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Kehrt dem FC Barcelona den Rücklen zu: Lionel Messi.

Messi

Bloß weg

Lionel Messi hat die Zustände beim FC Barcelona satt und will ablösefrei wechseln, der Klub will das unbedingt verhindern. Es droht ein unwürdiger Abschied.

Das Ende ist nah, es musste ja kommen. Aber so? Eine der größten Liebesgeschichten des Weltsports, zerstört in einem letzten, alles verschlingenden Streit? „Alles endet wie eine Träne im Regen. Weder Messi noch der Fußball haben das verdient“, schrieb die spanische Sportzeitung „As“.

Lionel Messi, 33 Jahre alt, will weg. Den FC Barcelona verlassen und damit, nach 20 Jahren, jenen Verein, in dem er zum sechsmaligen Weltfußballer wurde und für nicht wenige zum „Größten aller Zeiten“ reifte. Im Grunde ein unvorstellbarer Vorgang. Die Anhänger von Barça sind entsetzt, allesamt, viele zogen in der Nacht auf Mittwoch vors Camp Nou, dem Tempel des glorreichen FC Barcelona, und forderten lautstark den Rücktritt von Klub-Präsident Josep Bartomeu, dem das ganze Schlamassel zugeschrieben wird: die wirtschaftliche Schieflage, der sportliche Verfall, gipfelnd im 2:8 gegen den FC Bayern im Viertelfinale der Champions League, und nun, als schlimmstes Symptom des Untergangs, der wohl endgültige Bruch mit Messi.

Es könnte schmutzig werden. Noch hat sich der Argentinier, der mit Barcelona so viele Titel gewonnen hat und Vorbild von Millionen ist, nicht persönlich geäußert. Dass er intern mit einer Art dringlichem Einschreiben (ein sogenanntes „Burofax“) die Absicht zum Abschied geäußert hat, bestätigte der FC Barcelona, der die Klubikone aber wohl nicht einfach so ziehen lassen wird. Gratis.

Eine Klausel macht es Messi jedes Jahr möglich, seinen bis 2021 laufenden Vertrag einseitig zu k��ndigen, um danach ablösefrei wechseln zu können. Die Klausel muss eigentlich bis 30. Mai aktiviert werden, da war die zurückliegende Saison jedoch durch die Corona-Pause für Barcelona noch nicht beendet. Messis Lager, in dem sich natürlich auch ein paar ausgezeichnete Juristen befinden, argumentiert, das Zeitpunkt der Kündigung beziehe sich aufs jeweilige Saisonende. Barça pocht auf den 30. Mai.

„Totaler Krieg!“ schrieb dazu die katalanische Zeitung „Sport“ auf ihrer Titelseite in großen Lettern: „Barça wird vom Krieg Messi gegen Bartomeu bereits kaputt gemacht.“ Dem Klub werde aber am Ende nichts anderes übrig bleiben, als Messi ziehen zu lassen. Zwar nicht gratis, aber für einen Preis deutlich unter der festgeschriebenen Ablösesumme von 700 Millionen Euro, befand das Blatt.

Ein Grund für den Abschiedswunsch soll auch der neue Trainer Ronald Koeman sein. Nach seinem Amtsantritt soll der 57 Jahre alte Niederländer im Gespräch mit dem Superstar dessen Sonderstellung in Frage gestellt haben. „Ich werde unflexibel sein, man muss an das Team denken“, soll der von Bartomeu geholte Koeman gesagt haben. Zudem stehen weitere Stars, etwa Messis Sturmpartner Luis Suarez auf der Liste der Spieler, die der neue Coach nicht mehr haben will. Dies hat Koeman dem Uruguayer dem Vernehmen nach in einem kühlen, einminütigen Telefonat mitgeteilt. Messi, der auch im Zuge der Corona-Krise wegen der Gehaltskürzungen mit Bartomeu aneinandergeraten war, soll das, sozusagen als letzter Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, zu der Entscheidung getrieben haben, sofort das Weite zu suchen. Und eben ablösefrei.

Dies würde die Katalanen besonders schmerzen. Die Zeiten, in denen sie üppig Geld ausgeben konnten (und dies auch taten), sind vorbei. Eine Erneuerung der auch in die Jahre gekommenen Mannschaft kostet aber Geld. Millionen durch Messi könnten da weiterhelfen.

Und Interessenten werden seit längerem gehandelt. „Sicher würde jeder Verein auf der Welt die Gelegenheit nutzen“, schrieb die britische BBC. Aber „realistisch gesehen haben nur wenige Kandidaten die Chance“. Allen voran fallen immer wieder die Namen von Manchester City, Paris Saint-Germain und Inter Mailand.

