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Da geht?s nach Dortmund: Manuel Neuer weist den Bayern den Weg.

Bayern München

Wo bleibt die Leichtigkeit?

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Der FC Bayern sortiert sich und übt sich vor dem Klassiker in Dortmund in Demut ? es herrscht Ruhe vor dem Sturm.

Es waren lauter interessante Themen, die Manuel Neuer am Mittwochabend anschnitt. Angefangen bei der ungewohnt bescheidenen Anspruchshaltung innerhalb des FC Bayern, wo momentan jedem klar sei, „dass man hier nicht die Super-Bayern sieht“, und wo in diesen turbulenten Zeiten „kein Feuerwerk abgefackelt“ werde. Bis hin zu der Einlassung, es verstehe sich von selbst, „dass wir nicht mit Leichtigkeit auf dem Platz stehen“. In diesem Verein reden Fußballer ungern so ungeschminkt über eigene Schwächen, dennoch verlagerte sich die Aufmerksamkeit des Publikums nach einigen Minuten schlagartig von Neuer weg und hinüber ans andere Ende der Interviewzone. Dort hatte soeben Uli Hoeneß Position bezogen.

Der Präsident spricht nicht oft nach Spielen, meist lässt er die Journalisten lächelnd ins Leere laufen („Schönen Abend noch“). Doch wenn er mal an der Absperrung Halt macht, entsteht in Sekundenschnelle ein Pulk, an dessen Ende die Kameraleute Leiterchen aufstellen, um brauchbare Bilder zu bekommen. Nach dem 2:0-Sieg der Bayern in der Champions League gegen AEK Athen war so ein Moment der Rudelbildung.

Hoeneß schaltet auf Abwehr um

Hoeneß überlegt es sich sehr genau, wann er spricht, und er redet selten ohne Grund und Botschaft. Seine Botschaft am Mittwoch lautete: „Im Moment sind wir Außenseiter.“ Wenn morgen Abend das Spitzenspiel bei Borussia Dortmund ansteht, sei seine Mannschaft garantiert nicht der erste Anwärter auf den Sieg. „Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit“, wie er nicht zu erinnern vergaß.

So weit ist es gekommen, dass der Direktor der Abteilung Attacke von Angriff auf Abwehr umschaltet. Fast zwei Monate lagen zwischen dem Erfolg über Athen und dem vorangegangenen letzten Heimsieg. In dieser Zeit ist unendlich viel passiert, wofür nicht zuletzt Uli Hoeneß verantwortlich war. Für seine drastische Kritik an einem Ex-Bayer entschuldigte er sich am Mittwoch („Es hat mir sehr leid getan, Juan Bernat so beleidigt zu haben“). Der ewige Rivale aus dem Ruhrgebiet entwickelte sich in derselben Zeit derart furios, dass man selbst im Süden ein bisschen beeindruckt ist. Momentan, sagt Hoeneß, „können wir nicht nach Dortmund fahren und sagen: Ich will einen Dreier einfahren.“

Die Bayern haben genug mit sich selbst zu kämpfen und sind auch nach dem glanzlosen Kick gegen die Griechen dabei, sich zu sortieren. „Die vergangenen Wochen waren sehr kritisch“, erinnert Neuer, „es war nicht so, dass wir irgendwann mal durchatmen konnten“. In dieser fragilen Verfassung haben sie Besseres zu tun, als Kampfansagen an die Borussia zu schicken, die ihnen im Falle des Misserfolgs eh bloß um die Ohren fliegen.

Nur unterschwellig klingt das altbekannte, beinharte Selbstbewusstsein durch. Vor allem beim Präsidenten, der den aktuellen Tabellenstand wie eine kleine historische Verirrung behandelt: „Dortmund hat jetzt sechs Jahre lang Distanz zu uns gehabt, da dürfen sie auch mal vorne sein.“

Ein bisschen zu gönnerhaft klingt das, wenn man bedenkt, dass die Borussen zuletzt eine ganze Menge richtig gemacht haben und die Bayern eine ganze Menge falsch. Aber jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Am Mittwochabend war Hoeneß sogar davon überzeugt, seine Mannschaft liege in der Bundesliga auf Platz zwei, obwohl dort in Wahrheit die punktgleichen Gladbacher rangieren. „Was interessiert mich denn das Torverhältnis?“, entgegnete Hoeneß auf entsprechende Hinweise. Gleichwohl sagte er an anderer Stelle: „Wir sind nicht so arrogant, wie Sie immer denken.“

Da versteht es sich von selbst, dass er seine Aussage von Anfang Oktober, er werde Trainer Niko Kovac „bis aufs Blut“ verteidigen, aufrecht erhält. Das habe nach wie vor Gültigkeit, betonte der Präsident: „Daran hat sich nichts geändert, meine Aussagen gelten nicht nur für zwei, drei Wochen.“ Man lasse sich „am Ende der Saison an unseren Entscheidungen messen. Da muss man ein bisschen Geduld haben.“

Es ist wohl nur die Ruhe vor dem Sturm, die da in München zu besichtigen ist. Das „Mia san mia“ ist immer noch mehr als bloß ein Marketingslogan. Mats Hummels wollte in der ganzen Demut, die da plötzlich demonstrativ geübt wurde, dann auch „taktisches Kalkül“ entdeckt haben. Die Latte schön niedrig hängen und dann ganz locker drüber hüpfen.

Ganz am Ende seiner Ausführungen erlag Hoeneß aber doch der Versuchung, die Muskeln spielen zu lassen, als er die These aufstellte, die Reise nach Dortmund käme „genau zum richtigen Zeitpunkt“. Es ärgerte ihn deshalb überhaupt nicht, dass die Vorgabe von Trainer Niko Kovac, gegen AEK mindestens drei bis vier Tore zu erzielen, verfehlt wurde: „Meines Wissens haben wir am Samstag ein Spiel, wo wir das machen können.“ Drei, vier Tore gegen den BVB, auf diese Idee muss man erst mal kommen in diesen Tagen.

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