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Das lief doch rund, fanden zumindest Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) und Fifa-Boss Gianni Infantino - gekostet hat der WM-Glanz jedoch neun Milliarden Euro.

WM 2018

Ein bisschen Hochgefühl

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Was ist von der WM geblieben? Ein Eindruck aus Krasnodar, einer Fußballstadt in Russland, die 2018 nicht auf der großen Bühne tanzte.

Der Kern von Krasnodar zeigt sich für eine russische Großstadt eher untypisch: Mit vielen Einfamilienhäusern, die der Hauptstadt der gleichnamigen Region im Süden des Riesenreichs einen besonderen Charme verleihen. Besonders, wenn vor den Feiertagen – die russisch-orthodoxen Christen feiern Weihnachten erst am 6. und 7. Januar – alles festlich geschmückt ist. Doch das gemütliche Ambiente nützt wenig, wenn der Verkehr mal wieder komplett zum Erliegen kommt. Es gibt keine unterirdischen Bahnlinien, die Busse sind oft überfüllt, und so quälen sich zu viele Autos durch zu enge Straßen in Richtung der Einkaufszentren.

Obwohl die Stadt gar nicht so viele Sehenswürdigkeiten bietet, wächst sie stetig, weil sie neben Moskau und Sankt Petersburg eine der wenigen Zufluchtsorte für Arbeitssuchende ist. Durch die vielen Universitäten bleibt die Bevölkerung jung. Das frühere Jekaterinodar, das seit kurzem offiziell den Status der Millionenstadt trägt, steht nicht nur klimatisch eher auf der Sonnenseite. Ihren modernen Charakter hat der Oligarch Sergei Galizki entscheidend mitgeprägt, der hier vor mehr als 30 Jahren mit kleinen Verkaufskiosken anfing. Bald wurde daraus eine der erfolgreichsten Einzelhandelsketten im europäischen Teil von Russland mit bis zu 20 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Gleichwohl war sein Zentrum außen vor, als sich der von Wladimir Putin mit strenger Hand gelenkte Staat mit der Fußball-WM 2018 auf die größte Bühne des Weltsports begab – und dabei ungeachtet aller politischen Wirrungen bei den Besuchern viel sympathischer und ihre Bewohner viel empathischer rüberkamen als anfangs gedacht. Krasnodar bekam vom großen Kick allenfalls Spurenelemente ab. Viele sagen: Das war vom Kreml genauso gewollt, denn der Fokus sollte auf das auch „Klein-Moskau“ genannte Sotschi gelenkt werden. Die ebenfalls zur Region Krasnodar gehörende Olympiastadt liegt Luftlinie nur 170 Kilometer entfernt.

Das gewaltige Investment für die Olympischen Winterspiele 2014 musste zur späten Rechtfertigung ja noch eine Fußballnutzung erfahren. In dem Badeort hat seit dieser Saison der PFC Sotschi als Nachfolger von Dynamo Sankt Petersburg einen von oben verordneten Neustart in der zweiten Liga unternommen. Bislang ist das noch keine gute Idee, um dem Fisht-Stadion wieder Leben einzuhauchen.

Krasnodar blieb im WM-Sommer nur übrig, Trainingsquartiere anzubieten. Im Großraum suchten sich mehrere WM-Teilnehmer ihr Basiscamp. Schweden und Island verschlug es in das Touristenzentrum Gelendschik direkt an der Schwarzmeerküste, die spanische Nationalmannschaft zog gleich in Galizkis Sportakademie. Dass die Seleccion sich dann im Achtelfinale gegen den Gastgeber im Moskauer Luschniki-Stadion aus dem Turnier verabschiedete, passte irgendwie ins Bild. Denn Anfang 2018 hatte Galizki, der Sohn eines armenischen Vaters, sein florierendes Unternehmen Magnit an die staatliche VTB Bank veräußert. Nicht ganz freiwillig, hieß es. Ergab sich der Eigentümer, der den Milliardendeal mit dem Statement „Nichts ist für immer“ versah, dem Druck aus Moskau?

Sein Vermächtnis für Krasnodar stellt die grüne Wohlfühloase dar, die von Einheimischen nur „Park Galizkowo“ genannt wird. Ein gepflegtes 23-Hektar-Areal mit Wasseranlagen, Spielplätzen und einem kleinen Amphitheater. Auf seinem Instagram-Profil zeigt sich der Gönner hier bei einem Spaziergang, aber im Alltag bewegt sich der 51-Jährige lieber mit seinem Hubschrauber. Seine Beliebtheit leidet unter solchen Widersprüchen nicht. Im Gegenteil: Fast jeder schwärmt von seinen Bauwerken oder seinen Wohltaten – oder von seinem Fußballklub.

