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„Bei Equal Pay wird alles in einen Topf geschmissen“

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Von: Frank Hellmann

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Schon Fans der Gegenwart und nicht erst der Zukunft: Mädchen mit Deutschlandfahne bei der EM in England. afp
Schon Fans der Gegenwart und nicht erst der Zukunft: Mädchen mit Deutschlandfahne bei der EM in England. afp © afp

Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter beim VfL Wolfsburg, erklärt, weshalb ihm die EM in England so gut und die vom Kanzler angestoßene Debatte gar nicht gefallen hat.

Herr Kellermann, Sie sind jetzt fast vier Wochen mit dem Auto durch England gefahren, um die Frauen-EM zu verfolgen. Können Sie noch Rechtsverkehr, wenn Sie zurückkommen?

Gegen Ende der Gruppenphase war ich zwischendrin wieder drei Tage in Deutschland: Das ist kein Problem, sobald man wieder aus dem Euro-Tunnel rauskommt, fährt man wieder auf der gewohnten Seite. Man muss sich in England natürlich beim Autofahren sehr konzentrieren, aber das sollte man ja immer.

Haben Sie auch den Eindruck, dass es Uefa und der englische Fußball-Verband geschafft haben, dieses Turnier auf ein neues Niveau mit doppelt so vielen Zuschauenden in den Stadien zu heben, ohne dass der familiäre Charakter verloren ging?

Da stimme ich zu 100 Prozent zu. Für die Engländer waren es ja wegen der Zeitverschiebung 20-Uhr-Spiele: Man hat viele Familien mit Kindern gesehen. Das Publikum war sehr gemischt, es gab keine aggressive Stimmung. Was die Atmosphäre in den Stadien, aber auch außerhalb der Stadien anging: Ich habe nur höfliche, freundliche, hilfsbereite Menschen kennengelernt: Das hat mich zutiefst beeindruckt.

Erste Experten unterteilen den europäischen Frauenfußball inzwischen in drei Kategorien, wobei England, Deutschland und Frankreich das oberste Level darstellen. Gehen Sie da mit?

Nein! Spanien gehört auf jeden Fall in diese Kategorie. Es wäre ein Fehler, sie nicht auf diesem Level zu sehen. Sie haben bis kurz vor Schluss verdient gegen England geführt, obwohl ihnen mit Alexia Putellas und Jennifer Hermoso zwei ihrer besten Spielerinnen fehlten. Wer sie da rauslässt, macht einen Fehler.

Unbestritten ist, dass England sich zu einem Weltklasseteam entwickelt hat. Was imponiert Ihnen?

Die Erfahrung von Sarina Wiegman ist natürlich ein großer Pluspunkt gewesen: Wenn eine Trainerin schon mal ein Heimteam – das eigentlich nicht zu den Favoriten gehörte – zu einem EM-Titel geführt hat, vertraut man als Spielerin der Trainerin noch mehr. Ansonsten ist der englische Kader in der Breite exzellent besetzt.

Vor der EM waren Sie gar nicht pessimistisch, was das Abschneiden des deutschen Teams angeht?

Ich war zu 100 Prozent davon überzeugt, wenn die Spielerinnen nach der intensiven Saison runterfahren können und sich dann drei Wochen unter absoluten Top-Bedingungen gezielt vorbereiten, dass ihnen alles zuzutrauen ist. Allein die Vorrunde war Beweis genug, dass wir absolut konkurrenzfähig sind und dem Team in Zukunft eine Menge zuzutrauen ist.

Wir müssen auch über Alexandra Popp reden. Haben Sie diese EM von ihr erwartet?

Ich traue ‚Poppi‘ grundsätzlich alles zu (lacht). Dafür begleite ich sie zu lange. Sie hat ihre erste Chance im ersten Spiel zum ersten Tor genutzt – sie hat eben diese Mentalität, womit man eine ganze Mannschaft mitreißen kann – so wie wir es auch aus Wolfsburg kennen. Ein Schlüssel für diesen Erfolg war ihr Verhalten vor der EM, dass sie die zugedachte Rolle angenommen hat, anfangs auch von der Bank fürs Team da zu sein. So etwas wird im Fußball belohnt, davon bin ich überzeugt. Ein großes Lob gilt Martina Voss-Tecklenburg, die ‚Poppi‘ immer gestärkt hat.

Das Spielniveau ist zweifellos deutlich höher als früher gewesen. Wo hat sich denn am meisten in den vergangenen Jahren getan?

zur Person

Ralf Kellermann , 53, ist der starke Mann in der Frauen-Abteilung des VfL Wolfsburg. Der ehemalige Zweitliga-Torhüter trainierte ab 2008 das Frauenteam des VfL Wolfsburg, übte viele Jahre parallel die Manager-Aufgaben aus und ist seit 2017 Sportlicher Leiter des mit Abstand erfolgreichsten deutschen Frauen-Teams. Er hat sich bei der EM in England fast durchgängig Spiele in Brighton, Brentford, Rotherham, Sheffield, Manchester, Wigan und Milton Keynes angesehen und war am Sonntag auch beim EM-Endspiel in Wembley. hel

Die Spielerinnen werden früher und fußballerisch besser ausgebildet und sind auch im athletischen Bereich auf einem absoluten Top-Level. Sehr beeindruckt war ich davon, wie sich die Spielerinnen mittlerweile aus einem aggressiven Angriffspressing befreien. Früher gab es unter einem hohen Gegnerdruck schon häufiger mal technische Schwierigkeiten – jetzt haben die Topteams spielerische Lösungen dafür.

