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Neue Töne vom Betzenberg

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Von: Jana Ballweber

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Überflieger: FCK-Stürmer Terrence Boyd macht die Führung gegen den FC St.Pauli.
Überflieger: FCK-Stürmer Terrence Boyd macht die Führung gegen den FC St.Pauli. © Lobeca/Imago

Nach drei Spielen grüßt der 1. FC Kaiserslautern vom zweiten Platz der zweiten Liga. Doch von Übermut keine Spur - beim FCK ist man demütig geworden.

Als der mit Fußballfans vollgepackte Zug am Sonntagvormittag kurz vor Kaiserslautern in der kleinen, pfälzischen Gemeinde Enkenbach-Alsenborn hielt, hatten die mitreisenden Fans des FC St. Pauli keine Chance: Nur die Wenigsten würden diesen Zug verlassen, ohne zu erfahren, dass Fritz Walter hier lange gelebt hat. Die Hamburger waren durchaus interessiert am Leben der Lautrer Ikone. Und weil es mehr nicht braucht, um der Freundschaft eines FCK-Fans würdig zu sein, waren sich die verbleibende Zugfahrt über im Wesentlichen alle einig. Der alte Fritz war ein Guter. Den Verein des jeweils anderen findet man im Grunde sympathisch. Nur halt nicht unbedingt heute. Die Bayern sind ganz furchtbar, die erste Liga langweilig. In der zweiten Liga gibt es noch ehrlichen Fußball, da muss man gar nicht so dringend weg.

Vor allem sind die Lautrer ja auch gerade erst dabei, sich im Unterhaus wieder einzufinden: vier harte Jahre in der dritten Liga, eine Insolvenz und die Relegation gegen Dynamo Dresden am Ende der letzten Saison, die der FCK für sich entscheiden konnte. Die Fans der roten Teufel haben ganz schön was mitgemacht.

Lange Jahre gab es für den Verein nur eine Richtung: nach unten. Der Aufstieg in diesem Sommer war das erste Saisonergebnis seit dem Abstieg aus der ersten Bundesliga im Jahr 2012, das besser war als das der vorherigen Saison. Dementsprechend euphorisch war der Sieg in der Relegation von Fans und Mannschaft gefeiert worden.

Und obwohl es dem Team um Geschäftsführer Thomas Hengen gelungen ist, die Mannschaft nach dem Aufstieg im Wesentlichen zusammenzuhalten - einzig Torhüter Matheo Raab zog es zum Liga-Konkurrenten HSV -, hört man sowohl von Verantwortlichen als auch von der Anhängerschaft neue, ruhigere Töne. Größenwahn, die Überbetonung der eigenen Bedeutung und der glorreichen (älteren) Geschichte des Klubs scheinen passé. Träumen, ja, träumen dürfen die Fans, hatte Trainer Dirk Schuster vor dem Saisonstart betont. Auch gegen Traditionen, alte Geschichten und die Werte der 54-Weltmeister, von denen sie in Kaiserslautern seit jeher gerne erzählen, hat niemand etwas einzuwenden.

Doch einen entscheidenden Charakterzug von Fritz Walter und Co, vielleicht den entscheidenden, hatten sie in der Pfalz zu lange hinten angestellt: Demut. Sie sind bescheidener geworden, im Verein und auf den Tribünen.

Der Klassenerhalt bleibt das einzige Saisonziel - trotz des Bilderbuchstarts in die noch junge Zweitligasaison. Das Eröffnungsspiel gegen Hannover 96 gewannen die Lautrer durch einen Treffer in der „allerneunzigsten Minute“, wie sie es auf dem Betzenberg nennen, wenn die Mannschaft ein Spiel in der Nachspielzeit entscheidet. Beim Unentschieden in Kiel zeigte Schusters Team große Moral, als es den 2:2-Ausgleich erzielte, nachdem Kiel das Spiel eigentlich gedreht hatte. Den Vorjahresfinalisten SC Freiburg brachten die Teufel im DFB-Pokal an den Rand einer Niederlage, bis ein Standardtor und ein Geniestreich in der Verlängerung den Bundesligisten vor einer Blamage bewahrten.

Und nun also der FC St. Pauli. Die Hamburger waren mit einem Sieg gegen Nürnberg und einem Remis in Hannover ordentlich in die Saison gestartet. Auf dem Betzenberg hatte sich Trainer Timo Schultz im Vorfeld Chancen ausgerechnet: „Wir sind gut drauf, wir sind gut in die Saison reingekommen. Ein Dreier auf dem Betzenberg, das wäre schon gut“, hatte der Coach bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gesagt. Vorfreude empfand Schultz vor allem mit Blick auf die erwartete Kulisse im Fritz-Walter-Stadion: „Von der Intensität her wird das ein extremes Spiel vor einer hoffentlich tollen Kulisse von vielleicht 40 000 Zuschauern.“

Ganz 40 000 sind es dann nicht geworden. 39 579 Fans fanden den Weg ins Stadion, darunter auch Tausende Anhänger:innen des FC St. Pauli, die im Gästeblock ordentlich Alarm machten. Der Gegenpart, die berüchtigte Westtribüne der Lautern-Fans, war ebenfalls dicht gepackt und lautstark unterwegs.

Vor allem, nachdem der FCK einen Traumstart hinlegte: In der neunten Minute köpfte Terrence Boyd sein Team in Front. Dem vorangegangen war ein ansehnlicher Doppelpass zwischen Kapitän Jean Zimmer und Neuzugang Erik Durm, der die passgenaue Flanke vor den Kasten des chancenlosen Hamburger Keepers Dennis Smarsch schlug. Und doch trug das Tor nicht unbedingt zur Entspannung bei. Denn St. Pauli wurde stärker, während die Lautrer Defensive vor allem bei Standardsituationen wackelte. Glück für den FCK, dass es St. Pauli nicht gelang, die Chancen zwingend aufs Tor zu bringen.

Auch nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel intensiv. Kein Wunder in einem Stadion, das Grätschen bejubelt wie Tore. In der 86. Minute machte Kenny Prince Redondo mit dem 2:0 alles klar - sollte man meinen. Doch zwei Minuten später wurde es noch mal spannend, als Jakov Medic für St. Pauli verkürzen konnte. Wie sollte es anders sein, nach einer Ecke.

Die Lautrer zitterten sich durch die Nachspielzeit und konnten den Dreier einfahren. Sehr zur Freude des Trainers Dirk Schuster, der an der Leistung seiner Mannschaft trotzdem kaum ein gutes Haar lassen wollte: „Der Sieg war sehr glücklich, das war das schlechteste Heimspiel in dieser Saison. Das Passspiel war schlampig, wir haben zu viele falsche Entscheidungen getroffen.“ Für das nächste Spiel gegen Paderborn sieht Schuster noch allerhand Verbesserungsbedarf.

Das Spiel gegen einen starken Gegner gewonnen, den zweiten Tabellenplatz erobert, in der Liga noch ungeschlagen, und trotzdem schimpft der Trainer nach dem Spiel. Was seltsam klingt, passt bei genauerem Hinsehen zur neuen Demut am Betzenberg. Denn Schuster weiß, wie schwer die Saison für den FCK noch werden wird. Die sieben Punkte aus den ersten drei Spielen sind die ersten sieben von 40 Punkten gegen den Abstieg. Das betonen auch die Fans nach dem Spiel im Zug zurück nach Hause. Wo in früheren Jahren die ersten Pläne für die Aufstiegsfeier geschmiedet worden wären, träumt man jetzt von einer soliden Saison ohne Abstiegssorgen. Wie die Zeiten sich doch ändern.

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