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Halb Entschuldigung, halb Dank: Die BVB-Profis vor dem Dortmunder Fanblock nach dem 0:3 im Wembley-Stadion.

Borussia Dortmund

Am Totempfahl

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Erst scheidet Borussia Dortmund im DFB-Pokal aus, dann verliert der BVB 0:3 in Tottenham. Die nahe Zukunft wird weisen, was der Vorsprung in der Bundesliga wert ist. Ein Kommentar.

Tottenham – wie das schon klingt. Ein bisschen wie Tod und ein bisschen wie Totem, ziemlich existenziell jedenfalls. Ganz ähnlich der Erfahrung, die Borussia Dortmund offensichtlich Jahr für Jahr mit dem englischen Fußballteam Tottenham Hotspur zu machen gedenkt.

Zur Erinnerung: Schon in der vergangenen Saison kamen die Dortmunder ins Schlittern nach der ersten Begegnung mit den Spurs in der Champions League (1:3), und am Ende der Rutschpartie hatte der BVB eine granatenmäßige Krise an den Hacken und der Trainer Peter Bosz keine Job mehr. Das war im Herbst 2017. 

Seitdem hat sich sehr viel getan rund ums Westfalenstadion. Erst bügelte ein lustiger Österreicher namens Peter Stöger den Offensivwahn des Peter Bosz wieder aus, steuerte die Gelb-Schwarzen mit unlustigem Fußball zurück in die Königsklasse, und seit Sommer ist der wunderbare Trainer Lucien Favre da, der alles auf einmal ist: Offensiv und defensiv, wahnsinnig und vernünftig, mitunter sogar hinreißend lustig, obwohl er gar nicht lustig sein will. 

Wenn das Männlein Favre mit weit aufgerissenen Augen an der Seitenlinie steht, möchte man ihm eine dicke Wolldecke umlegen, dabei trägt er ja bereits diese zu große Daunenjacke von Puma. Auch am Mittwoch, beim vernichtenden 0:3 der Dortmunder bei Tottenham im Achtelfinalhinspiel der Champions League, strahlte Favre im Wembleystadion wieder diese professorale Zerstreutheit eines Menschen aus, der in der Mitte eines großen Platzes steht, ohne zu wissen, wie er dort hingekommen ist. 

Wo kommen all die Menschen her? Und wo rennt der Mann im gelben Trikot und der Fünf auf dem Rücken die ganze Zeit hin? 

Dortmunds bemerkenswerter wie besorgniserregender Kreislaufzusammenbruch am Mittwochabend im europäischen Rampenlicht war eng mit dem Mann mit der Fünf verbunden: Achraf Hakimi, 20 Jahre alt, Leihspieler von Real Madrid. Selten hat man einen Profi auf diesem Niveau so in seine Einzelteile zerfallen sehen wie den Rechtsverteidiger. Vor dem 0:1 verlor er den Ball, konnte anschießend die Flanke nicht verhindern, vor dem 0:2 ließ er dem Torschützen Vertonghen zu viel Platz, und mit jedem seiner zahlreichen Fehlpässe, die er spielte, schien Favres Jacke um je eine Nummer größer zu werden.

Favre weiß, dass er ein paar Hakimis in seinem Team hat. Große Talente, so vielversprechend wie fragil, so leichtfüßig wie leichtsinnig, sie heißen Dan-Axel Zagadou, Jadon Sancho, Christian Pulisic, und vorne im Sturm wuchtet sich Mario Götze von links nach rechts auf der vergeblichen Suche nach Sinn im Raum. Ohne erfahrene Stützen wie Lukasz Piszczek, Marco Reus und Julian Weigl, die in Tottenham fehlten, ist der BVB ein allzu zerbrechliches Geschöpf, trotz Ruhepol Axel Witsel in der Schaltzentrale. 

Aus dem deutschen Pokal ist der BVB raus, aus dem europäischen wird er bald raus sein. In der Liga beträgt der Vorsprung auf den FC Bayern immer noch stattliche fünf Punkte. Wie viel die aber wirklich wert sind, wird die sehr nahe Zukunft zeigen.

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