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Keine Zeit, keine Zeit: Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter der Nationalmannschaften, hat einen komplexen Terminplan.

Nationalmannschaft

Bierhoffs Strippenzieher Joti Chatzialexiou

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    Frank Hellmann
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Wie der ehemalige Frankfurter Amateurspieler und neue Sportliche DFB-Leiter Joti Chatzialexiou sich daranmacht, den deutschen Fußball zu reformieren: "Ich denke gerne groß".

Es ist nicht so einfach, einen Termin mit Panagiotis Chatzialexiou zu bekommen. Der Mann ist viel unterwegs. Das erste Treffen, das vereinbart wurde, muss gleich um mehrere Tage verschoben werden, ein Termin in den USA ist dazwischengekommen, beim zweiten ändert sich kurzfristig noch der Ort des Interviews, wenn auch nur um einige Kilometer – vom Büro in der DFB-Zentrale im Frankfurter Stadtwald hin zu einem Besprechungsraum in einem Flughafenhotel.

Dort ist der Tag für den neuen Sportlichen Leiter der deutschen Fußball-Nationalmannschaften pickepackevoll. Aber Chatzialexiou, der Frankfurter Bub mit griechischen Wurzeln, den sie im Verband alle „Joti“ nennen, wirkt trotz des vorhergegangenen Sitzungsmarathons in den anderthalb Stunden des Gesprächs nicht getrieben. Zuvor hat der 42-Jährige mit Direktor Oliver Bierhoff und weiteren Mitarbeitern über die komplizierten Planungen für die neue Akademie gesprochen, die der DFB bis 2021 an der alten Galopprennbahn fertiggestellt haben will. Hinterher kommen alle Nachwuchstrainer, Scouts und Videoanalysten zum zweitägigen Zielworkshop. 

Chatzialexiou ist der Mann, der öffentlich noch im Schatten stehen mag, intern aber viele Fäden bereits so fest zusammenbindet und Strippen zieht, dass er längst als unverzichtbar gilt. „Im Grunde“, sagt der für den Elitebereich zuständige Oliver Bierhoff, „hat Joti bei uns jahrelang schon die Arbeit von drei Sportdirektoren gemacht.“ Chatzialexiou war der Mann, der Matthias Sammer, Robin Dutt und Hansi Flick den Rücken freihielt. „Ich war ein enger Mitarbeiter der Sportdirektoren und die Schnittstelle ins Haus hinein.“ 

Joti Chatzialexiou arbeitet seit 2003 beim DFB

Mit dem Haus ist der DFB gemeint, Chatzialexiou arbeitet seit 2003 dort und kennt sich entsprechend gut aus. Und er weiß, wiewohl selbst eher ein ungeduldiger Mensch, dass mitunter dicke Bretter gebohrt werden müssen, ehe alle haupt- und ehrenamtlichen Funktionsebenen überzeugt worden sind. „Als Sportdirektor“, sagt er leise, aber sehr bestimmt, „musst du dich auch auf die Gremienarbeit einlassen. Du musst die Menschen von deinen Inhalten überzeugen, dann gehen sie den Weg mit dir mit!“ Auch wenn die Überzeugungsarbeit mitunter lästig sein kann. Die vormaligen Trainer Sammer, Dutt und Flick hatten irgendwann genug davon, Joti Chatzialexiou noch lange nicht.

Vor der Weltmeisterschaft 2006 war der Mann mit dem Zungenbrechernamen Assistent des Generalsekretärs und WM-Cheforganisators Horst R. Schmidt. Eine harte Schule, in der er auch das „Verbundsystem Uefa und Fifa“ kennenlernte und von seinen umfangreichen Sprachkenntnissen profitierte. „Ich habe in dieser Zeit viel mitgenommen und gelernt, wie viele Facetten der Fußball und die Organisation dahinter haben.“ Und er lernte Oliver Bierhoff kennen.

Den Ex-Nationalstürmer bezeichnet Chatzialexiou als „sensationellen Chef, der nicht kleinkariert denkt und seinen Mitarbeitern Freiräume lässt, sich zu entwickeln“. Bierhoff sei „ein Glücksfall für den DFB, weil er Visionen hat und bestens vernetzt ist.“ Der extrem ehrgeizige Chatzialexiou selbst ist wahrscheinlich ebenfalls ein ziemlicher Glücksfall für den Verband. 

