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Kann rechts wie links: Timo Werner im Training an seiner ehemaligen Stuttgarter Wirkungsstätte.

Nationalmannschaft

Beschwingt aus London

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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Timo Werners Rückkehr mit dem DFB-Team in seiner alte Heimat Stuttgart weckt Erinnerungen und Hoffnungen.

Es waren ziemlich viele Lobeshymnen, die Anfang September 2017 auf Timo Werner herabprasselten. Zwei Tore hatte der in Stuttgart geborene Angreifer beim 6:0-Schützenfest in der WM-Qualifikation gegen Norwegen erzielt, aber viel bemerkenswerter war, dass das schwäbische Publikum den zu RB Leipzig gezogenen Sohn der Stadt nicht wie befürchtet auspfiff, sondern mit stehend dargebotenen Ovationen feierte. Das größte Kompliment machte dann sein damaliger Konkurrent und einstiges Vorbild Mario Gomez, der bei seiner Einwechslung für Werner selbst den Namen des Matchwinners skandierte. Werner werde „die nächsten zehn Jahre den deutschen Sturm dominieren“, sagte der Routinier voller Überzeugung.

Nicht alle Voraussagen im Profifußball gehen dann immer in Erfüllung: Der inzwischen 24 Jahre alte Werner hat zwar insgesamt vier erfolgreiche Jahre bei RB Leipzig hinter sich, vergangene Bundesliga-Saison hinter Robert Lewandowski die meisten Treffer erzielt, 28 nämlich, und er schaffte in 222 Bundesligaeinsätzen immerhin 91 Tore, aber in der Nationalmannschaft ist die Quote nach dem bemerkenswerten Debüt vor drei Jahren allemal noch ausbaufähig. Elf sind es nach 29 Länderspielen. Und bei der WM 2018 setzte Werner, anders als Gomez es dachte, nur einmal Akzente: Als er auf Linksaußen im zweiten Vorrundenspiel gegen Schweden die Vorlage zum 1:1 besorgte und den Freistoß zum 2:1 herausholte und bester deutscher Spieler war, ehe er beim Aus gegen Südkorea wieder abtauchte.

Beim FC Bayern entschieden sie sich letztlich, nicht mit aller Macht um den robusten und deshalb nur ganz selten verletzten Offensivmann zu buhlen. Dass das die falsche Entscheidung war, kann Werner nun beim FC Chelsea beweisen, wo Teammanager Frank Lampard ihn unbedingt hinhaben wollte. Das Zeug dazu hat der Mann mit den tief liegenden Augenhöhlen allemal.

Der Nations-League-Auftakt gegen Spanien (Donnerstag 20.45 Uhr/ZDF) ist aus der Perspektive der deutschen Nummer neun ein Neustart. „Ich möchte auch hier zeigen, dass ich Tore machen kann, wie ich es in Leipzig geschafft habe.“ In der DFB-Auswahl sei es zuletzt „nicht so rund“ gelaufen.

Einige Kritik war zudem aufgekommen, weil der beste deutsche Bundesligastürmer freiwillig auf die Champions-League-Endrunde mit den Sachsen verzichtet hatte, um zielorientiert beim FC Chelsea in der Vorbereitung durchstarten zu können. Zuletzt beim Test gegen Brighton & Hove Albion (1:1) glückte ihm gleich der einzige Treffer für die „Blues“, Lampard lobte ihn, und als jetzt Werner dieser Tage bei der virtuellen DFB-Pressekonferenz in seiner alten Heimat Stuttgart über seine Eindrücke beim neuen Arbeitgeber sprach, klang er durchaus zufrieden. Seine alten RB-Kameraden hätten sich auch ohne ihn in der Königsklasse prima verkauft, im Halbfinale auszuscheiden, sei gewiss „kein Verbrechen“. Derweil sei er bei Chelsea gut aufgenommen worden. Wenn er etwas auf Englisch nicht sofort verstehe, könne er sich vertrauensvoll auf Deutsch an den Ex-VfBler Antonio Rüdiger wenden – und die Corona-Krise habe für London sogar etwas Gutes, erzählte Werner verschmitzt grinsend: Es sind weniger Touristen da, der Verkehr ist nicht so dicht, und er steht auf dem Weg ins Training nicht so lange im Stau.

Den Wechsel an die Stamford Bridge, für 53 Millionen Euro Ablöse, habe er sich gut überlegt, berichtete der flinke Stürmer gut gelaunt. Nicht die Bundesliga oder Leipzig seien schuld an seinem Weggang: „Ich wollte was Neues für mich machen. Das ist ein Riesenklub, der Titel gewinnen will. Was der Verein von mir verlangt, ist nicht viel weniger als das, was ich von mir selbst verlange. Ich bin nicht nach London gegangen, um zu sagen: 28 Tore waren letzte Saison in Leipzig super – jetzt reichen mir ein paar.“

Trotzdem spürt Werner laut Selbstauskunft keinen Druck, sondern eher Vorfreude. „Das, was Chelsea von mir verlangt, ist nicht viel anders als das, was ich selbst von mir verlange.“ Er weiß, dass das neue Kapitel auf der Insel nur dann eine Erfolgsgeschichte wird, wenn er sich an die Spielweise der Premier League anpasst: „Die Verteidiger sind noch robuster als in der Bundesliga. Da muss ich mich noch weiterentwickeln und dieses Körperliche annehmen – sonst ist man fehl am Platze.“

Zudem würde es auch der Nationalmannschaft helfen, wenn Werner – zumal im durchaus möglichen Chelsea-Block mit Rüdiger und Kai Havertz – im Eiltempo einen weiteren Entwicklungsschritt unternähme. Julian Nagelsmann hat sein Portfolio vergangene Saison insofern erweitert, dass Werner nicht nur übers Umschaltspiel in den Abschluss kommt, sondern mehr am Kombinationsfluss teilnimmt und auch dann effektiv sein kann, wenn längere Ballbesitzpassagen angesagt sind. Er sei ja zeitweise sogar „im Mittelfeld“ zum Einsatz gekommen, erinnerte sich der ausgewiesene Sprinter. Dass zum ersten Länderspiel nach der Corona-Auszeit wieder seine Heimatstadt der Austragungsort ist, beflügelt ihn: „Ich bin ein Stuttgarter, ich komme gerne nach Hause. Es sind vertraute Wege. Gleich mein erstes Länderspiel war hier sehr erfolgreich. Da kommen natürlich Erinnerungen hoch.“ Das Gomez-Kompliment hat er dabei gar nicht erwähnen müssen.

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