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WM-Panorama

Was in belgischen Gläsern steckt

Egal welches Ende das Halbfinale am Dienstag nimmt: Die Belgier werden mit Bier anstoßen.

Beim WM-Halbfinalisten Belgien dreht sich derzeit alles um Fußball. Alles? Nein. Da gibt’s was, das ebenso wichtig ist: Bier. Es hat in der Wallonie und Flandern Kultstatus.

Nüchtern betrachtet ist Bier ein alkohol- und kohlensäurehaltiges Getränk, das durch Gärung meist aus Wasser, Malz und Hopfen gewonnen wird. Für einen kontrollierten Start des Gärvorgangs wird in der Regel Hefe zugesetzt. Aber was soll daran Kultur sein? Die Unesco hat es erkannt. Seit 2016 gehört Belgiens Bierkultur zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Wohlgemerkt: Nicht das Bier selbst – denn das ist sehr wohl materiell. Es geht um die belgische Liebe zum und das Leben mit dem Bier. Schön.

Belgiens Bierkultur wird im ganzen sonst so zerstrittenen Land gelebt. Überall gibt es Brauereien, Klöster, Museen, Kurse und Seminare, Feste und Veranstaltungen, Restaurants und Kneipen, die zur Kreativität und Vielfalt der Bierlandschaft beitragen. Viele Brauarten haben einen regionalen Ursprung.

Zwar fehlt dem belgischen Bier das deutsche Reinheitssiegel – wildes Kreuz- und Querprobieren kann ein übles Nachspiel haben. Aber dafür bietet es eine Vielfalt von Aromen und Nuancen, von der der Einheitsbräu großer Bierkonzerne nur träumen kann. So sind etwa säuerliche Lambic-Biere wie die „Gueuze“, die sich durch Spontan-Gärung in offener Lagerung auszeichnen, eine Spezialität Brüssels und des flämischen Pajottenlandes. Saisonbiere findet man vor allem in der Wallonie, dunkle „Oud Bruin“-Biere hauptsächlich in Westflandern. In Abteien wie Chimay ist mit Bier gewaschener Käse entstanden. Auch gekocht wird mit Bier und viel Hingabe.

Aroma, Konsistenz und Abgang unterscheiden sich je nach Region deutlich. Wichtig: Jedes Bier hat sein ganz eigenes Glas. Seinen vollen Geschmack entfaltet es, so will es das Marketing, immer nur im Originalglas und bei einer festgelegten Trinktemperatur. Es sind die Vielfalt der Braukünste und die Intensität der belgischen Bierkultur, die sie zu einem Kulturerbe machen. Sie gehört zum Alltag und ist untrennbar oft mit Festen verbunden. Und mit Fußball sowieso.

Untrennbar ist das belgische Brauwesen auch vom abendländischen Mönchtum. Den Grundstein habe der heilige Benedikt selbst bereits im 6. Jahrhundert gelegt, berichten die Benediktiner in wohlwollender Lesart. In seiner Ordensregel aus dem Jahr 529, die im Abendland über Jahrhunderte vorherrschte, legte er fest, dass die Mönche alles, was sie zum Leben brauchen, selbst schaffen sollen. So spezialisierten sich in jedem Kloster einige Mönche auf das Brauen. Weil sie häufig auch lesen und schreiben konnten, konnten die Klöster die Herstellung weiterentwickeln.

Das mönchisch gebraute Bier wurde wegen seiner beruhigenden Wirkung - der Hopfen! – von den Aachener Synoden zur Klosterreform 816/819 zu einem christlichen Heilgetränk verklärt. Später empfahlen es auch Hildegard von Bingen und Paracelsus zur Wiederherstellung und Kräftigung der Gesundheit. In mittelalterlichen Klöstern galt Starkbier als Fastengetränk, weil es den Mönchen auch in der Fastenzeit Energie für schwere körperliche Arbeit gab. Die mönchische Speckschicht bot – ähnlich wie in der Tierwelt – auch einen Schutz gegen die Kälte in den ungeheizten Sälen. So bekam der Begriff des „Maßhaltens“ eine ganz neue Deutung.

Besonders streng sind jeher die Trappisten. Weltweit gibt es nur 12 beziehungsweise 13 sogenannte authentische Trappistenbiere, sechs davon aus Belgien: Westvleteren, Westmalle, Achel, Chimay, Rochefort und Orval.

Zwei weitere aus den Niederlanden (Koningshoeven, Zundert) entstehen in unmittelbarer Nähe zur belgischen Grenze; und bei einem aus Frankreich ist die Authentizität nicht gesichert: Es firmiert zwar unter der Abtei Mont-des-Cats in Godewaersvelde; hergestellt wird es aber im belgischen Trappistenkloster Scourmont nahe Chimay.

Der Alkoholgehalt von Trappistenbieren liegt zwischen 6 und 12 Prozent. Sie werden ausschließlich aus natürlichen Rohmaterialien hergestellt: Quellwasser, Gerstenmalz, Hopfen, Zucker und Hefe. Westvleteren gehört zugleich zu den begehrtesten Bieren der Welt. Wiederholt zum besten weltweit gekürt, ist es doch nur in kleinen Mengen erhältlich. In Gaststätten werden 15 Euro pro Flasche abgerufen.

Nur einmal, als die Abtei ein neues Dach brauchte, wurde der Ausstoß vergrößert und über Zeitungscoupons in einer einzigen Supermarktkette ausgegeben. Ein ganzes Land stand Kopf. Es geht eben um Kultur. Und die will gefeiert und getrunken werden – ganz egal welches Ende das Halbfinale am Dienstag nimmt. (Alexander Brüggemann, kna)

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