Einer, der sich was traut und unbequem sein kann. Seit Jahresbeginn verantwortet der Mann mit dem einnehmenden Lächeln auch den Frauenfußball. Das Aushängeschild, die Nationalmannschaft, macht einige Sorgen, nachdem der ehemalige Präsident Wolfgang Niersbach handstreichartig die unerfahrene Steffi Jones als Bundestrainerin installiert hatte. Chatzialexiou führte nicht nur viele Gespräche, sondern reiste im Februar mit in den USA zum She-Believes-Cup. Bei diesem Einladungsturnier stellte er vor Ort schnell fest, dass unter Jones mit den DFB-Frauen nicht mehr viel geht und empfahl Bierhoff und dem Präsidium um Reinhard Grindel, die Frankfurterin als Bundestrainerin abzusetzen. Die hörten auf ihn, was einiges über das Vertrauensverhältnis aussagt. Bierhoff weiß, dass er sich auf Chatzialexiou verlassen kann. Der sieht sich als Bierhoffs durchaus selbstbewussten Bruder im Geiste: „Ich bin ein Gestalter und denke gerne groß.“

Als Aktiver musste der Mittelfeldmann Chatzialexiou allerdings ein wenig kleiner denken. Er spielte auf gehobenem Niveau, aber dennoch weit weg von der Spitze. Aufgewachsen in Frankfurt-Sachsenhausen, musste der Sohn griechischer Gastarbeiter als Kind eine Dreiviertelstunde zu Fuß zum Training bei der VfL Germania 94 laufen und hinterher ebenso lang wieder nach Hause. Später hat der eher feingliedrige Spieler dann in den Kreativzentralen der ambitionierten Amateurklubs FC Bad Vilbel, SpVgg Neu-Isenburg, Union Niederrad, SpVgg Oberrad und Viktoria Kelsterbach gekickt und sich dabei auch das Studium der Sportwissenschaften an der Frankfurter Uni mitfinanziert. „Ich war ein eher langsamer Spieler, aber meine Trainer haben mir stets ein gutes Spielverständnis attestiert.“ 

Nachwuchstrainer bei der Eintracht

Seine Magisterarbeit schrieb er über Verletzungen an der Lendenwirbelsäule. Bei der Frankfurter Eintracht war der Vater einer Tochter, der nach der WM zum zweiten Mal heiraten wird, zudem acht Jahre lang Nachwuchstrainer und bildete unter anderem Nationalspieler Emre Can mit aus. Nach wie vor ist er Spielertrainer der Mitarbeiter-Nationalmannschaft des DFB, seine Führungsqualitäten sind unbestritten, seine punktgenauen Diagonalpässe gelten als gefürchtet. 

Fragt man Joti Chatzialexiou nach sportlichen Vorbildern, kommen für einen in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Frankfurt aufgewachsenen Fußballer überraschende Antworten, die so gar nichts mit Tony Yeboah, Uwe Bein, Manni Binz oder Jay-Jay Okocha zu tun haben. Schon der junge Joti hat sich an der absoluten Spitze orientiert, war ergo eher Bayern- als Eintracht-Fan und ist für NBA-Spiele mit Basketballikone Michael „Air“ Jordan nachts aufgestanden. Außerdem findet er Uli Hoeneß gut, nicht weil der ein schneller Stürmer war, sondern weil der Präsident des FC Bayern ein Manager mit Herzblut ist. 

Herzblut für den Fußball steckt auch in Joti Chatzialexiou mehr, als selbst seine Familie mitunter nachvollziehen kann. Wenn er im Frankfurter Niddapark unweit seines Wohnortes joggen geht, kann es passieren, dass er die Zeit vergisst. Dann sieht man einen schmächtigen Mann in Sportklamotten auf dem Gelände von Blau-Gelb Frankfurt, der sich abwechselnd die Spiele der kleinen Jungen aus der E-Jugend, der U12-Mädchen und der U15-Junioren anschaut. Er will wissen, was an der Basis los ist, und findet, dass die Kinder hierzulande oft schon viel zu sehr in ein System gepresst werden und zu selten kritiklos Fehler machen dürfen, um zu lernen, wie man es besser macht. „Die südeuropäischen Nationen gehen mit einer anderen Grundhaltung ans Fußballspielen. Genau dieses Selbstverständnis, einfach nur spielen zu wollen, wünsche ich mir auch bei uns in den jungen Altersklassen.“ 

Grundsätzlich sieht Chatzialexiou die Gefahr, die vielen Talente im deutschen Nachwuchsfußball könnten Klubs und Dachverband dazu verführen, „dass wir zu viel selektieren und zu wenig ausbilden“. Und wer ihm zuhört, hat keine Zweifel, dass da einer diese Gefahr sehr bestimmt zu bannen versucht: „Wir als Verband müssen mit unserer Akademie als Motor in allen Bereichen am Puls der Zeit sein.“ Besser hätte es Oliver Bierhoff auch nicht sagen können.

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