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Jubilar Toni Kroos.

Toni Kroos

Bloß nicht zu viel Aufhebens

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Toni Kroos absolviert gegen die Schweiz sein 100. Länderspiel - und nimmt das Jubiläum routiniert zur Kenntnis.

Vielleicht ist Toni Kroos tatsächlich derjenige, den das schmucklose Ambiente zum Jubiläum am wenigsten stört. Ein gespenstisch leeres Stadion wie in Köln ist zwar nicht der Rahmen, den sich ein Nationalspieler zum 100. Länderspiel wünscht, aber hat dem in Greifswald geborenen und aufgewachsenen Ausnahmekönner ist ohnehin keiner für pompöse Festakte. Als Bühne reichte ihm der Rasen – der Rest ist Beiwerk. Selbst auf Teilnahme an der Pressekonferenz vor dem Spiel verzichtete er lieber und damit auch darauf, dem Bundestrainer öffentlich beizustehen. Kroos ließ dem aufstrebenden Leon Goretzka den Vortritt.

Mit dem Nations-League-Duell gegen die Schweiz (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) hält Kroos Einzug in den elitären Hunderter-Klub der deutschen Länderspielgeschichte, was bislang nur elf Fußballer vor dem Mittelfeldstar von Real Madrid geschafft haben.

Vor ihm steht noch Thomas Müller, dessen Nationalmannschaftskarriere nach 100 Länderspielen unfreiwillig abrupt endete. Unerreicht sind die 150 Einsätze von Lothar Matthäus, der inzwischen zum Chefkritiker des ewigen Bundestrainers aufgestiegen ist. Der 30-jährige Kroos hat wiederum im Nationalteam noch keinen anderen Coach erlebt: Debüt beim Testspiel gegen Argentinien (0:1) – Kroos kam nach 67 Minuten für Müller, es war - was damals niemand wissen konnte - das letzte Länderspiel von Michael Ballack. Es wurde eine Ablösung.

Seine ersten vier Einsätze bei der WM 2010 waren dann Einwechslungen zur zweiten Halbzeit, und in Erinnerung blieb vor allem eine vergebene Ausgleichschance im Halbfinale gegen Spanien (0:1). Sein Standing: Ergänzungsspieler, beim FC Bayern fühlte er sich nie voll anerkannt. Sein bestes Turnier spielte der inzwischen vom FC Bayern zu Real Madrid übersiedelte Stratege vier Jahre später in Brasilien: Wie kein Zweiter hatte Kroos verinnerlicht, was der Fußballlehrer Löw auf dem Höhepunkt der Generation Lahm und Schweinsteiger sehen wollte.

Die Nummer acht veredelte mit höchster Präzision den zielgerichteten Kombinationsstil. Im Halbfinale gegen Brasilien (7:1) lieferte Kroos als Vorbereiter und Vollstrecker die perfekte Leistung ab. Die Weltpresse verbeugte sich an jenem rauschhaften Abend in Belo Horizonte noch einmal vor dem Weltklassemann.

Vier Jahre später gehörte die Passmaschine zu denjenigen Weltmeistern, die für das Turnier in Russland zu wenig Spannkraft aufbrachten. Klar, ohne seinen künstlerisch wertvollen Freistoß im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden (2:1) hätte sich Deutschland noch früher aus dem Turnier verabschiedet, aber beim Debakel gegen Südkorea (0:2) trabte er am Ende eher unbeteiligt nebenher. Angeblich überlegte der viermalige Champions-League-Sieger recht lange, ob er danach im DFB-Dress weitermachen sollte – er verständigte sich mit Löw auf die Kompromissformel, nicht mehr zu jedem Länderspiel anreisen zu müssen.

Kroos ist aktuell mit Joshua Kimmich, der gegen die Schweiz sein 50. Länderspiel machen könnte, in der Zentrale gesetzt. Wenn die Mannschaft wie in der Ukraine (2:1) trotz eher vorsichtiger Grundausrichtung auf 68 Prozent Ballbesitz, 836 Pässe und eine Passquote von 94 Prozent kommt, dann hat Kroos natürlich seine Füße im Spiel. Gerade von einer Muskelverletzung in Madrid genesen, wirkte seine Leistung zwar eher verhalten, aber der Metronom in der Mitte kann auch wie kaum einer anderer mit seinen Kräften haushalten.

Einiges deutet darauf hin, dass die auf den nächsten Sommer verschobene EM sein letztes Turnier sein könnte. Eine WM 2022 im Wüstenstaat Katar steht gewiss nicht mehr an oberster Stelle der persönlichen Prioritäten. In dem vor einem Monat auch im ZDF gezeigten Kinofilm „Kroos“ kommt deutlich heraus, dass Ehefrau Jessica und die drei gemeinsamen Kindern Leon, Amelie und Fin der Mittelpunkt seines Lebens sind. Ohne seine martialisch anmutenden Tätowierungen – an denen seine Großeltern in der Heimat in Mecklenburg-Vorpommern wenig Gefallen finden – würde er vielleicht sogar als biederer Familienvater durchgehen. Was freilich keineswegs stimmt, weil ihm seine exorbitanten Einkünfte ein Leben mit allen Annehmlichkeiten ermöglichen. Fakt ist, dass Kroos keine glamourösen Partys braucht, um seine Glück zu finden. Wenn er sich einen Luxus gönnt, dann den nächtlichen Privatjet, um nach Länderspielen noch schnell zurück in die Wahlheimat Madrid zu kommen.

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