Für alle drei gibt es Argumente, allen gemein ist: Sie hätten das Geld, sei es aus Abu Dhabi (Manchester), Katar (Paris) oder China (Mailand). Bei den Citizens, die bereits eine Machbarkeitsstudie für den Transfer in Auftrag gegeben haben sollen (mit positivem Ergebnis), käme es zudem zur Wiedervereinigung mit Coach Pep Guardiola und auch Sergio Agüero, bei der argentinischen Nationalmannschaft Dauerzimmernachbar von Messi. Auf ein Rendezvous in Paris, beim Klub des deutschen Trainers Thomas Tuchel, würde sich Messis ehemaliger Sturmpartner Neymar freuen. Die französische „L'Équipe“ allerdings schrieb schon, die PSG-Verantwortlichen befänden einen Transfer für „unmöglich“. In Mailand hat Messis Vater vor einigen Wochen schon ein Anwesen gekauft und der Sohn ein Luxusapartment in der Innenstadt. Zufall? Oder doch eine Prophezeiung?

Zuspruch bekam Messi von alten Weggefährten und Freunden. „Wow!! Ein weiterer historischer Moment!!!“, twitterte Luis Figo, einst bei Barcelona und beim Erzrivalen Real Madrid einer der großen Stars. „Respekt und Bewunderung, Leo. Meine ganze Unterstützung, mein Freund“, schrieb Barça-Ikone Carles Puyol, der zwischen 2006 und 2011 gemeinsam mit Messi dreimal die Champions League gewann.

All diese Geschichten werden, sollte es tatsächlich zum Abschied kommen, noch einmal erzählt. Von Anfang an. Wie dieser 13 Jahre alten Junge aus Rosario im Sommer 2000 nach Katalonien kam, ein schmächtiges Kerlchen, 40 Kilogramm schwer, nicht einmal 1,40 Meter groß. Er leidet an Wachstumsstörungen. Die Behandlung ist teuer, zu teuer für die sechsköpfige Familie und auch für die Newell‘s Old Boys, für die der kleine Messi seit 1995 spielt.

Also reist Messi mit seinem Vater, der ihn auch in der Folgezeit managen wird, von Argentinien nach Europa. Zielort Barcelona. Namen wie der von Pep Guardiola, Luis Enrique oder Rivaldo finden sich damals im Kader der Katalanen.

Und dann kommt da dieser Lionel Andres Messi Cuccittini. Er spielt vor. Probetraining. Vergessen ist das Heimweh. Messi hat, was er vor allem braucht: Einen Ball. Er dribbelt, düpiert seine Gegner, obwohl die ihm körperlich überlegen sind. „La Pulga“, zu deutsch der Floh, wie er schnell genannt wird, ist ein Riese am Ball – schon damals. Legendär ist die Anekdote, dass Carlos Rexach, einst Assistenztrainer von Johan Cruyff, Messi auf der Stelle verpflichtete und der erste Kontrakt auf einer Serviette besiegelt wurde.

Von da an wurde aus Messi in 20 Jahren ein sechsmaliger Weltfußballer und für viele der begnadetste Kicker, den es bisher gab. „König Leo“, „E.T.“, „Genie“, „Gott“ – es gibt praktisch nichts im Bereich der Superlative, das noch nicht über den 33-Jährigen geschrieben worden wäre. „Er ist der beste Fußballer aller Zeiten. Es ist ein Luxus, ihn im Team zu haben“, sagte einmal Barcelonas ehemaliger Kapitän Xavi über den jetzigen Kapitän der Katalanen.

Messi und der FC Barcelona – es schien sehr, sehr lange eine untrennbare Beziehung zu sein. Er erspielte sich seinen Platz in der Mannschaft und eine Ausnahmestellung auch in der Hackordnung. Messi wurde zum Alphatier, nicht laut in der Öffentlichkeit, aber mit Macht in der Kabine, und mit Macht im Verein.

„Mes que un club“, lautet das legendäre Motto von Barça, aber in Wahrheit ist dieser kleine Argentinier längst über diesen Klub hinausgewachsen, ist mehr als der Klub, der behauptet, mehr als ein Klub zu sein.

Und deshalb ist das letzte Wort auch wohl noch nicht gesprochen. Bei den Buchmachern ist von allen Optionen immer noch die wahrscheinlichste, dass Messi in Barcelona bleibt. Dieses Ende – es ist und bleibt eben ein bisschen unvorstellbar. (böl/sid/dpa)

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