Trainer JÃŒrgen Klopp 1. FSV Mainz 05
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2003: Trainer von Mainz 05 (2001 bis 2008).

Erinnerung

Begegnungen mit Jürgen Klopp

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
  • Frank Hellmann
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  • Jörg Hanau
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FR-Redakteure erzählen von ihren Begegnungen mit Jürgen Klopp.

Mit Jürgen Klopp kann man so einiges erleben

Im Garten mit Kloppo

Natürlich war gleich das erste Treffen mit dem großen Blonden bemerkenswert und erinnerungswürdig. Wie sollte es anders sein? Es war kurz nach der Jahrtausendwende, Kloppo war ein blutjunger Trainer, ganz am Anfang seiner Karriere, die steil und steiler verlaufen und ihn schließlich auf den Olymp bringen sollte. Damals war es auch nicht unüblich, dass Fußballlehrer die Journalisten besuchten und nicht umgekehrt, der Umgang war sowieso ein anderer, ungezwungener, die Branche selbst war zwar schon besonders und speziell, aber lange nicht so abgehoben und auch keine eigene Blase. Kloppo wurde also im alten Rundschau-Haus am Eschenheimer Turm vorstellig. Es war ein Katzensprung, er wohnte ja in Frankfurt. Herr Klopp hatte schon damals ein einnehmendes Wesen, hier ein Spaß, dort ein Spruch, und immer dieses ansteckende Lachen, ganz ohne diese merkwürdige Kauleiste, mit der er heute die Fernsehzuschauer blendet. Als der geschätzte Kollege Svennie meine Wenigkeit also vorstellen wollte, winkte der Mainzer Jungtrainer ab, lachte sich schlapp und bedeutete mir: „Wir brauchen uns nicht vorstellen, ich kenne Dich.“ Pause, Nachsatz: „Ich war schon bei Dir im Garten.“ Natürlich habe ich den guten Mann ein wenig entgeistert angeschaut und insgeheim gedacht, dass ja auch einen Bundesligatrainer mal ein Anflug geistiger Benebelung umwehen könnte. Doch Kloppo prahlte mit Detailkenntnisse des Schrebergartens in Westhausen, auch die Menge von ihm konsumierten Bieres wusste er genau zu beziffern, also fast genau, „ein paar Halbe“. Wie sich herausstellen sollte, war die Welt damals schon klein und ein Dorf, Klopps erste Frau eine gute Bekannte meiner Schwester und unser Gärtchen früher so eine kleine Hochburg für Feierbiester. Damals, irgendwann in den Neunzigern war der junge Kloppo also mittendrin im Partygarten, ein lustiger Student mit Nickelbrille. Dass er mal der vielleicht beste und bekannteste Trainer der Welt werden würde, nee, das war da nicht unbedingt abzusehen. (Ingo Durstewitz)

Bockwurst und Caipirinha

2011: Die erste Meisterschaft mit dem BVB (2008 bis 2015).

Sommer 2006: Jürgen Klopp wird im ZDF zum Fußballerklärer des Sommermärchens. Der große Blonde mit dem Mittelscheitel, der bei Mainz 05 unter dem republikweiten Radar unterwegs war, erreicht als TV-Bundestrainer im Retro-DFB-Trikot völlig neue Popularitätswerte. Sommer 2007: Aus dem Überflieger ist ein Absteiger geworden. Klopp hat Mainz 05 in Liga zwei gecoacht. Ich sitze ihm gemeinsam mit Kollege Daniel Meuren gegenüber zum Interview in der Kneipe „Caipirinha“ unweit des Bruchwegstadions. Anfangs ist die Stimmung entspannt. Klar, ein Klub wie Mainz mit seinen damals noch viel begrenzteren Mitteln ist vor einem Abstieg nicht gefeit. Irgendwann nehmen wir unseren Mut zusammen und fragen: „Haben Sie sich im Sommer zu sehr ums Fernsehen und zu wenig um den Kader von Mainz 05 gekümmert?“ Klopp ist not amused. „Unfug“, er habe in Berlin jeden Nachmittag auf einer Wiese zugebracht und am Team getüftelt. Der von Mainz 05, versteht sich, nicht der von Jürgen Klinsmann. Nun ja, man kann nicht behaupten, dass ich mich seinerzeit besonders beliebt bei ihm gemacht hätte. Dafür bin ich schlicht zu naseweis unterwegs gewesen im „Caipirinha“. In Mainz ist der „Kloppo“ nicht nur deshalb eine Legende, weil der dufte Typ mit dem breitesten Lächeln der Menschheit den Klub ein paar Jahre zuvor in die Bundesliga gebracht hatte, sondern auch, weil er so viel Nähe zuließ. Vor den Pressekonferenzen futterte er am Stehtisch mit den Journalisten Bockwürste und riss Witzchen. Die Reporter haben diese Nestwärme „auf Du und Du“ genossen, und Kloppo andersherum genauso. Es konnten auch mal zwei oder drei Bockwürste werden. Später, als er weg war, haben wir mit Thomas Tuchel klarkommen müssen. Ich fand den Tuchel wirklich korrekt, es waren noch die Zeiten, als er jeden Dienstag im kleinen Kreis den großen Fußball erklärte. Er konnte das mindestens genauso gut wie Klopp. Aber Bockwurst und flotte Sprüche hat es dazu nicht gegeben. (Jan Christian Müller)

