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Kapitän, Abwehrchef, Sprücheklopfer: Daniel Flottmann (r.) in der Erstrundenpartie gegen Dresden.

SV Rödinghausen - Bayern München

Besuch vom lieben Gott

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Beim SV Rödinghausen herrscht Ausnahmezustand - der Regionalligist erwartet im DFB-Pokal die Bayern, spielt aber nicht im eigenen Stadion.

Erst ist ruhig rund um das Fußballstadion des SV Rödinghausen, sehr ruhig. Auf dem zwischen Laubbäumen versteckten Parkplatz oberhalb der Sportstätte schiebt eine junge Frau ihren Kinderwagen zu einem der zwei vereinsamten Autos. Auf den weiten Wiesen rundherum grast ein Pferd vor sich hin, umgeben von einzelnen in die Landschaft getupften Bauernhöfen. Das einzige Geräusch, das diese ostwestfälische Idylle durchbricht, verursacht ein Rasenmäher, unten im Stadion. Auf dem kleinen Gefährt sitzt Ralf Menke. Angestellt bei der Gemeinde, er kommt jeden Tag vorbei und pflegt das satte, fast perfekte Grün wie ein Kleinod. Als Sinnbild für den großen Stolz der Rödinghausener auf ihren Dorfverein – der gerade vor dem ultimativen Höhepunkt in seiner Klubgeschichte steht.

Weil im Wiehenstadion nur Platz für 2489 Zuschauer ist, und das Flutlicht zu schwach für eine Liveübertragung im Fernsehen, zieht der SVR zum Pokalspiel gegen Bayern München am Dienstag (Anpfiff 20.45 Uhr/ARD) ins 45 Kilometer entfernte Osnabrück um. Daniel Flottmann ist dort geboren, er spielte vier Jahre lang für den VfL und seit seiner Rückkehr von Drittligist Fortuna Köln vor gut einem Jahr wohnt er auch wieder in Osnabrück. In Rödinghausen ist er jetzt Kapitän, Abwehrchef, sportlicher Entwicklungshelfer für die jungen Spieler – und im Gespräch mit der FR sagt der 34-Jährige: „Für mich wird das einer der schönsten Tage in meinem ganzen Leben – egal, wie viel es ausgeht.“

Eine Stunde nach Flottmann sitzt auch Alexander Müller in dem für einen Viertligisten erstaunlich großen Konferenzraum der Rödinghausener, der genauso weitläufig und blitzeblank geputzt ist wie der gesamte Stadionkomplex. Besonders gern spricht der Geschäftsführer des SVR, in der Regionalliga West aktuell auf Rang fünf, über die gute Nachwuchsarbeit des Klubs. „Unsere A-Jugend spielt in der Bundesliga, das ist für einen kleinen Verein wie unseren nicht selbstverständlich“, betont er.

Ebenso großen Wert legen die ehrgeizigen Bayern-Herausforderer auf die Feststellung, vom örtlichen Hauptsponsor, dem drittgrößten Küchenmöbelhersteller Deutschlands, gar nicht so abhängig zu sein wie viele behaupten. Klar ist: Das gut zwei Millionen Euro teure Stadion am Fuße des Wiehengebirges hat der Geldgeber des Klubs gebaut und finanziert, „ein Stück weit“ (Müller) unterstützt von der Gemeinde.

Bei der Frage nach der Höhe ihres Etats hüllen sich die Rödinghausener, die in der ersten Pokalrunde Zweitligist Dynamo Dresden aus dem Wettbewerb kickten und deren Torwart Niclas Heimann Bayern-Trainer Niko Kovac einst zwei Jahre in Salzburg erlebte, in Schweigen. „Es gibt in unserer Liga“, erklärt der Geschäftsführer dazu nur, „auf alle Fälle fünf oder sechs Vereine, die mit einem größeren Etat arbeiten als wir.“

Die Möglichkeiten, Enrico Maaßen einen zentralen Karrierewunsch zu erfüllen und ihn unter Vollprofibedingungen als Trainer zu engagieren, hat der Verein allemal. Im Sommer unterschrieb der gebürtige Mecklenburger einen Dreijahresvertrag in Rödinghausen. Zuvor trainierte er vier Jahre lang das ebenfalls viertklassige Team des SV Drochtersen/Assel – im Nebenjob. Hauptberuflich leitete er gleich nebenan in Krautsand, einer Halbinsel in der Elbe, ein Fitnessstudio. Das war eingegliedert in ein neu erbautes Hotel, das Drochtersens Mäzen gehört. Und Maaßen, ein aufgeweckter Mittdreißiger mit jugendlichem, über der Stirn hochfrisiertem Haarschnitt, sagt: „Im Vergleich ist das in Rödinghausen mit den Sponsoren schon ein bisschen breiter verteilt als dort.“

Noch um einiges breiter war das Grinsen aller Rödinghausener, als die Leichtathletin Gina Lückenkemper ihnen vor zwei Monaten im Dortmunder Fußballmuseum die Bayern als Zweitrundengegner zuloste. „Das ist der absolute Jackpot“, sagte Finanzmann Müller. Und Coach Maaßen sah sogar höhere Mächte im Spiel: „Der liebe Gott hat das so gewollt.“ Schließlich gingen die von ihm einst betreuten Drochtersener den Münchnern beim 0:1 in der ersten Pokalrunde gehörig auf die Nerven, das einzige Tor erzielte Robert Lewandowski erst neun Minuten vor Schluss. Diese Partie hat Maaßen intensiv studiert, sich zudem mit den alten Weggefährten ausgetauscht – und dabei hilfreiche Tipps bekommen. Deren Inhalte aber bleiben ebenso geheim wie die Höhe des Rödinghausener Regionalliga-Budgets.

Seinen Emotionen lässt Familienvater Maaßen, der mit Ehefrau Lara-Marie und dem zweijährigen Söhnchen Matteo zehn Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt in Bünde wohnt, dagegen freien Lauf. „Ich freue mich wahnsinnig auf das Spiel. Es ist ein Pflichtspiel – da geht es immer auch darum zu gewinnen. Das werde ich der Mannschaft mitgeben. Aber natürlich sind wir nicht so vermessen und sagen, wir haben eine riesige Chance, gegen die Bayern zu gewinnen“, sagt Maaßen. „Wir wollen das einfach genießen – vor 16 000 Zuschauern gegen Bayern München antreten zu dürfen. Das wird ein großartiger Tag für uns alle.“

30 000 Karten hätte der Verein aus der 9800-Einwohner-Gemeinde im Ravensberger Land, der sonst auf einen Zuschauerschnitt von 1200 kommt und am Pokalabend im eigenen Stadion zum ersten Mal überhaupt ein Public Viewing veranstaltet, für die Partie gegen München verkaufen können. Im beschaulichen Rödinghausen – was nach Fuchs und Hase klingt, die sich dort am Waldrand gute Nacht sagen. So dass der ortskundige Kapitän Flottmann auch pflichtschuldig witzelt: „Ich meine, die hab‘ ich hier auch alle schon gesehen.“

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