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Chilenischer Kraftmeier: Arturo Vidal.

Chile

In den besten Jahren

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Chiles goldene Generation strebt in Russland nach der Krönung.

Chile ist die Mannschaft, vor der die anderen Trainer beim Confederations Cup einen Heidenrespekt haben. Keiner, der nicht von der großartigen fußballerischen, kämpferischen und läuferischen Qualität der Südamerikaner schwärmt. Wenn man sie so reden hört, drängt sich der Gedanke auf, dass man sich die WM im nächsten Jahr eigentlich sparen und den Titel gleich an die Chilenen geben kann. Für all diese Lobeshymnen ist die Ausbeute beim Turnier bisher allerdings ziemlich dürftig. Ein Sieg und zwei Unentschieden, gerade so als Gruppenzweiter ins Halbfinale am Mittwoch gegen Portugal gerutscht. Die Erleichterung war Trainer Juan Antonio Pizzi nach dem 1:1 gegen Australien deutlich anzumerken. „Wir sind glücklich, dass wir weiter sind“, sagte er noch etwas mitgenommen.

Ein bisschen zu entspannt waren die Chilenen im Moskauer Spartak-Stadion in die Partie gegen den Asienmeister gegangen, schließlich wären sie nur bei einer Niederlage mit zwei Toren Unterschied ausgeschieden. Die aber lag eine Zeitlang in der Luft, bis Martín Rodríguez ausgleichen konnte und Freudentänze vor der chilenischen Bank auslöste. Die Australier zeigten exemplarisch, wie man dieser Mannschaft beikommen kann, und zwar mit einer Aufstellung, für welche die australischen Journalisten den Coach Ange Postecoglou vor Spielbeginn für verrückt erklärten. Alle Leute, die zuvor für Lichtblicke gesorgt hatten, blieben draußen, dafür schickte der Trainer seine erfahrenen Fahrensmänner ins Gefecht, große, furchtlose Kerle, welche die Chilenen in Grund und Boden rannten. „Du darfst sie nicht das Spiel dominieren lassen“, sagte Postecoglou, nachdem seine Taktik voll aufgegangen war, „denn wenn sie das können, kriegen sie dich irgendwann.“ Pizzi befand: „Sie haben jede Lücke geschlossen und uns nicht unser Spiel machen lassen. Es war kein schlechtes Spiel von uns, aber es war ein unangenehmes.“ 

Kaum Titel geholt

Glück für Chile, dass eine solche Vorgehensweise nur für Teams wie Australien taugt, Top-Mannschaften wie Portugal wollen selber spielen und dominieren, was den Chilenen die nötigen Räume verschafft, um ihre Qualitäten im stringenten Passspiel zu demonstrieren. „Es ist schwierig, Europameister“ zu werden“, sagte Pizzi über den heutigen Gegner, „da sind viele der besten Mannschaften der Welt am Start, aber es ist auch schwierig, gegen uns zu spielen, wir können ihnen auf Augenhöhe begegnen.“

Chile hat kaum etwas gewonnen in seiner langen Fußballgeschichte. Bis vor zwei Jahren war der dritte Platz bei der Heim-WM 1962 der beste Moment im kollektiven Fußballgedächtnis des Landes. Sie haben immer wieder hervorragende Spieler hervorgebracht, wie Leonel Sánchez, Carlos Caszely, Iván Zamorano oder den gerade von Alexis Sánchez als Chiles Toptorjäger abgelösten Marcelo Salas, aber nie genügend zur gleichen Zeit. Außerdem setzte häufig der fest eingebaute Selbstzerstörungsmechanismus ein. Caszelys Platzverweis bei der WM 1974 gegen Deutschland, Torhüter Roberto Rojas, der sich in einem Qualifikationsspiel gegen Brasilien selbst eine Schnittwunde beibrachte, um einen Spielabbruch zu bewirken, wofür das Team bei den WM-Turnieren 1990 und 1994 gesperrt war, oder die Gelb-Rote Karte, als man 2010 in Südafrika die Chance hatte, den späteren Gewinner Spanien aus dem Turnier zu werfen. Stattdessen verlor Chile in Pretoria 1:2, musste im Achtelfinale gegen Brasilien spielen statt Paraguay und schied mit 0:3 aus.

Die argentinische Trainerschule

Zu einem großen Teil war das damalige Team schon identisch mit dem von heute, und dass der Kern mit Arturo Vidal vom FC Bayern sich so lange kennt und zusammenspielt, ist ein wesentlicher Grund für die Harmonie auf dem Spielfeld. Maßgeblich für den Erfolg ist die argentinische Trainerschule, erst mit Marcelo Bielsa, dann mit Jorge Sampaoli und jetzt mit Pizzi. Die Trainer feilen an den Feinheiten und entwickelten ein aus Kampfkraft, Bissigkeit und Spielkunst zusammengesetztes System, das mit den Jahren immer besser funktioniert. 

Erster Lohn war der erstmalige Gewinn der Südamerikameisterschaft beim Turnier im eigenen Land 2015. Das Kunststück wurde ein Jahr später bei der außerordentlichen Copa América in den USA wiederholt, beide Male im Elfmeterschießen gegen Messis Argentinier, was für eine Zunahme an Nervenstärke seit dem verlorenen Elfmeterdrama im WM-Achtelfinale 2014 gegen Brasilien spricht.

Das soll aber keineswegs das Ende sein. Die Generation um Vidal und Sánchez ist in den besten Jahren und will ihre Ära 2018 mit dem WM-Titel krönen. Durchaus möglich, fragt man bei den anderen Trainer nach, aber zunächst soll der Confed-Cup her. Dafür müsste Chile allerdings mal wieder gewinnen.

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