Künftig im Aufsichtsrat der Hertha: Jens Lehmann.
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Künftig im Aufsichtsrat der Hertha: Jens Lehmann.

Kommentar

Berliner Rochade

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Schlechter Fußball, das clowneske Ende von Jürgen Klinsmann und das unsägliche Video von Salomon Kalou: Hertha BSC tritt zielgenau in jedes Fettnäpfchen. Die Berufung von Jens Lehmann in den Aufsichtsrat wird sicher nicht für Ruhe sorgen. Der Kommentar.

Vielleicht steckt ja tatsächlich ein Plan dahinter, ein raffiniert ausgehecktes Konzept, wie man den grauesten aller grauen Bundesligaklubs ein bisschen bunter anstreichen könnte. Natürlich geht es hier um Hertha BSC, diesen Berliner Gerne-Groß-Verein mit den Anspruch ein Big-City-Player zu sein. Und eines ist den neuen, so finanzstarken Windmachern in Berlin allemal gelungen: Die Schlagzeilen sind voll von der Hertha, von wegen „alten Dame“ und so. Die betulichen Zeiten sind vorbei.

Dummerweise ist das, was aus der Kapitale ins Land drängt, selten positiv konnotiert: Sportlich dribbelt diese Langweiler-Mannschaft seit Jahren auf der Stelle, auch in dieser Runde fußballert sie mehr schlecht als recht vor sich hin. Daran hat kurzfristig auch eine dreistellige Millionenspritze des Großinvestors Lars Windhorst nichts geändert. Hinter den Kulissen hat das Engagement des bald untragbar gewordenen Jürgen Klinsmann, erst als Aufsichtsrat, dann als Trainer mit einem virtuellen clowneskem Ende ganz ohne Corona allenthalben für Kopfschütteln gesorgt. Schließlich der Videoauftritt des unbedarften Salomon Kalou, dessen Sequenz zudem einen sehr laienhaften, wenn nicht fahrlässigen Umgang der Klub-Verantwortlichen mit verbindlichen Hygieneregeln offenbarten und der Liga damit einen weiteren Bärendienst erwiesen. So viele Fettnäpfchen, so scheint es, kann kaum einer aufstellen, in die die Hertha zuletzt zielgenau getreten ist.

Nun ist also der ehemalige Torhüter Jens Lehmann in den Aufsichtsrat berufen worden, erneut eine spektakuläre Personalie, von der niemand erahnt, ob sie von Erfolg gekrönt sein wird. Sie folgt aber der schon bei Klinsmann eingeschlagenen Linie: prominent, meinungsstark, provokant. Lehmann mit Erstwohnsitz am Starnberger See hat eher wenig Berührungspunkte mit der Hertha aufzuweisen, er war TV-Experte, Co-Trainer beim FC Augsburg, eine Zusammenarbeit, die nach 71 Tagen beendet wurde. Jüngst fiel der Ex-Profi und BWL-Student, der einst um Steuern zu sparen zwei Gesellschaften auf der englischen Kanalinsel Jersey gründete, in der Corona-Debatte mit eigenwilligen Aussagen auf. Erst plädierte er mitten in der Pandemie für Bundesligaspiele mit Zuschauern, dann erging er sich in bester Verschwörungsrhetorik, man bekomme von Virologen ja „nicht so genau Bescheid“, was es mit dem Virus so auf sich habe.

Jens Lehmann, 50, pflegt sein Image des Unangepassten, des Querdenkers, er provozierte gerne, eckt an, widersetzt sich dem Mainstream, gilt als streitlustig. Das kann Horizonte öffnen, sicher. Es kann aber auch spalten und Gräben aufreißen. Ist es das, was sie bei der Hertha, wo sie so sehnsüchtig darauf warten, dass der schlafende Riese endlich erwacht, derzeit gebrauchen? Skepsis ist angebracht.

Im Kern schnurrt die Personalie Lehmann (und des zweiten Neuen, Marc Kosicke), auf eines zusammen: Investor Windhorst will im Gremium mehr Einfluss auf das Tagesgeschäft gewinnen. Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. Der Hertha droht nach dem Regen nun die Traufe.

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