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So sieht Abstiegskampf aus: Eddie Howe (rechts), frustriert.

England

Blühende Kirschen in der Premier League

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Auch in England gibt es Märchen: Seit 2015 wird im verschlafenen Bournemouth Premier-League-Fußball gespielt.

Nach Bournemouth, heißt es, gehen die Menschen zum Sterben oder zum Sandburgenbauen. Das Klima ist mild an der englischen Südküste, das Leben leicht. Im Sommer laufen Rentner mit bunten Hawaiihemden, beigen Leinenhosen und grauen Gesundheitsschuhen in der Innenstadt auf und ab und betrachten alles ganz genau, und wenn es sie runter verschlägt, zu diesem Strand, der unendlich lang erscheint, dann können sie die Schuhe ausziehen und die Hose hochkrempeln und dem Sonnenuntergang entgegenwackeln, während das Meer in sanften Wellen ans Ufer gurgelt. Gepflegte Langeweile.

Ah. Moment mal.

Seit 2015 gibt es im verschlafenen Bournemouth, 186 000 Einwohner, eine Attraktion, die selbst die an Silvester noch zweistelligen Temperaturen in den Schatten stellt: Premier-League-Fußball. Aus den Abgründen der englischen Profisystems ist der chronisch klamme AFC Bournemouth in die aufregendste Liga der Welt geklettert, es ist ein Fußballmärchen, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten. Aber was sind schon Wahrscheinlichkeiten, wenn man einen Trainer wie Eddie Howe hat.

Der Feenstaub ist verflogen

Als der heute 40-Jährige, selbst lange Profi bei den sogenannten Cherries, den Kirschen, als völlig unerfahrener Reservecoach die erste Mannschaft übernahm im Januar 2009, war der Verein akut vom sportlichen und finanziellen Ruin bedroht. 92 Profiklubs gibt es in England. Bournemouth rangierte auf Platz 91. Die Gerichtsvollzieher gingen ein und aus im Fanshop des insolventen Vereins, sie pfändeten Trikots und Tassen und die Plüschausgabe des Maskottchens, Cherry Bear, ein Braunbär mit dauerhaft heraushängender Zunge. „Sie kamen vielleicht nicht täglich vorbei“, erzählte Howe einst dem englischen „Guardian“, „aber ein Mal in der Woche schon.“ So oft jedenfalls, bis der Fanshop leer war.

Was dann passierte, ist schwierig zu erklären. „Als Buchskript hätte es nicht viel Sinn gemacht, denn die Leute hätten gesagt: Das ist zu dick aufgetragen“, vermutet Howe, ein freundlicher Blondschopf, leicht geliger Charme, auch als Frontsänger einer Neunzigerjahre-Boyband würde er sich gut eignen. Howe gelang 2009 der Klassenerhalt, trotz eines 17-Punkte-Abzugs wegen Fehler im Insolvenzverfahren, und führte die Cherries im kommenden Jahr zum Aufstieg, trotz zwölfmonatiger Transfersperre. Und schließlich, in der Saison 2014/2015, erstmals in die Premier League.

Eddie Howe hat das mit großer Fleißarbeit geschafft und mit unermüdlicher Akribie. Er ist seit neun Jahren jeden Morgen der Erste im Büro, 6.30 Uhr – „weil ich dann ohne Ablenkung die Dinge erledigen kann.“ Er führt ein Tagebuch, in dem jede Einheit aufgeführt ist, seit er Trainer ist, und er sagt: „Es würde mir das Herz brechen, wenn ich es verlieren würde. Zurückzuschauen und zu reflektieren ist für mich genau so wichtig wie nach vorne zu schauen.“ In dem Spiralblock, Din-A4, sucht er regelmäßig im Vergangenen nach der Inspiration fürs Kommende.

Sein Job ist nicht leichter geworden in letzter Zeit. Der Feenstaub des märchenhaften Aufstiegs ist verflogen, die Premier League in der dritten Saison schon ein bisschen zum Alltag geworden, der Mensch gewöhnt sich ja an das meiste irgendwie, im Guten wie im Schlechten. Auch aus einem anderen Grund steigen die Erwartungen: Der russische Öl-Magnat Maxim Demin pumpt seit 2011 Geld in den kleinen Verein, der längst groß einkaufen kann, dank Denim und dank der TV-Gelder, die im englischen Fußball so kräftig sprudeln.

Im Sommer kam Innenverteidiger Nathan Aké für 23 Millionen Euro vom FC Chelsea, der Gesamtwert des Kaders beträgt um die 120 Millionen. Vom Europapokal soll deshalb schon die Rede gewesen sein vor dem Beginn der Spielzeit, aber die Realität heißt Abstiegskampf. Nach dem 3:3 am zweiten Weihnachtsfeiertag gegen West Ham United sind die Cherries Achtzehnter in der Tabelle, Drittletzter.

Trainingszentrum in Planung

Die Zukunftspläne des Vereins tangiert das alles nicht, ein modernes Trainingszentrum ist in Planung, bis 2020 soll außerdem ein neues Stadion das alte ersetzen, in dem lediglich 12 000 Zuschauer Platz finden. Wie lange Mastermind Eddie Howe noch Teil dieser Zukunft ist, ist offen. Zweimal hatte er Bournemouth ja bereits verlassen, zweimal kehrte er gleich wieder zurück in die Heimat. 2004 sammelten die Fans innerhalb von einer Woche 21 000 Pfund, die „Eddieshares“, und finanzierten so die Rückkehr des Verteidigers vom Lokalrivalen FC Portsmouth. 2012 gab er als aufstrebender Trainer sein Engagement beim FC Burnley wieder auf, nach einem Jahr nur. Seine Mutter war unerwartet gestorben.

Diesmal dürfte ein Abschied wohl für länger sein. Er wurde schon als englischer Nationaltrainer gehandelt und als Nachfolger des ewigen Arsene Wenger beim FC Arsenal, sollte sich der Franzose dann doch mal, irgendwann, dazu durchringen, seinen Generalschlüssel beim Londoner Topklub abzugeben. Howe würde mit seiner Kurzpassphilosophie gut passen zu Arsenal, und eigentlich könnte Wenger, 68, im Gegenzug ja nach Bournemouth ziehen, wo es diesen Strand gibt, der schier unendlich ist, und man an guten Tagen die Küste Frankreichs sieht.

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