Der Lange, die Legende und ein Versprechen

Im Sommer sind es 33 Jahre. So lange kennen wir uns schon, der Kloppo und ich. Wahnsinn. Mit gerade mal 20 war er 1987 aus Pforzheim zur Eintracht gewechselt. Bereit, nach den Sternen zu greifen. Doch statt als Torjäger im Profifußball durchzustarten, musste, nein, durfte er mit mir, dem Nachwuchsreporter der FR, über die Dorfsportplätze der Oberliga Hessen tingeln: Eintracht-Amateure, Viktoria Sindlingen, Rot-Weiß Frankfurt hießen seine Stationen Ende der 80er. Eine herrliche Zeit, der Fußball in der damals höchsten deutschen Amateurklasse war bodenständig, ehrlich, nahbar. Das galt für Spieler wie für Journalisten. Kloppo und ich verstanden uns auf Anhieb. Er kickte, ich berichtete - so finanzierten wir unser Studium. Zwei lange Blonde jenseits der 1,90, eine Generation, derselbe Humor. Da stimmte die Chemie – damals wie heute. Nur laufen wir uns mittlerweile nicht mehr so häufig über den Weg. Seine Trainerkarriere verfolgte ich mehr aus der Distanz. Journalistisch ging ich in dieser Zeit ganz bewusst auf Abstand, ließ lieber meine Kollegen Müller, Durstewitz oder Hunzinger über Kloppo und seine Klubs schreiben. Wenn wir uns aber trafen, setzte es immer Lacher. Wir gaben uns Spitznamen, er war der „Lange“, ich die „Legende“. Warum? Keine Ahnung. Man muss nicht immer alles verstehen. Lange Kerle sind wir ja beide, eine wahre Legende ist aber eben nur er. Egal ob nun in Liverpool, zu Beginn in Mainz oder zwischendurch in Dortmund – die Fans lieben ihren Kloppo. Auch dann noch, als er längst weitergezogen war. Das sagt eine ganze Menge über ihn. Bodenständig und doch ein Mann von Welt. Seinen ersten Titel, den hat er übrigens mir versprochen. Im Ernst: Am 18. Dezember 2010, der spätere Meister Dortmund verlor beim späteren Absteiger Frankfurt 0:1. Nach der PK fielen wir uns kurz in die Arme, wünschten uns und unseren Familien frohe Weihnachten – und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Hol Dir die verdammte Schale von den Bayern!“ Er grinste und antwortete: „Versprochen!“ Er hielt Wort. (Jörg Hanau)

Entertainer im Bernabéu

Der Presseraum des berühmten Estadio Santiago Bernabéu ist nicht ganz so königlich wie das monumentale Stadion, in dem Real Madrid seine Heimspiele austrägt. Aber mit seinen Holzvertäfelungen strahlt der Ort trotzdem eine besondere Aura aus. Es ist der 29. April 2013, der Vorabend des Champions-League-Halbfinals Real Madrid gegen Borussia Dortmund. 

2019: Krönung in Madrid mit dem FC Liverpool (seit 2015).

Die Schwarz-Gelben haben einen 4:1-Vorsprung aus dem Hinspiel mitgebracht – und mit Jürgen Klopp einen Trainer, der seinem Gegenüber José Mourinho mal schnell die Show stiehlt. Die nacheinander abgehaltenen Pressekonferenzen mit dem Deutschen und dem Portugiesen werden zu symbolträchtigen Veranstaltungen, welchem Typ Fußballlehrer die Zukunft gehört. Nicht dem besserwisserischen, gereizten, arroganten Mourinho. Sondern dem aufgeschlossen, witzigen, eloquenten Klopp. Der gebürtige Schwabe weiß, dass viele englische Reporter anwesend sind, die über das bevorstehende deutsch-deutsche Königsklassen-Finale zwischen Bayern und dem BVB in Wembley berichten wollen. Obwohl englische Fragen stets ins Deutsche übersetzt werden, antwortet Klopp bei den britischen Berichterstattern immer auf Englisch. Zum Unwillen von Reportern wie mir, die den Eindruck haben, dass einiges vom Inhalt auf der Strecke bleibt. Klopp schindet Eindruck. Seine Charmeoffensive für einen Auslandsjob, die nur zwei Jahre später seine Anstellung beim FC Liverpool bringt, beginnt bereits 2013. Und prompt sind die Klubs auf der Insel interessiert. Bei seiner Vorstellung bei den Reds gibt er sich als „The Normal One“ aus – und veralbert damit Mourinho („The Special One“). Beeindruckend seine Gabe, sein unmittelbares Umfeld für sich zu gewinnen. Er ist nicht nur ein genialer Trainer, sondern ein glänzender Entertainer. Sollte er irgendwann noch mal etwas ganz anderes machen wollen: Jede Fernsehshow, bei der Deutsch oder Englisch gesprochen wird, könnte Jürgen Klopp auf Anhieb moderieren. Besser als die meisten anderen. Als Menschenfänger auf Champions-League-Niveau. (Frank Hellmann)

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