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Bleibende Kluft zwischen Fans und Liga

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Von: Frank Hellmann

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Niemand da: Leere Stadien bringen den Profifußball in die Bredouille.
Niemand da: Leere Stadien bringen den Profifußball in die Bredouille. © imago images/Zink

Die Fans vermissen ein Jahr nach den von der DFL-Taskforce angeregten Veränderungenden „großen Wurf“ im Profifußball, Liga-Chefin Donata Hopfen sieht „große Meilensteine“

Dass Christian Seifert am Ende seiner Amtszeit als Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) wenig Lust auf einen intensiven Austausch mit so manchem Fanvertreter mehr hatte, war aus einigen scharfzüngigen Anmerkungen deutlich herauszulesen. Während sich der langjährige Liga-Boss künftig darum kümmert, mit dem Konzern Axel Springer eine Sport-Streaming-Plattform abseits des Fußballs ins Laufen zu bringen, kann seine Nachfolgerin Donata Hopfen das Thema nicht mit einer Prise Geringschätzung abtun. Sie möchte das auch gar nicht. „Wir wollen die Fans wieder deutlich stärker in den Mittelpunkt rücken“, lautete eine Kernbotschaft der 45-Jährigen zum Amtsantritt.

Die neue DFL-Chefin spürt, dass die Fanorganisationen ihrer Institution in einer Mischung aus Skepsis oder Abneigung gegenüberstehen – und dass die durch die Corona-Pandemie erzwungene Absenz der Anhänger den Entfremdungsprozess zum Teil gefährlich beschleunigt hat. Unterschiedlicher könnte ein jeweils von DFL und Fanorganisationen vorgenommenes Zwischenfazit kaum ausfallen, das die Umsetzung der vor genau einem Jahr beschlossenen Reformen der von der DFL eingesetzten „Taskforce Zukunft Profifußball“ untersucht hat.

„Ein Anfang, aber kein großer Wurf“, heißt es beim Fan-Netzwerk „Zukunft Profifußball“, das sich auf die Stimmen von über 500 000 Fußballfans in Deutschland beruft. Erste Schritte dürften nicht darüber hinwegtäuschen, „dass es in vielen Bereichen nach wie vor keine Bewegung gab oder gibt“, heißt es in dem alles in allem wenig schmeichelhaften Zwischenbericht, den auch die renommierte Fansprecherin Helen Breit vom SC Freiburg unterschrieben hat. Das klingt im fast zeitgleich veröffentlichten Statement Hopfens ganz anders. „Erste große Meilensteinen konnten bereits erreicht werden – beispielsweise mit Blick auf Nachhaltigkeit und den Fan-Dialog. Wir werden die Themen weiterhin intensiv vorantreibt, um diesem einzigartigen Prozess Rechnung zu tragen.“

Am 3. Februar vergangenen Jahres hatten sich die Lizenzvereine auf 17 Handlungsempfehlungen geeinigt, die Experten aus Sport, Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft entworfen hatten. Fanorganisationen bemängeln, dass Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit gewiss noch nicht die Stützpfeiler des deutschen Profifußballs seien: „Wir können keinerlei ernsthaftes Bestreben erkennen, die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre – und damit die ökonomische Ungleichheit zu Lasten der sportlichen Integrität – zu beheben.“ Es sei noch ein „weiter Weg zu einem zeitgemäßen Profifußball“. DFL und Lizenzvereine werden aufgefordert, „ihre Arbeit an Reformen deutlich zu intensiveren.“ Es gehe „um nicht weniger als die gesamte Zukunft des Profifußballs“.

Nachhaltigkeit verankert

An dieser Stelle ließe sich natürlich anführen, dass eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder nur im Vier-Jahres-Rhythmus nach dem nächsten Medienvertrag – dann unter Hopfens Leitung – erfolgen kann, und der DFL bei der Verteilung exorbitanten Europapokal-Erlöse durch die Uefa weitgehend die Hände gebunden sind. Doch fordern Fanbündnisse „verbindliche Regeln zur Verhinderung von Finanzdoping“ auch in Deutschland. Dann ständen Finanzspritzen bei RB Leipzig, Bayer Leverkusen oder dem VfL Wolfsburg genauso auf dem Prüfstand wie Investoren bei Hertha BSC oder neuerdings dem FC Augsburg. Doch braucht die Liga nicht gerade jeden Euro? Hopfen hat in einem „Handelsblatt“-Beitrag vorgerechnet, dass die Verluste durch die Kapazitätsbeschränkungen der Stadien sich nach dieser Saison auf bis zu 1,3 Milliarden Euro summiert haben werden. Deshalb hält die DFL ganz allgemein fest, dass derart komplexe Maßnahmen für alle Klubs umsetzbar sein müssten. Soll heißen: So schnell geht das nicht.

Getan hat sich einiges beim Thema Nachhaltigkeit, das kurz vor Weihnachten in den Liga-Statuten verankert wurde. Die DFL spricht von „wegweisenden Schritten“. Alle Klubs, da gelten TSG Hoffenheim und der VfL Wolfsburg übrigens als Vorreiter, verpflichten sich über die Lizenzierungsordnung zur Nachhaltigkeit – ökologisch, ökonomisch und sozial. Der Fußball will gerade auf diesem Sektor seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, die DFL einen Nachhaltigkeitsreport veröffentlichen und erstmals in diesem Jahr auch einen Nachhaltigkeitskongress ausrichten.

Zu wenig bis gar nichts hat sich aus Sicht der Fans bei Geschlechtergerechtigkeit und Diversität, einem Menschrechtskonzepts oder der Stärkung des Frauenfußballs getan. Auch bei der Förderung von Frauen im Fußball sei zu wenig passiert, außer dass zwei Stipendien am Lehrgang „Management im Profifußball“ an Teilnehmerinnen gegangen seien. Die DFL hat mit externen Fachberatungen den Status quo ermitteln lassen und wird nun ein Hospitanz-Programm explizit für Frauen einführen. Hopfen ersparte sich an diesem Punkt einen weiteren Einwand: Die Berufung der Hamburger Medienmanagerin als Bundesliga-CEO wäre ja eigentlich das beste Gegenargument, das sich an ganz entscheidender Stelle eben doch etwas getan hat.

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