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Toni Kroos (rechts) und Leon Goretzka sollen auch gegen Nordirland Grund zum Jubel haben. 

Fußball-Nationalmannschaft der Männer

Binnenklima sonnig, Außenwahrnehmung herbstlich

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Bundestrainer Joachim Löw ist der EM-Lostopf egal, die Rechnung ist ohnehin zu kompliziert – Erster in der Gruppe will er trotzdem unbedingt werden.

Am Montagmorgen hat sich Bundestrainer Joachim Löw in aller gebotenen Frühe mit Jens Grittner, Pressesprecher der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, bei einem doppelten Expresso in der Frankfurter DFB-Teamherberge zusammengesetzt. Die beiden haben sich dann wirklich alle Mühe gegeben, die Fachliteratur des europäischen Fußballverbandes Uefa zu kapieren. Sie wollten so ergründen, ob es nicht sogar besser sein könnte, statt als Erster lieber als Tabellenzweiter aus der Qualifikationsorgie für die im kommenden Sommer stattfindende EM-Endrunde herauszugehen. So könnten – vielleicht, vielleicht aber auch nicht – stärkere Gegner gleich zu Beginn des paneuropäischen Turnier 2020 vermieden wären.

Nun sind weder Joachim Löw noch Jens Grittner Fachleute der gehobenen Mathematik, dafür gibt es in der Uefa ja schon genug, weshalb sie dann aufgegeben haben, weiter zu rechnen. Der Satz des Pythagoras wäre ohnehin einfacher zu verstehen gewesen als das Prozedere bei der Auslosung am 30. November, das übrigens, kein Aprilscherz, am 1. April 2020 noch mal über den Haufen geworfen werden könnte. Denn erst dann stehen die letzten vier, über die Nations League zu ermittelnden Qualifikanten fest. Amateur-Arithmetiker Löw hat daraus den professionellen Schluss gezogen: „Es ist mir wurscht, ob wir in Lostopf eins oder zwei landen.“

Demnach ist es rechnerisch also wurscht, ob Deutschland am heutigen Dienstagabend in Frankfurt (20.45 Uhr, RTL) die Nordiren schlägt und so Platz eins vor den Niederlanden sicher verteidigt. Atmosphärisch ist es aber natürlich keinesfalls wurscht, weshalb Löw seine Leute siegen sehen will. Schließlich geht es auch darum, die seit dem WM-Aus 2018 wie Mehltau über dem Nationalteam liegende Moll-Atmosphäre zu vertreiben. Was schwierig genug wird. Das Publikum ist kritischer geworden mit seiner Nationalmannschaft über die Jahre. Sie wird - anders, als das im Verband noch immer einige Leute glauben machen wollen oder tatsächlich glauben - nicht mehr als das berühmte letzte Lagerfeuer der Nation wahrgenommen.

Dabei hat es auch früher schon unter Helmut Schön, Jupp Derwall, Erich Ribbeck und Rudi Völler Qualifikationsspiele gegeben, die ähnlich verliefen wie jenes 4:0 am Samstag gegen Weißrussland. Mittelfeldspieler Toni Kroos hat darauf nicht zu Unrecht am Montag im muffigen Presseraum der Frankfurter Fußballarena hingewiesen. „Ich glaube eher nicht, dass Deutschland vor zehn Jahren gegen Weißrussland attraktiver gespielt hätte.“

Ohnehin ist die Binnenwahrnehmung offenbar eine vollkommen andere als der Blick vieler von draußen. Glaubt man den Protagonisten (was man freilich nicht immer tun sollte), dann ist das Klima, das in der Mannschaft herrscht, allemal heiter. Was auch damit zu tun hat, dass gleich elf der Burschen aus den selben Jahrgängen 1995/96 kommen und sich deshalb schon seit frühen Jugendtagen aus den Nachwuchs-Auswahlteams kennen. Die gemeinsamen Erinnerungen verbinden.

Toni Kroos, Jahrgang 1990 und somit in einer Big-Brother-Rolle, hat jedenfalls keinen Zweifel, dass alles gut war mit dem Umbruch - und somit auch mit der Verabschiedung seiner jahrgangsnahen Bekannten Sami Khedira (Geburtsjahr 1987), Mats Hummels (88), Thomas Müller (89) und Jerome Boateng (88). „Es war nötig. In einer anderen Formation wäre es nicht besser geworden.“ Kroos formulierte das mit einem nonverbalen Ausrufezeichen.

Wie gut es um das Binnenklima bestellt ist, haben sie alle miteinander am Sonntag erfahren. Da stießen auf DFB-Einladung die Langzeitverletzten Julian Draxler, Kevin Trapp, Toni Rüdiger und Thilo Kehrer dazu, deren Fehlen den Bundestrainer zu einem „Umbruch im Umbruch“ nötigte. Löw hofft inständig, dass alsbald alle wieder ins Laufen kommen. Auch Luca Waldschmidt, dem nach seinem bösen Zusammenprall mit dem weißrussischen Torwart nun am Montag in Freiburg die Mittelgesichtsfraktur gerichtet wurde.

Dienstagabend gegen Nordirland wird der Bundestrainer den Torwart André ter Stegen wie angekündigt in die Startelf bugsieren, auch Jonas Hector darf von Beginn an links verteidigen, und, ja, tatsächlich könnte Niklas Stark aus Berlin endlich sein Debüt erleben. Achtmal war der 24-Jährige schon im Kader, nie hat er gespielt und ist damit nominierter Rekord-Nichtnationalspieler. Gerade muss er nach einem Nasenbeinbruch eine Maske tragen. Ein Restrisiko bleibt.

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