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Nimmt sich Zeit für ein Selfie: Ilkay Gündogan.

Nationalmannschaft

Das Bemühen an der Basis braucht Zeit

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Die Nationalmannschaft strahlt mehr Nähe aus, aber vieles gehört noch auf den Prüfstand.

Es ging schon auf Mitternacht zu, als Meike Makowski im Tiefparterre der Münchner Arena stolz ihre eingeschweißte Akkreditierung vorzeigte, die bloß niemand mehr berühren sollte. Schließlich hatten sich Mats Hummels, Jerome Boateng, Ilkay Gündogan oder Leroy Sane nach dem Nations-League-Auftakt Deutschland gegen Frankreich (0:0) auf dem Plastiküberzug verewigt. Auch ihre Eltern Gerald und Susanne erfreuten sich am ertragreichen Fußballabend ihrer 24 Jahre alten Tochter. Seit zehn Jahren begleitet die Familie aus der unterfränkischen Gemeinde Ebelsbach ausgewählte Länderspiele als Volunteer, und das Bemühen um mehr Volksnähe war ausnahmsweise sogar mal bis zu den freiwilligen Helfern vorgedrungen.

„Hummels ist nach Abpfiff sofort in unseren Block gekommen“, erzählte Meike Makowski mit leuchtenden Augen, während Gerald Makowski auf derlei Aktionen nicht ganz so begeistert reagierte: „Ich hätte mir einen größeren Schnitt mit mehr jüngeren Spielern gewünscht. Aber sie sind wieder mehr eine Mannschaft.“ Der 54-Jährige gibt als Spielleiter im Bayrischen Landes-Sportverband und Vorsitzender im Sportkreis Haßberge einen jener Ehrenamtlichen, die den deutschen Fußball zusammenhalten – und von der neuen Bodenständigkeit der Nationalmannschaft erst nachhaltig überzeugt werden wollen.

Der Spagat bleibt schwierig. Die Ehrenrunde der Protagonisten war ja gut und schön, aber warum nur drei Akteure ihr Trikot ins Publikum warfen oder die Stadionregie noch immer Lieder des längst nicht mehr lustigen Oliver Pocher spielte, gehört hinterfragt. Zur Debatte gehören auch Terminierung und Preisgestaltung. Eine Partie wie gegen Peru erst Sonntag 20.45 Uhr beginnen zu lassen, schließt Kinder kategorisch aus. Sogar Bunbdestrainer Joachim Löw bezog klar Stellung: „Wir würden uns alle wünschen, wir könnten um 18 Uhr spielen, dann könnten Kinder ihre Idole auch sehen. Gerade in dem Alter sind sie zu sensibilisieren für Fußball. “ Am besten auch mit billigeren Tickets: Wer beim nächsten Freundschaftsspiel am 15. November in Leipzig gegen Russland nicht in der Kurve sitzen will, muss wieder 60 beziehungsweise 80 Euro zahlen. 

Unentschlossen bleibt auch der Umgang mit dem Markenbegriff „Die Mannschaft“: Am schwarz lackierten Mannschaftsbus prangt der Slogan unverändert, auch auf der Verbandshomepage führt der so benannte Reiter in die Rubrik des am meisten geklickten Aushängeschilds, aber die Stadionsprecher nannten die DFB-Auswahl „das Team Deutschland“. Irgendwann muss mal Klarheit in die Frage. 

Noch überwölben Startschwierigkeiten den Neubeginn. Den Vorwurf der Entfremdung, bestätigte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff, habe ihn sehr getroffen. „Das ist ein wichtiger Aspekt.“ Die Abgehobenheit zu bekämpfen, stand mit dem Zusammentreffen oben auf der Agenda, wie der als Volkstribun taugende Thomas Müller bestätigte: „Es wurde intern angesprochen, dass wir noch offener auf die Leute zugehen wollen.“ Zum Treffpunkt vergangenen Dienstag kritzelten die meisten ihre Unterschrift auf Poster oder T-Shirts, posierten für Selfies und grüßten freundlich. Eigentlich aber sind das Selbstverständlichkeiten. 

Auch stand kein grimmiger Wachmann an der gläsernen Drehtür. Die „Süddeutsche Zeitung“ verglich die Hotellobby gar mit einem Streichelzoo. Weil Julian Draxler mit Gästen plauderte, Manuel Neuer an der Rezeption stand und Joachim Löw mit den Armen auf einer Brüstung lehnend alles beobachtete. Alles wieder ein Stück normaler und erlebbarer zu machen, ist gewiss nicht verkehrt. 

Bemühungen um mehr Fankontakt wären noch glaubhafter gewesen, wenn beispielsweise 500 oder 1000 Freikarten für ein Training verlost worden wären. Die Organisation wäre kein Hexenwerk gewesen, wenn man die Zahl Zutrittsberechtigter auf diesem Weg limitiert hätte: Zweimal nutzte die Nationalmannschaft das ohnehin umzäunte und bewachte Campus-Gelände des FC Bayern im Münchner Norden. Immerhin hat Bierhoff versprochen, im Oktober und November öffentliche Einheiten in Berlin und Leipzig zu veranstalten.

Für die Verbesserung des internen Binnenklimas wurde an zwei Stellschrauben gedreht. Zum einen ist das Team hinter dem Team gegenüber der WM um sieben Personen reduziert worden. Die Helferschar umfasst nun 25 Personen, darunter drei Spezialtrainer, drei Teamärzte, drei Physiotherapeuten, fünf Mitarbeiter für die Medien oder drei für den Service. Viele Gesichter sind die altbekannten geblieben. 

Zum anderen gelten wieder strengere Regeln fürs Zusammensein, die sich an alten Vorgaben orientieren. „Vor der WM 2006 haben wir einen Verhaltenskodex entwickelt. Der wurde gelebt, das war selbstverständlich. Das haben wir ein bisschen schleifen lassen“, räumte der Manager ein. Nun gilt beispielsweise wieder ein Zapfenstreich um Mitternacht. Dass nach der WM herauskam, Bierhoff habe im ungeliebten Quartier Watutinki den Stecker ziehen müssen, weil die Kicker bis in die frühen Morgenstunden an der Playstation daddelten, unterhöhlte das Vertrauen in die Professionalität. „Es werden ein paar Regeln wieder strenger beachtet“, sagte Toni Kroos, warnte aber gleichzeitig davor, diesen Begebenheiten zu hohe Bedeutung beizumessen. „Entscheidend ist nicht, ob einer um fünf nach zehn zum Frühstück kommt, sondern was auf dem Platz passiert.“ 

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