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Er sieht den Sternenhimmel gerade nicht, aber das soll wieder werden: DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

Nationalmannschaft

Bierhoffs Ruckrede

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der Manager will die „dunkle Wolke“ über dem DFB-Team vertreiben: Oliver Bierhoff räumt Fehler ein, wirbt aber auch um Verständnis.

Es ist gewiss nicht so, dass Oliver Bierhoff dort draußen in seinem privaten Refugium am Starnberger See nicht mitbekommen hätte, wie es gerade ums Land im Allgemeinen und um die Nationalmannschaft und den Deutschen Fußball-Bund im Besonderen steht. Der Manager mag vielen als Inbegriff des schnöden Vermarkters und Geldvermehrers erscheinen, die Wahrheit trifft das jedoch nur zum Teil. Zuletzt hat der DFB-Direktor laut Selbstauskunft vermehrt das Ohr an den kleinen Leuten von der Straße gehabt, und was der 52-Jährige da hörte im Gespräch mit Taxifahrern und Handwerkern, hat ihm nicht gefallen. Der Liebesentzug ist nämlich monumental.

Geraume Zeit hat Bierhoff das nicht recht wahrhaben wollen, so schien es jedenfalls. Aber jetzt, da er Montagmittag in Leipzig in einer virtuellen Pressekonferenz vor den Länderspielen am Mittwoch gegen Tschechien, Samstag gegen die Ukraine und Dienstag in Spanien sitzt, sieht es verdächtig danach aus, als habe er verstanden. Bierhoff hatte einen Zettel dabei, damit er nichts vergisst: „Wir haben Sympathien verspielt. Wir sind nicht mehr der Deutschen liebstes Kind und auch nicht mehr das Lagerfeuer der Nation. Das ist Fakt.“ Das war der Auftakt zu einer Ansage des Aufbruchs, einem Appell auch an die latent ungnädig nörgelnden Medien, einer Ruckrede, die man in dieser Vehemenz noch nie vom seit 16 Jahren amtierenden DFB-Spitzenfunktionär Oliver Bierhoff gehört hat.

Die Grundschuld an der verlustig gegangenen Kuschelstimmung am Lagerfeuer verortet er noch immer bei der vermaledeiten Weltmeisterschaft 2018 in Russland - dem unrühmlichen Aus als Tabellenletzter in der Vorrunde als Ausfluss des Hochmuts von Manager, Trainer und Team. Seitdem begleitet das Publikum die „Mannschaft“ mit einer zunehmenden Leidenschaftslosigkeit, ja geradezu Abneigung, die Bierhoff irritiert, aber nicht ignoriert. Es habe sich „eine dunkle Wolke über die Nationalmannschaft geschoben“, es tue ihm „sehr weh, wie gerade mit den jungen Spielern umgegangen“ würde. „Ich sehe müde Gesichter in der Kabine“, er erkenne dort auch „Frust und Anspannung“, noch befördert von der Isolation in der Corona-Situation.

Bierhoff stellt sich wie ein Vater vor seine Kinder: Er rügt „die Tonalität und die Stimmung, die hineintransportiert wird“. Dabei sei diese neuformierte Mannschaft doch gar nicht verantwortlich für die verkorkste WM 2018. „Diese Jungs packen das an, die machen das mit Leidenschaft und sind stolz, dass sie in der Nationalmannschaft spielen. Die haben keinen Bock, dass das, was wir 2018 hatten, noch mal passiert.“ Andere Nationen seien nach so einem Turnier „zwei, drei Jahre ganz abgetaucht“. Diese Mannschaft nicht, aber er spüre, wie sehr die Spieler gerade in dieser schwierigen Corona-Zeit unter „zum Teil hämischer Kritik“ litten. „Es geht hier nicht um Mitleid, wir haben eine hervorgehobene Position, aber es sind auch nur Menschen.“ Menschen, die „Vertrauen verdient“ hätten, das „sie auch zurückzahlen werden“.

Mittwochabend (20.45 Uhr) gegen Tschechien werde eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die im Durchschnitt auf „sieben Länderspiele pro Spieler“ komme. Bierhoff bittet deshalb inständig um einen Vertrauensvorschuss in den Medien, um „positiven Spirit“, darum, mehr das anzuerkennen, „was erreicht wurde“ und nicht das zu unterstreichen, „was nicht erreicht wurde“, auch darum, „positiven Geist zu schüren“ im Sinne der nationalen Sache. Aber er sieht auch ein: „Wir haben neue emotionale Momente noch nicht aufbauen können.“

Gleichwohl werde, was den vielkritisierten DFB in seiner Gesamtheit angehe, „viel gute Arbeit“ zu schlecht dargestellt. „Was da von unseren 400 Mitarbeitern bis hinunter an die Basis geleistet wird, ist beeindruckend.“ Aber es dringt nicht durch, es ist „in der Wolke nicht sichtbar“, wenn die Chefs sich streiten. Präsidiumsmitglied Bierhoff sieht das ein: „Wir haben nicht dazu beigetragen, dass das Bild des DFB besser wird. Wir haben uns mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt“ und zu wenig mit dem Fußball an sich.

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