Digitalisierung im Sport

Bierhoff und die Daten im Bauch

  • schließen

Der Nationalmannschaftsmanager ist mit einigen Bundesligamanagern in die USA geflogen, um den deutschen Fußball für die Zukunft flott zu machen. Die Folgen könnten weitreichend sein. Ein Kommentar.

Daten werden immer entscheidender“, sagte Oliver Bierhoff. Er stand vor einer Bücherecke bei diesem Interview mit einem Onlineportal und sah aus wie ein Juniorprofessor für Architektur, als er über Chancen und Risiken digitaler Einflüsse im Fußball parlierte. Kernaussage: Das Bauchgefühl reicht nicht mehr aus, wenn man die richtigen Entscheidungen treffen möchte. Und auch nicht das Buchgefühl.

Die Digitalisierung ist dem Direktor der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein großes Anliegen. Auch deshalb hat Bierhoff nun die große Reise in die USA gemacht, mit zahlreichen Bundesliga-Managern und DFB-Trainern, denen er zeigen möchte, wie die Zukunft des Sports und damit auch des Fußballsports aussehen kann, und eigentlich bereits die Gegenwart. Mit dem ungehemmten Gründergeist des Silicon Valley im Rücken fällt innovatives Denken womöglich leichter als im ewig hadernden Europa mit seinem Aber-früher-haben-wir-das-auch-so-gemacht-Credo. Das Team Bierhoff sucht frischen Input an einem Ort, der näher an der Zukunft steht als jeder andere.

Auf die Folgen in der Alten Welt darf man gespannt sein, aber sie könnten weitreichend sein. Müssen Bundesliga-Fans bald vielleicht auf das traditionelle Signaturfoto verzichten, mit dem die Klubs Neuzugänge oder Vertragsverlängerungen verkünden? Als American-Football-Profi Josh McCown nämlich im vergangenen Jahr einen neuen Zehn-Millionen-Dollar-Kontrakt beim NFL-Team New York Jets unterzeichnete, tat er das übers Smartphone, per App, in seinem Auto sitzend, während er in einem Fast-Food-Restaurant auf sein Hühnchenfilet wartete. Das Beweisfoto postete er in den sozialen Netzwerken.

Aber das sind höchstens Randerscheinungen eines massiven Phänomens, das den Profisport nicht weniger verändert als die ganze Welt um ihn herum. Die Digitalisierung sorgt für den größten Wandel im Sport seit 100 Jahren. Sie hat nicht nur weitreichenden Einfluss auf die Vermarktungsmöglichkeiten der Klubs und auf das Konsumverhalten der Fans, sondern auch auf Trainingslehre und Spielanalyse in den Profiabteilungen. Die einzelnen Bereiche lassen sich praktischerweise verbinden. Wenn über einen Chip in den Trikots Echtzeitdaten für die Trainer gesammelt werden, so ist es sicherlich auch für den geneigten Fan auf dem Sofa nicht uninteressant zu erfahren, wie hoch der Puls des Schützen ist, wenn der den Elfmeter zwei Meter übers Tor schießt. Nur so, fürs Bauchgefühl.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare