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Selten zu sehen in Mainz: BVB-Angreifer Mario Götze (li.), hier gegen 05-Verteidiger Stefan Bell.

Mainz 05 - Borussia Dortmund

BVB bleibt Meister im Understatement

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Der FSV Mainz 05 schwingt sich gegen den Titelkandidaten Borussia Dortmund zur vielleicht besten Saisonleistung auf.

Kann den aktuellen Bundesliga-Tabellenführer überhaupt etwas vom Weg abbringen? Ein Fehlalarm führte am zwölften Spieltag jedenfalls nicht dazu, dass die Protagonisten bei Borussia Dortmund die Fassung verloren. Lucien Favre hatte zum 2:1-Arbeitssieg beim FSV Mainz 05 am frühen Samstagabend gerade sein erstes Statement abgegeben („ein sehr, sehr, schweres Spiel“), als schrille Signaltöne erklangen und eine Stimme vom Band verlangte, den Innenbereich der Mainzer Arena wegen „eines besonderes Vorkommnisses“ zu räumen.

Den mit frankophoner Gelassenheit gesegneten Fußballlehrer schien der Aufruf ungefähr so wenig zu stören wie seine Mannschaft zuvor der vorübergehenden Ausgleich durch Robin Quaison (70.). Auf dem Platz hatte Dauerbrenner Lukasz Piszczek mit einem Kunstschuss den „etwas glücklichen, aber nicht unverdienten Erfolg“ (Sportdirektor Michael Zorc) mit jener Selbstverständlichkeit eingetütet (76.), mit der sein Trainer nach der skurrilen Unterbrechung die Pressekonferenz fortsetzte.

Der Schweizer, nach zwei Spielzeiten im schönen Nizza deutlich gelassener nach Deutschland zurückgekehrt, nutzte den Nachlauf, um einen entscheidenden Vorteil im Meisterschaftskampf zu negieren, nur weil die Bayern sich in letzter Minute noch ein vom BVB-Anhang stürmisch gefeiertes 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf einfingen. Das bedeute „überhaupt nichts“, beteuerte Favre.

Gesteigerte Qualität der Bundesliga

„Natürlich schauen wir auf die Tabelle, aber es gibt noch andere Mannschaft, die sehr, sehr stark sind.“ Der 61-Jährige zählte Gladbach, Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim auf. Ergo: „Wir müssen weiter hart arbeiten und haben noch viel zu lernen.“ Und in einer weiteren These sah sich Favre bestätigt: der gesteigerten Qualität der deutschen Spielklasse.

„Mainz war sehr, sehr gut vorbereitet. Uns haben die Präzision und die richtiger Bewegung gefehlt. Der Gegner war schwer zu destabilisieren.“ Vor allem nicht mit einer falschen Neun wie Mario Götze, der sich bis zur Unkenntlichkeit in der Mainzer Dreierkette verlor. Erst die Einwechslung der echten Neun Paco Alcacer, der sozusagen sofort sein achtes Jokertor erzielte, brach den Bann (66.). Wenige Momente Mainzer Unaufmerksamkeit, die über Sieg und Niederlage entschieden.

Ansonsten hatten die Rheinhessen in der sehr ansehnlichen Partie mit gelungenen Spielzügen, rassigen Zweikämpfen und reichlich Torraumszenen alles richtig gemacht, um 33 305 Augenzeugen in dem ausverkauften Stadion bestens zu unterhalten. Die 3-5-2-Grundordnung des Kollegen überraschte Favre offensichtlich. Diese Variante, erklärte Schwarz hernach, habe er unmittelbar nach dem Freiburg-Spiel schon im Kopf gehabt, um die beste Offensive der Liga einzubremsen. „Zwei Beine mehr da hinten“, sagte der Coach, würden mehr Sicherheit verleihen, aber der Schlüssel seien bei dem System die zwei Außenverteidiger. „Wenn die zu tief stehen, hängst du hinten drin.“ Eine Viertelstunde dauerte es, dann hatten Daniel Brosinski und Aaron Martin den Dreh raus.

Rasende Lernfortschritte

Eine Mannschaft als Prototyp aus dem Mittelbau zwang den Topkandidat auf den Titel in eine Auseinandersetzung auf gehobenem Niveau. „Kompliment an die Mannschaft. Das war ein weiterer Schritt in einem Entwicklungsprozess“, meinte Sportvorstand Rouven Schröder. Schwarz findet, in dieser Saison sei Spirit und Dynamik drin: „Wir geben ein ganz anderes Bild ab als im vergangenen Jahr.“ Die Truppe vereine viele Talent und viel Potenzial.

Wer die rasend schnellen Lernfortschritte bei den französischen Edelsteinen Moussa Niakhate, 22, und Jean-Philippe Mateta, 21, besichtigt, der muss aus Mainzer Sicht irgendwann mal auf eine Verzögerung hoffen, denn ansonsten könnte bei den beiden genau das eintreten, was bei Abdou Diallo passiert ist: dass nach nur einer Spielzeit hochkarätige Kaufinteressenten an Spieler und Verein herantreten. Wie sehr der für 28 Millionen Euro an den BVB transferierte Franzose noch mit Mainz verbunden ist, zeigte sein Kabinenbesuch, bei dem er sich das Jersey des Torschützen Quaison abholte und überstreifte. Ein Symbolbild, wie ähnlich sich die beiden Teams an diesem Tag waren.

Schwarz konnte unverblümt feststellten: „Wir haben ein Topspiel gemacht.“ Kämpferisch, spielerisch und taktisch überzeuge; und unter dem Strich war es wohl die beste Saisonleistung, obwohl der Fußballlehrer mit dieser Kategorisierung Probleme hatte. „Es sind zwei Gefühlswelten. Auf der einen Seite unsere Leistung, auf der anderen das Ergebnis. Ostern und Weihnachten hätten nicht zusammenfallen müssen, um zu punkten.“ Dem 40-Jährigen blieb letztlich nur diese bittersüße Erkenntnis: „Wir haben sehr gut gespielt, aber Dortmund hat gewonnen.“ Und sie haben auch den Mainzer Fehlalarm hingenommen wie ein Meister.

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