auch Stevens am Ende davon, dass das Glück diesmal bei den Königsblauen war, doch hatte er seine Elf sehr gut eingestellt und die Finger damit fest in die Wunden der Borussia gepresst. Was beim BVB empfindliche Schmerzen auslöste, zumal sowohl Kapitän Marco Reus als auch Marius Wolf binnen nur fünf Minuten nach jeweils groben Fouls die Rote Karte sahen.

Zweifellos hatte der Elfmeterpfiff die Dortmunder aus der Bahn geworfen. Doch es wäre zu einfach, diese Derbypleite allein am Schiedsrichter fest zu machen. Eklatant waren einmal mehr die BVB-Abwehrschwächen bei Standards, zudem waren die Platzverweise von Reus und Wolf jeweils nach Attacken von hinten gegen Suat Serdar berechtigt.

Reus zeigt sich glaubwürdig reumütig

„In erster Linie brauchen wir nicht darüber zu reden, dass es eine Rote Karte war. Wer mich kennt, weiß, dass ich niemals den Gegner verletzen möchte. Ich wollte zum Ball gehen, er macht einen Zwischenschritt und ich treffe ihn an der Achillessehne“, zeigte sich Reus glaubwürdig reumütig, auch mit dem Wissen, dass er die restlichen Saisonspiele vielleicht nur von der Tribüne aus verfolgen darf und wohl weiter auf seinen ersten Meistertitel mit dem BVB warten muss. „So lange wir unsere Spiele nicht gewinnen, ist es theoretisch schwierig, die Bayern einzuholen“, sagte der Kapitän.

Klartext redete der Leiter der Lizenzspielerabteilung, Sebastian Kehl: „Wir sind ein Stück weit verärgert über uns selbst, weil wir am Ende zu wenig Chancen herausgespielt haben. Wir haben Schalke trotz hoher Ballbesitzphasen nie richtig in Bedrängnis gebracht.“ Weil die Schalker die Dortmunder an ihren empfindlichsten Stellen trafen, ihr mit Zweikampfhärte und vielen taktischen Fouls, die den Spielfluss immer wieder unterbrachen, den Nerv raubte. Was Michael Zorc auf die Palme brachte. „Wir haben versucht, Fußball zu spielen. Schalke hat ein taktisches Foul nach dem anderen gemacht. Ich glaube, der Burgstaller hätte drei Gelbe Karten verdient gehabt. Da fehlte mir das Maß in der Bewertung. Das stimmte hinten und vorne nicht“, echauffierte sich der Sportdirektor, der jetzt auch nicht mehr an den Titel glaubt: „Wir sind keine Träumer!“

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