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Blackout in der Schlussphase

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Von: Jan Christian Müller

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Spitzer Winkel, trotzdem drin: Takuma Asano (rechts) zielt genau und trifft für Japan zum Sieg.
Spitzer Winkel, trotzdem drin: Takuma Asano (rechts) zielt genau und trifft für Japan zum Sieg. © dpa

Die deutsche Spieler hadern mit dem leicht zu verhindernden Gegentreffer zum 1:2 gegen Japan.

Als sich die Sache dann erledigt hatte und alle auffällig schnell geduscht waren, sind sie einer nach dem anderen durch die langen Gänge gestapft, die die Fifa aufgebaut hat, damit die Fußballspieler mit den Medienleuten ins Gespräch kommen können. Nico Schlotterbeck war einer der Ersten, der den nach Siegen schönen, nach Niederlagen mühsamen Weg in Angriff nahm. Vor allem nach so einer unfassbar dummen Niederlage wie gegen Japan. Der Innenverteidiger von Borussia Dortmund blieb stumm.

Das 1:2 war ihm nahegegangen. Denn Schlotterbeck wusste ja: Den langen Pass in der 83. Minute aus der japanischen Hälfte hätte er professionell entschärfen müssen. Nie und nimmer hätte Takuma Asano den Ball erlaufen dürfen, Schlotterbeck versuchte noch, seinen Körper zwischen Ball und Asano zu bekommen, aber er war zuvor zu schlecht positioniert gewesen, um das noch hinzukriegen. Asano jagte den Ball ins kurze Eck, das ja eigentlich das Torwarteck ist.

Aber hätte Manuel Neuer den 1:2-Rückstand in der 83. Minute, der dann auch der Endstand blieb, verhindern können? Muss ein Keeper seiner Klasse so einen Ball abwehren? Es ist wohl auch eine Frage der Fortune. „Ich wollte, dass er mich anschießt“, erklärte der ehemalige Welttorhüter hinterher, „vielleicht hätte ich noch einen Schritt nach vorne gehen können. Schwierige Situation. Ich muss unten ja auch alles zumachen.“ In den letzten Minuten der Nachspielzeit probierte der Kapitän dann noch, im gegnerischen Strafraum für Unruhe zu sorgen – es blieb beim Versuch.

Dabei hatte es ordentlich angefangen gegen einen Gegner, dem das Herz ziemlich weit in die Hose gerutscht zu sein schien. Neuers Analyse: „Wir sind total dominant aufgetreten, hatten eigentlich die Ruhe weg in der ersten Halbzeit.“ 70 Prozent Ballbesitz. Da, so der 36-Jährige, hätte „jeder Pass eine Message“ gehabt. „In der zweiten Halbzeit nicht mehr so. Das ist für mich unverständlich.“ Mit Ilkay Gündogan war er sich einig: „Es hat sich nicht mehr jeder gezeigt.“

Und natürlich auch die ungenügende Chancenverwertung ärgerte den deutschen Kapitän Neuer: „Wir müssen zwingend das zweite und dritte Tor machen.“ Serge Gnabry und Jamal Musiala und Gündogan vergaben nacheinander Möglichkeiten erster Güte. Das kann passieren, aber dann, sagte Neuer „muss man so ein Spiel auch einfach mal 1:0 gewinnen“. Stattdessen nahm das vermeidbare Schicksal seinen Lauf.

Ein No Go auf WM-Niveau

Torschütze Gündogan ärgerte besonders der entscheidende Gegentreffer: „Aus einem einfachen Freistoß aus der gegnerischen Hälfte kommt ein langer Ball und der Spieler steht eins gegen eins. So ein Tor darf nie passieren.“ Das war in der Tat tölpelhaft. Auf Weltmeisterschaftsniveau ein No Go. Zumal Niklas Süle es zuvor verpasst hatte, den Japaner ins Abseits zu stellen. Oder anders formuliert: Süle hatte gepennt. Gündogan redete nicht drumherum: „Man auch auf seinen Nebenmann achten und schauen, dass man auf einer Linie steht und das Abseits nicht so leicht aufhebt.“ Ziemlich klare Worte.

Hatte die nicht unverdiente Niederlage am Ende womöglich auch damit zu tun, dass die Tage vor dem Spiel wegen der Debatte um die „One Love“-Binde unruhig gewesen waren? Leon Goretzka wollte das nicht ausschließen: „In der Mannschaft waren wir zwar sehr klar. Aber dass das alles nicht optimal ist, liegt auf der Hand.“ Schließlich entschieden sie sich, beim Mannschaftsfoto vor dem Spiel allesamt die Hand vor den Mund zu halten. „Wir lassen uns vielleicht die „One Love“-Binde nehmen“, erklärte Neuer hinterher, „aber wir lassen uns nicht unsere Stimme nehmen. Wir stehen für Werte ein, für Menschenrechte. Unsere Werte vertreten wir immer. Das war auch ein Fingerzeig.“

Die von der Fifa gelieferte Binde habe „total locker“ gesessen, monierte der deutsche Torwart. „Ich habe jetzt keinen Monsterbizeps, aber das war wohl ein schlechter Hersteller.“ Die Fifa-Sanktionsdrohungen seien „vom Timing her ein Wahnsinn“ gewesen.“ Die einvernehmliche Entscheidung, die in der Heimat scharf kritisiert wurde, erklärte der Kapitän recht nüchtern: „Ich wollte die Mannschaft nicht schwächen hinsichtlich Karten, einer möglichen Sperre oder sogar Punktabzug.“

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