Galizki gründete 2008 auch den FK Krasnodar, deshalb gehört Tatjana zu seinen größten Bewunderern. Sie betreibt im Kreis Krasnodar einen Kiosk, an dem bei einem frisch gebrühten Kaffee gerne die Probleme der Welt und die Lage des Fußballs besprochen werden. Tatjana fährt mit Kind und Kegel zu den Heimspielen, und sie erzählt, dass der Eigner seinen Spielern nach jedem zehnten Tor eine teure Uhr schenkt. So viel Aufmerksamkeit kommt bei den Akteuren offenbar gut an, denn das Team liegt nach der Hinrunde in der Premjer Liga nur einen Punkt hinter Tabellenführer Zenit St. Petersburg auf Platz zwei. Die Aushängeschilder aus der Hauptstadt – ZSKA, Spartak und Lokomotive Moskau – reihen sich erst dahinter ein.

Strittig, ob die gewaltigen Investitionen für das russische Sommermärchen sinnvoll angelegt waren, denn die WM hat inklusive aller Neubauten und Reparaturen nach offiziellen Angaben knapp neun Milliarden Euro gekostet. Eines wurde aber definitiv erreicht: ein gesteigertes Interesse am russischen Fußball. Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow stieg zum bekanntesten Schnurrbartträger des Landes  und seine Nationalelf sogleich noch in die A-Kategorie der neuen Nations League auf. Auch die Vereine, die immerhin 22 Spieler aus dem WM-Kader stellten, bekamen etwas vom Hochgefühl ab: 17 000 Zuschauer kamen bis zur Winterpause im Schnitt – nie war der Zuspruch im russischen Oberhaus höher. Noch in der Saison 2014/15 lag der Durchschnittsbesuch bei knapp mehr als 10 000 Fans.

Die WM-Stadien tragen ihren Teil bei, obwohl in Wolgograd und Kaliningrad, Saransk oder Nischni Nowgorod keine Erstligisten beheimatet sind. Die Regierung hat inzwischen ein Konzept zur Weiterentwicklung des WM-Erbes verabschiedet: 130 Millionen Euro dürfen dafür die nächsten vier Jahre ausgegeben werden. Ziel: Mehr Nachwuchs für den Fußball zu begeistern. Krasnodar gilt seit jeher als sportbegeisterte Metropole. Die moderne, 34 200 Zuschauer fassende Heimstätte, die 2016 mit einem Länderspiel der Sbornaja eingeweiht wurde, ist fast immer ausverkauft. In der Europa League kam der Verein als Gruppenzweiter punktgleich mit dem spanischen Rekordsieger FC Sevilla weiter und trifft im Sechzehntelfinale auf Bayer Leverkusen. Wenn die Werkself am 14. Februar zum Hinspiel vorstellig wird, soll der deutsche Bundesligist den Aufwind des russischen Fußballs zu spüren bekommen.

Erik Stoffelshaus, der zuvor beim FC Schalke 04 im Management arbeitete, ehe er vor zwei Jahren Sportdirektor beim Champions-League-Teilnehmer Lokomotive Moskau wurde, sagte kürzlich im „Kicker“, dass die WM viele Bereiche angestoßen habe. Verbesserungen beträfen vor allem die Infrastruktur: „Damit meine ich nicht nur die Stadien, sondern auch das ganze Außenrum wie Flughäfen, Straßen und Bahnhöfe. Die Liga versteht langsam, welch enormen Beitrag die WM geleistet hat, sie bei der Vermarktung voranzubringen. Es macht viel mehr her, ein Spiel aus einer modernen Arena zu übertragen, als vorher teilweise aus einer rostigen Bezirkssportanlage.“

Doch nicht alle sind der Überzeugung, dass für die hohen Summen wirklich Werthaltiges entstanden ist. Krasnodar dient abseits der touristischen Anziehungspunkte in Moskau und Sankt Petersburg gerade als abschreckendes Beispiel: Die notdürftig ausgebesserten Fahrbahnen sind im ersten Winter nach der WM wieder kaputt, der Bau einer U-Bahn oder einer Art Seilbahn über die Stadt erst mal vom Tisch. Dafür bröckelt die Farbe von den damals schnell gestrichenen Bahnhofswänden.

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