Joachim Herrmann sollte in der Diskussion um Ultras dringend differenzieren - auch wenn er im Sat1-Frühstücksfernsehen auftritt.
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Joachim Herrmann sollte in der Diskussion um Ultras dringend differenzieren - auch wenn er im Sat1-Frühstücksfernsehen auftritt.

Pyrotechnik und Randale

Böse, böse Ultras

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Bayerns Innenminister nutzt die Ausschreitungen bei der Begegnung Hansa Rostock gegen Hertha BSC, um eindrucksvoll zu zeigen, wie Populismus geht. Der Kommentar.

Es hat am Dienstag im Frühstücksfernsehen von Sat 1 wieder ein paar erstklassige Beiträge gegeben. So erfuhr man zum Beispiel exklusiv, wie Jenny Elvers das Sarah-Knappik-Bashing bei Promi Big Brother findet, ganz gemein findet sie das nämlich. Es gab eine MAZ zum Thema selbstgemachte Selbstbräuner, sehr lehrreich, in der Tat, und dann war da plötzlich auch noch eine Wortmeldung von Joachim Herrmann, dem bayerische Innenminister von der CSU, der eindrucksvoll zeigte, wie Populismus geht.

Diese Ultras, also da müssten sich wirklich alle unsere Fußballvereine von solchen Leuten ganz hart und klar distanzieren, sagte Herrmann mit souveräner Empörung. Mit Fußball habe das nichts zu tun, und da seien „im Ultra-Bereich auch Leute, die natürlich auch Bezüge in die extremistische Szene insgesamt haben.“ Am Abend zuvor hatte es die Krawalle beim Spiel Hansa gegen Hertha gegeben, zu diesem Zeitpunkt war das Herrmann-Gespräch bereits aufgezeichnet, und irgendwie hätte man schon gerne gewusst, wie viel Schaum dieser Mann vor dem Mund produzierte, hätte er von den Ereignissen bereits gewusst. 

Ah ja, da wären wir also wieder. Böse, böse Ultras. Zünden alles an, machen alles kaputt, nicht zuletzt natürlich die Stimmung in den Fankurven, die sie erst monopolisierten und dann monotonisierten. Die Differenzierungen, die diese Subkultur verdient, drohen längst in den Nischen dieser alten Debatte zu verkümmern. „Die Ultras“, das ist in weiten Kreisen der irgendwie fußballaffinen Öffentlichkeit das Synonym für rauchbombenwerfende, wenn-ihr-absteigt-schlagen-wir-euch-tot-grölende Druffies in schwarzen North-Face-Jacken. 

Inakzeptable Auswüchse

Die gibt es, und die generieren mit ihren tumben, schwachsinnigen Gewaltaktionen natürlich die meiste Aufmerksamkeit, und das ist ein großes Problem für all jene Ultra-Gruppen, die sich politisch und sozial engagieren, bisweilen stärker als ihre Vereine. Aber wen interessiert schon, dass Ultras Flüchtlingen helfen, dass sie mit Bannern Flagge zeigen gegen Homophobie und Rassismus, wenn man sich genauso gut über eine brennende Sitzschale aufregen kann.

Zumal auch in den Problemfällen, die es zweifelsohne gibt, immer wieder die Motivationen vermischt werden. In Rostock präsentierten Hansa-Fans eine Blockfahne der Hertha, die sie vor drei Jahren aus einem Lagerraum in Berlin geklaut hatten, worauf das große Chaos begann am Montagabend. Inakzeptable Auswüchse infantiler Ritterspiele, die inzwischen auch weite Teile der reflektierten Ultra-Szene als archaisch verurteilen. Hannover-Ultras randalierten bei einem Testspiel gegen Burnley, sie wählten damit die falsche Form des Protests gegen die bevorstehende Übernahme des Vereins durch den Hörgerätemann Martin Kind und der allgemeinen Entfremdung des Produkts Fußball von seiner Basis. Zuvor waren mehr als 100 Mitgliedsanträge kritischer Fans von 96 abgelehnt worden, ohne Begründung. Wer nicht mitreden darf, versucht bisweilen sich anders Gehör zu verschaffen.

Differenzierungen sind dringend geboten in dieser Diskussion. Selbst wenn man der bayerische Innenminister ist und im Sat1-Frühstücksfernsehen auftritt.

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