Die athletische Komponente ist ebenso stärker ausgeprägt. Vermissen Sie nicht auch eine Marta 2.0, die ähnlich wie bei den Männern viele Jahre ein Lionel Messi alle anderen überragt?

Wir haben vielleicht nicht diese extrem auffällige Figur wie Marta früher, aber dafür genügend Spielerinnen, die Vorbilder sind. Die Kader sind pickepacke voll mit sympathischen und bodenständigen Akteurinnen, die auch als Gesichter für die Werbeindustrie interessant sind. In Deutschland und in Europa.

Wie kann es denn aber gelingen, das auch in die Frauen-Bundesliga zu transportieren? Siegfried Dietrich als Sportdirektor der Eintracht-Frauen will nicht weniger als ein neues Wahrnehmungszeitalter einläuten. Das Eröffnungsspiel Frankfurt gegen Bayern am 16. September in der Arena ist der erste Schritt.

Ich kenne Siegfried Dietrich schon sehr lange: Er und die Eintracht werden fürs Eröffnungsspiel einiges auf die Beine stellen: Dann werden nicht nur 5000, 6000 Zuschauer in der Arena sein – das wird das richtige Fest, um den Schwung aus der EM mitzunehmen. Und es wird nicht das einzige Highlight-Spiel bleiben. Gleich am zweiten Spieltag läuft unser Spiel eine Woche danach bei der TSG Hoffenheim um 18 Uhr live in der ARD. Nicht anderes hat England gemacht: Sie sind in den Männer-Länderspielpausen regelmäßig mit den Frauen in die großen Stadien gegangen. Ich hoffe, dass sich alle drei deutschen Teilnehmer in der Gruppenphase der Champions League wieder finden.

Warum?

In diesem Wettbewerb kommen automatisch viele Topspiele zustande, an denen das Medieninteresse groß ist – das haben wir ja gegen Arsenal und Barcelona gesehen. Bei beiden Spielen hatten wir fünfstellige Zuschauerzahlen in unserer Arena. Der Verband und die Vereine müssen alles versuchen, da weiterzumachen. Zudem wollen wir unser Stammpublikum auszubauen. Wenn wir 3000 Besucher in unserem Frauen-Stadion bei einem Bundesliga-Heimspiel haben, dann herrscht eine tolle Atmosphäre. Es sind auch nicht in England bei jeder Partie 10 000 Leute. Wenn Chelsea im Kingsmeadow spielt, kommen rund 4000. Das kann auch ein realistisches Ziel für Vereine in Deutschland sein.

Hat nicht diese EM gezeigt, dass sich jede bekannte Fußball-Marke endlich zum Frauenfußball bekennen müsste?

Letztlich sollte das immer noch jeder Verein für sich selbst entscheiden. Man darf nicht vergessen, dass es ein Investment bedeutet. Von einer schwarzen Null auf diesem Niveau kann man auch in ein oder zwei Jahren nur träumen. Wenn jemand die Unterstützung aus wirtschaftlichen Gründen ablehnt, muss man das akzeptieren. Aber der Mehrwert für einen Verein ist immens. Das positive Image und die gesellschaftliche Verantwortung sind Teil unserer DNA beim VfL Wolfsburg und die vielen sportlichen Erfolge sind ein Resultat davon.

Wie stehen Sie zum Thema Equal Pay? Sogar der Bundeskanzler Olaf Scholz hat in einem Tweet nach gleichen Prämien beim DFB für Frauen und Männer gerufen. Sie haben beim VfL Wolfsburg vergleichsweise gute Unterstützung, aber Sie würden kaum damit durchkommen, dieselben Gehälter wie die Männer für die Frauen zu verlangen. Die VW-Bosse würden Ihnen vermutlich einen Vogel zeigen.

Aber auch völlig zu Recht! Mit gefällt an der Debatte überhaupt nicht, dass alles einen Topf geschmissen wird. EM-Prämien, Gehälter, und, und. Man kann nicht einfach etwas heraushauen, ohne genauer hinzuschauen. Ich appelliere wirklich an den gesunden Menschenverstand bei dieser Thematik. Das Magazin „Forbes“ hat es doch aufgeschlüsselt: Der sich für die gleiche Bezahlung rühmende norwegische Verband hätte für den EM-Titel an seine Spielerinnen 20 000 Euro gezahlt – ein Drittel der Summe vom DFB. Worüber wir reden sollten, ist das Equal Play. Dass Bundesliga-Spielerinnen eine professionelle Infrastruktur vorfinden – Kabine, Fitnessraum, Trainingsplätze und Reisebedingungen sind hier zu nennen. Da ist der DFB, der die EM ebenso wie ein Turnier der Männer-Nationalmannschaft vorbereitet hat, ein gutes Beispiel.

Gleich im nächsten Jahr findet die Frauen-WM in Australien und Neuseeland statt, die dann wieder im Sommer des Männerfußballs stattfindet. Finden Sie das gut fürs Interesse oder haben Sie Sorge, dass die Spielerinnen das nicht durchhalten?

Die Frauen kennen es eigentlich nicht anders, dass in einem Vier-Jahres-Zeitraum mit EM, WM und Olympischen Spielen drei große Turniere stattfinden. Ich sehe darin überhaupt kein Problem, denn zwischen den EM-Spielen lagen manchmal sechs Tage Pause. Im Grunde war die mentale Belastung größer als die körperliche. Ich finde es schön, dass es 2023 gleich wieder eine große Plattform mit einem tollen Turnier gibt – wenn auch weit, weit weg mit riesigen Entfernungen und unglücklichen Anstoßzeiten.

Interview: Frank Hellmann

Alles im Blick: Ralf Kellermann.
Alles im Blick: Ralf Kellermann. © dpa

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