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Wirkt erschöpft und genervt: Bundestrainer Joachim Löw.

Deutsche Nationalmannschaft

Blei in Schuh und Kopf

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Mängelliste eines ungewöhnlich unentspannten Bundestrainers ist lang nach dem 3:3 gegen die Türkei, die Sekunden der Freude währen nur kurz. Abhilfe kommt nun vom Bayernblock.

Schwarzer Rollkragenpullover, Ringe unter den Augen. Joachim Löws Erscheinungsbild suggerierte Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die auch aus der – in der virtuellen Übertragung möglicherweise etwas verzerrten – Stimme des 60-Jährigen nicht recht weichen wollte. Dabei war es zuvor gewiss nicht so gewesen, dass seine ziemlich zusammengewürfelte Nationalmannschaft beim 3:3 gegen Türkei nur Murks geboten hätte. Es gab auch gute Sekunden. Die Mängelliste geriet dennoch lang.

Löw wirkt gerade etwas unentspannt. Das ist bedenklich. Der Südbadener ist gemeinhin nämlich als ausgesprochen tiefenentspannt bekannt. Er selbst sagt, er sei „enttäuscht und angefressen“. Tags darauf entschied der Bundestrainer für die nächsten Spiele in der Nations League in der Ukraine und gegen die Schweiz ein paar Personalien. Nicht mit auf den Flug am Freitag zur Partie am Samstagabend in Kiew gehen die Leute aus der zweiten Reihe: Benjamin Henrichs, Nico Schulz, Niklas Stark, Nadiem Amiri und Mahmoud Dahoud. Keine Überraschung.

Dafür düsen der komplette Bayernblock und die halbwegs von ihren Zipperlein genesenen Stammkräfte Toni Kroos und Timo Werner mit ins Risikogebiet. Löw sagte, ohne dabei allerdings auch nur den Anflug von Begeisterung auszustrahlen: „Alle sind heiß und motiviert zu gewinnen. Das kann ich versprechen.“ Wie dem auch sei: Die Verabreichung des vom ortsansässigen Boulevard herbeigesehnten „Bayerndoping für Jogi“ dürfte eher in homöopathischen Dosen notwendig werden. Der Kontrahent Ukraine liegt flach, Covid-19 und ein 1;7 in Frankreich drücken auf Physis und Psyche (siehe Bericht Seite 21).

Aber auch im deutschen Lager könnte es freudvoller zugehen. Die bleierne Zeit des grassierenden Coronavirus, ein bevorstehendes Spiel gegen einen von Covid-19 zerzausten Gegner, drei Remis in Folge, der letzte Sieg vor anno dazumal – all das nagt am Bundes-Jogi. Kein Mensch außer Co-Trainer Markus Sorg erinnert sich mehr ans 6:1 im November 2019 in Frankfurt gegen Nordirland. Es sollen sich seinerzeit, sagen Historiker, tatsächlich wildfremde Menschen jubelnd in den Armen gelegen haben.

Das taten am Mittwochabend vor 300 Leuten mit Freikarten nur die Türken. Die hatten es sich, wenn man ehrlich ist, dank ihrer Hingabe und Ausdauer vollkommen verdient, in der Nachspielzeit noch den Ausgleich zu schaffen. Genauso hatten es sich die Schweizer und Spanier neulich verdient, die deutsche Führung wieder einzuholen. „Abgeklärter, erwachsener und vielleicht dreckiger“ müssten sie einen knappen Vorsprung miteinander verteidigen, fasste Emre Can die Erfahrungen zusammen und sah dabei bedient aus. Can ist ja nicht blöd. Er weiß natürlich, dass Joachim Löw kein Trainer für dreckigen Fußball ist, und er weiß auch, dass seine Nebenleute lieber sauberer spielen als er selbst das manchmal tut. Wenngleich die Deutschen gegen erstaunlich laufstarke und gut organisierte Türken häufig unsauber tackelten. Can übrigens ausgenommen. Löw sieht überflüssige Fouls, erst recht in eigener Strafraumnähe, gar nicht gerne. Zumal eher freundliche Begleitung gewährt wurde, als zünftige Zweikampfführung eigentlich geboten gewesen wäre. Die Nettigkeiten führten prompt zu Gegentoren. Löw ist halb verrückt geworden bei deren Ansicht aus der Coachingzone.

Am Ende haben die Ärgernisse die schönen Szenen mit drei blitzsauber herausgespielten Toren von Julian Draxler, Florian Neuhaus und Luca Waldschmidt überschattet. Der Bundestrainer lobte die Lichtblitze eher pflichtschuldig – und widmete sich mit umso mehr Intensität der Problemortung: Verlust der Spielkontrolle, mangelnde Chancenverwertung, überflüssige Ballverluste in Zonen, wo es danach wehtut, ebenso schmerzliche offene Räume nach Fehlpässen, Gegnerorientierung im eigenen Strafraum. Löw: „Bei der Zuordnung müssen wir sagen: Im Sechzehner gilt Mann gegen Mann, da gibt es keine Raumdeckung. Auch Konzentration und Mentalität spielen eine Rolle.“ Das hört sich verdächtig nach dem Einmaleins des Fußballs an.

Zum Einmaleins gehört für einen Fußballtrainer aber auch, sich tunlichst zu überlegen, ob es tatsächlich sinnstiftend ist, regelmäßig mit drei gelernten Innenverteidigern aufzulaufen und so einen Mittelfeldmann weniger auf dem Platz zugegen zu haben. Der Fachmann wehrt ab: „Am System liegt es auf keinen Fall. Wir machen aus der Dreierkette ja auch oft eine Zweierkette.“ Außerdem könnten die Verteidiger vor der Dreierkette höher aufrücken.

Alles schön und gut. Und doch ist auffällig, dass die Spielkontrolle dem DFB-Team zuletzt regelmäßig entglitten ist, je mehr Defensive auf dem Feld waren. Da half es dann auch wenig gegen Spanien und jetzt gegen die Türkei, dass in letzter Minute sieben, acht Deutsche im eigenen Strafraum zugegen waren - ein Gegentor fiel jeweils dennoch. Es herrscht Redebedarf, jetzt, da endlich alle Stammkräfte nach Köln angereist sind.

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