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Ist auch in der russischen Liga für seine rustikale Spielweise bekannt: Der Ex-Schalker Benedikt Höwedes.

Benedikt Höwedes im Interview

„Iss mal ein Stück Fleisch“

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Benedikt Höwedes hat sich bei Lokomotive Moskau gut eingelebt. Der Veganer spricht über Depression, seine große Liebe und warum sich Bayer Leverkusen heute warm anziehen sollte.

Herr Höwedes, wie verständigen Sie sich als Deutscher eigentlich auf einem russischen Fußballplatz?
Ohne Probleme. Ich habe die Wörter gelernt, die ich brauche, um als Mittelverteidiger meine Mitspieler zu dirigieren.

Kommandos wie „Raus!“ oder „Hintermann“, nur auf Russisch?
Genau.

Und nach dem Schlusspfiff?
Da habe ich auf jeden Fall Übersetzungsbedarf, noch mehr als während meiner Zeit bei Juventus Turin. Leider lernt man Russisch ja nicht wie Italienisch in Deutschland beim Abendessen, wenn man zum Italiener geht (lacht).

Was halten Sie von dem Fußball, der in Russland gespielt wird?
Hier wird nicht ganz so viel Wert auf Taktik gelegt, wie es mittlerweile in Italien, England, Spanien oder Deutschland der Fall ist. Aber die ersten vier, fünf Mannschaften in Russland haben durchaus Niveau. Die Bundesliga ist ausgeglichener, da schlägt der Tabellenletzte auch mal den Spitzenreiter. Hier sind die Unterschiede, wie in den meisten anderen Ländern, größer.

Bei Ihrem Sieg in Leverkusen sah es nicht so aus, als wäre die Leverkusener Taktik raffinierter.
Sogar gegen Juve haben wir beide Male stark gespielt und hätten mit etwas Glück durchaus punkten können. Letztendlich hat die individuelle Qualität entschieden. Wir müssen uns nicht verstecken vor großen Mannschaften, haben selbst taktisch sehr gut ausgebildete Spieler. Das hat sich auch gegen Leverkusen gezeigt, daran wollen wir anknüpfen und uns täglich verbessern.

Sie sind Veganer. Mit dem Koch bei Lokomotive haben Sie sich auf einen entsprechenden Speiseplan geeinigt. Was sagen andere Russen dazu?
Viele in Russland wissen noch gar nicht, was pflanzliche Ernährung genau ist, sind zuerst mal verdutzt. Ich bekomme die üblichen Ratschläge, ich sollte doch endlich ein Stück Fleisch essen, bräuchte Kraft und Proteine. Aber da steht man drüber, wenn man weiß, was man essen muss, um gesund zu bleiben und leistungsfähig. Und der Erfolg gibt mir recht. Ich bin deutlich weniger verletzungsanfällig als vorher.

Sind Sie in Moskau glücklich?
Tatsächlich habe ich mich hier gut eingelebt. Aber es ist natürlich schwierig, dass meine Familie nicht die ganze Zeit bei mir ist, da wir mit der Mannschaft viel unterwegs sind. Ich bin totaler Familienmensch, zu Hause ist für mich, wo meine Familie ist.

Macht der Leistungssport Ihnen noch immer Spaß?
Das macht mir natürlich Spaß, auch jetzt, das zweite Jahr hintereinander mit Lokomotive in der Champions League zu spielen. Wir haben großartige Lose mit Juve, Atletico Madrid und auch Leverkusen gehabt, messen uns mit den größten Mannschaften Europas. Und wir sind in der russischen Liga erfolgreich, wurden vergangene Saison Pokal- und Supercup-Sieger und Vizemeister, sind auch dieses Jahr gut in der Tabelle dabei. Sportlich macht das natürlich Spaß.

Entschuldigung, was ist der schnellste Weg zum Maxim-Gorki-Park? Benedikt Höwedes in der Moskauer Metro.

Es geht Ihnen also nicht wie einigen anderen Profifußballern, die der Leistungsdruck in Depressionen getrieben hat?
Depression ist aus meiner Sicht in erster Linie eine Volks- und keine Leistungskrankheit, die jeden betreffen kann, unabhängig vom medialen Druck. Nehmen Sie die WM in Brasilien: Natürlich ist es ein unfassbarer Druck, in einem WM-Finale auf dem Rasen zu stehen. Aber es ist auch einfach geil, weil man als kleiner Junge von genau diesem Moment geträumt hat und schon sicher Vize-Weltmeister ist. Ich versuche, meine Seele runterzufahren, indem ich täglich meditiere. Und ich habe gelernt, sehr viel dankbarer für gewisse Situationen zu sein.

Sind das die Momente nach einem geschossenen Tor oder einem gewonnenen Spiel?
Man muss ja nicht nur für die ganz großen Momente dankbar sein. Ich bin dankbar für Kleinigkeiten, über die man sich freuen kann, darüber, dass die Sonne scheint, dass meine Familie gesund ist. Man sieht die Welt ganz anders, wenn man nicht immer nur auf das große Glück wartet.

Sie waren bei Schalke mehr als nur ein Spieler, jemand, der auch den Verein verkörpert hat. Ist Schalke auch jetzt noch für Sie eine andere Dimension? Oder fühlen Sie sich bei Lokomotive, wo Sie ebenfalls sehr beliebt sind, genauso wohl?
Als ich vor kurzem in der Champions League zu Juve zurückkehrte, erlebte ich unwahrscheinlich viel Wertschätzung, von Fans, Mitarbeitern und Spielern. Das hat mich sehr berührt. Obwohl ich nur ein Jahr da gewesen bin, mochten die mich sehr, glaube ich, als Typen und als Spieler. Diese Wertschätzung bekomme ich auch bei Lokomotive. Aber Schalke bleibt immer etwas ganz besonderes, nicht nur, weil ich so viele Jahre dort verbracht habe. Als ich auf Schalke war, das war noch etwas ganz anderes.

Interview: Stefan Scholl

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