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Angefressen: Marco Reus mit kurzer Zündschnur.

Borussia Dortmund

Borussia Dortmund: Lästig wie ein Wespenstich 

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Borussia Dortmund verweigert sich der eigentlich erforderlichen Mentalitätsdebatte.

Mal angenommen, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hätte es gewagt, nicht den Europa-League-Teilnehmer VfL Wolfsburg, sondern den Europapokalstarter Eintracht Frankfurt für das erste Montagsspiel der Saison zu verpflichten: Das mal wieder sehr unterhaltsame Aufeinandertreffen mit Borussia Dortmund (2:2) wäre dann nicht an einem lauen Spätsommerabend, sondern einem verregneten Frühherbsttag gespielt und garantiert von geharnischten Fanprotesten beider Lager begleitet worden. Aber auf so eine geballte Ladung Wut hatte niemand Lust.

Dass sich dann doch vor dem Jahreszeitenwechsel im Frankfurter Stadtwald eine explosive Mischung Unmut entlud wie bei einem unvermeidlichen Sommergewitter, hatte mit BVB-Kapitän Marco Reus und einem wiederkehrenden schwarz-gelben Verhaltensmuster zu tun. Wie der selbst ernannte Titelfavorit die Adlerträger in der ersten Halbzeit im Spiel hielt und letztlich zweimal seinen durch Axel Witsel (11.) und Jadon Sancho (66.) herausgespielten Vorsprung hergab, erinnerte fatal an die Versäumnisse der Vorsaison. Mangelnde Konsequenz, fehlender Killerinstinkt auf Wiedervorlage.

Michael Zorc spricht Schwächen an

Doch Reus schien die erneute Mentalitätsfrage so lästig wie ein heimtückischer Wespenstich beim letzten Tag im Freibad. „Das geht mir so auf die Eier. Das 2:2 war ein Mentalitätsproblem? Wir haben uns dumm angestellt beim 2:2, auf jeden Fall. Aber kommt mir jetzt nicht mit eurem Mentalitätsscheiß. Jede Woche immer dieselbe Kacke“, giftete der 31-Jährige, der eigentlich auch deshalb zu „Deutschland Fußballer des Jahres“ gekürt wurde, weil bei ihm ein erstaunlicher Reifeprozess mit hoher Selbstreflexion zu besichtigen war. Insofern überraschte die kurze Zündschnur des Anführers, der dann auch noch zur Dopingprobe musste. Immerhin hatte der erneut recht glücklos agierende Angreifer eingeräumt, dass sich fehlende Abgebrühtheit „wie ein roter Faden“ durch die jüngere Vergangenheit ziehe.

Sportdirektor Michael Zorc legte den Finger in die Wunde. „Wir sind nicht fokussiert aufs zweite Tore gegangen, wir haben ein bisschen rumgedaddelt“, rüffelte Zorc und schob die Quintessenz nach: „Das war leichtfertig. So spielt keine Spitzenmannschaft.“ Die Mentalitätsfrage umschiffte der Manager vorsorglich. „Das könnt ihr euch selbst beantworten“, sagte der 57-Jährige, um auf dem Absatz umzudrehen. Verbesserungsbedarf besteht genauso wie Redebedarf.

Der BVB nicht so souverän wie gegen Barcelona

„Es gibt nie eine Phase im Spiel, in der wir richtig Kontrolle haben“, sagte Thomas Delaney, dessen unglückliches Eigentor am Ende einer Fehlerkette stand (88.). Vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw hatte sich Abwehrchef Mats Hummels zu diesem Zeitpunkt wegen Rückenproblemen bereits auswechseln lassen müssen, aber der 30-Jährige wirkte auch längst nicht so souverän wie zuletzt in der Champions League gegen den FC Barcelona (0:0). Im Glauben um die unbestrittene individuelle Klasse lässt das Team die Zügel immer wieder schleifen: Schon in den wenig souveränen Auswärtsspielen beim 1. FC Köln (3:1) und bei Union Berlin (1:3) war eine unpassende Laissez-faire-Haltung zu besichtigen.

In Frankfurt erinnerte der Spielfilm fatal an das merkwürdige 2:2 bei Werder Bremen am 4. Mai, als die Westfalen am 32. Spieltag ihre lange prächtige Ausgangsposition im Titelrennen endgültig aufgaben. Im Sommer wurde der nächste Anlauf auf die Schale proklamiert, weil Zugänge wie Hummels, Julian Brandt, Thorgan Hazard oder Nico Schulz nicht nur als fußballerische Bereicherung gelten. Offenbar ist das schleichende Gift der Selbstüberschätzung aber nicht besiegt.

Favre ist auch gefordert

Cheftrainer Lucien Favre will als Gegenrezept noch mehr Ballkontrolle. „Viele Ballverluste für nichts“, lautete seine Erklärung fürs Systemversagen. „Wir haben nicht schlecht gespielt, aber nicht optimal, um einen Sieg zu erreichen. Es war okay, aber es fehlt uns etwas.“ Der Schweizer wird seinen fachlichen Ansatz kaum mehr verraten, aber zu einer gewissen Änderung muss auch der mitunter zu technokratisch klingende Taktiktüftler bereit sein, will der 61-Jährige mittelfristig sein Tun in dem emotionalen BVB-Konstrukt nicht gefährden.

Der Wetterumschwung könnte zumindest helfen, damit sich die erhitzen Gemüter wieder abkühlen. Um dann allerdings einen stürmischen Herbst zu verhindern, braucht es am Samstagabend im Heimspiel gegen den personell gebeutelten SV Werder einen Sieg. Vermutlich wird dafür die Qualität wieder ausreichen.

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