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Mach’s gut: Manuel Neuer verabschiedet Bibiana Steinhaus.

Bundesliga

Bibiana Steinhaus hinterlässt eine große Lücke

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus beendet ihre Karriere auch deshalb, weil die physischen Anforderungen so hoch sind.

Das letzte Spiel der berühmtesten deutschen Schiedsrichterin auf großer Bühne benotete das Fußballorgan „Kicker“ gewohnt in nüchterner Fachlichkeit: „Note 2,5, nicht immer richtig bei der Bewertung von Fouls, ansonsten ohne größere Probleme.“ Viele andere Menschen aus der Branche begleiteten den vorzeitigen und überraschenden Abschied von Bibiana Steinhaus ungleich emotionaler. Die erste weibliche deutsche Unparteiische in der Fußball-Bundesliga hat am Mittwochabend um 22.20 Uhr mit dem Schlusspfiff des Supercups zwischen Bayern München und Borussia Dortmund ihre aktive Karriere auf dem Platz beendet. Das ist bedauerlich: Die 41-Jährige hätte - entsprechende Fitness vorausgesetzt - noch sechs weitere Jahre bis zum Erreichen der Altersgrenze auf Spitzenniveau pfeifen können. So bleibt es bei 23 Bundesligaeinsätzen und 92 Spielen in der zweiten Liga, ehe sie mit einem Blumenstrauß aus den Händen von Ligachef Christian Seifert in ihr letztes Pflichtspiel geschickt wurde. Danach kamen viele Profis und verabschiedeten sich mit ehrlichem Bedauern.

Warum sie nach einem ausführlichen Gespräch mit Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich schon so zeitig Schluss macht? „Wie viele Menschen in der Zeit der Corona-Situation habe ich manches reflektiert und neu bewertet“, zitiert sie der DFB auf seiner Homepage. Über die tieferen Gründe ihres Rückzugs wolle sie sich „zu gegebener Zeit“ ausführlicher äußern.

Verletzungsbedingte Rückschläge begleiteten ihre Karriere, die sie erst 2017 bis in die Bundesliga brachte. Immer wieder warfen Trainingspausen sie zurück. Bei der Frauen-WM 2019 hatte die sechsfache nationale „Schiedsrichterin des Jahres“ und viermalige Welt-Schiedsrichterin wegen einer Muskelverletzung vorzeitig abreisen müssen. Seit einigen Jahren ist die im Harz geborene Polizistin mit dem ehemaligen englischen Fifa-Referee Howard Webb liiert, der in New York lebt.

Nach FR-Informationen hat ihr Karriereende sowohl mit der privaten Situation und der Familienplanung als auch vor allem mit ihrem physischen Zustand zu tun.

Denn die hohen Anforderungen an Antrittsschnelligkeit und Ausdauer, die für alle Bundesligareferees gleichermaßen gelten und die bei obligatorische Leistungstests regelmäßig erbracht werden müssen, hat Bibiana Steinhaus zuletzt nicht mehr nachweisen können. Gefordert werden unter anderem sechs 40-Meter-Sprints in maximal sechs Sekunden und höchstens 60 Sekunden Pause zwischen jedem Lauf sowie ein 4000-Meter-Intervalltest - 40 Mal in Folge abwechselnd 75 Meter laufend und 25 Meter gehend, bei dem die Absolventen nie mehr als 15 Sekunden pro 75 Meter benötigen dürfen. Hohe Hürden, an denen schon mancher Kollege durchaus mal gescheitert ist und den Test nachholen musste.

Geringere physische Anforderungen an Steinhaus zu stellen, kam aber aufgrund der Entwicklung des modernen Fußballs zu immer höherem Tempo und der scharfen Konkurrenzsituation unter den Elite-Schiedsrichtern für den DFB offenbar nicht in Frage. Ihre läuferischen Defizite waren nicht zuletzt im Supercup in München erkennbar. Ihre - aufgrund ihrer Berufsausbildung zur Polizistin und ihrer Persönlichkeit - ausgeprägten Stärken in der Kommunikation, Körpersprache und Konfliktlösung hätten das perspektivisch wohl nicht mehr aufwiegen können. Als Videoassistentin soll sie auch künftig eingesetzt werden. Ihre besten Auftritte hatte Steinhaus in den Coachingzonen, wenn sie als Vierte Unparteiische eingesetzt wurde. Dann benahmen sich die Männer oft besser und gerierten sich zahmer.

Sie galt als role model, das die Puste für einen langen Weg behielt. Erst nach zehn langen Jahren schaffte sie endlich den Aufstieg von der zweiten Liga ins Oberhaus. „Sie hat den deutschen Fußball lange geprägt und ihre Sache sensationell gut gemacht“, äußerte Bayern-Trainer Hansi Flick zum Abschied. DFB-Präsident Fritz Keller bedauert den Verlust „einer Pionierin in einer Männerdomäne“. Die stellvertretende DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich bezeichnete Steinhaus als „Türöffnerin für zahlreiche weitere Schiedsrichterinnen, die heute im männlichen Profifußball aktiv sind“.

Wahrscheinlich wären es andernfalls aktuell von insgesamt rund 56 000 Referees noch weniger als knapp fünf Prozent weiblicher Unparteiischer hierzulande. Eine Nachfolgerin mit ähnlich guten Perspektiven ist derzeit nicht in Sicht. Im Bereich des DFB pfeifen derzeit Riem Hussein (40) und Katrin Rafalski (38) in der dritten Liga. Angesichts der Altersgrenze von 47 sind deren Zukunftsaussichten auf noch höherem Niveau überschaubar.

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