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Bedröppelt: Matthias Ginter, im Zentrum der Kritik.

Nationalmannschaft

Nur bedingt abwehrbereit

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Die Verteidigung der deutschen Nationalmannschaft ist ein Problem, das haben die Niederländer nicht zum ersten Mal nachgewiesen, aber Joachim Löw wehrt sich gegen den Vorwurf von grundsätzlichen Qualitätsmängeln.

Augen- und Ohrenzeugen im Hamburger Volksparkstadion hatten an Oberstleutnant Martin Wehn und seiner Truppe im Vorprogramm des deutsch-holländischen Fußball-Klassikers nichts auszusetzen. Ordentlich hatte sich der Heeresmusikcorps Hannover an der Mittellinie formiert, um dem erwartungsfrohen Publikum die Nationalhymnen vorzuspielen. Ohne erkennbaren Missklang. Anschließend marschierten die Mitglieder vom Musikmilitärdienst vom geschundenen Rasen und richteten auch dabei keinen weiteren Schaden an. Aus diesem Auftritt war gewiss nicht abzuleiten, dass für die Bundeswehr die Einstufung als „bedingt abwehrbereit“ gerade als Überschätzung gilt.

Genau jenes Urteil trifft nun die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach einer eklatanten Mängelliste. Weil die Männer mit dem Adler auf der Brust am Ende eine Laissez-faire-Verteidigungshaltung an den Tag legten, reagierte der tadellose Kapitän Manuel Neuer sichtlich verstört: „Vier Tore sind einfach viel zu viel, unsere Defensive sah als Verbund nicht gut aus.“ Für den gewöhnlich auf Ausgleich bedachten Torhüter waren das deutliche Worte. Vier Gegentreffer, alle in einer Halbzeit, hatte der 33-Jährige nur bei einem vogelwilden 4:4 im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden 2012 in Berlin erlebt.

Doch damals war die Mannschaft noch gnadenlos auf Offensive gepolt, und der Bundestrainer Joachim Löw nahm billigend in Kauf, dass ein Weltklassemann wie Zlatan Ibrahimovic womöglich erfolgreich sein würde. Nun allerdings gegen die Niederlande mit ihrem verkappten Weltklassespieler Memphis Depay sah die Ausrichtung anders aus: Eine Fünferkette verschob fleißig hin und her, und die anderen fünf Feldspieler sollten die Räume zulaufen. Doch der schöne Plan ging nicht auf – und die Verteidigung sah besonders dumm aus. Symbolfigur war der tapsige Jonathan Tah, der eine äußerst unrunde Leistung mit dem Eigentor zum 1:2 krönte. „Wir können viel lernen aus dem Spiel“, sagte der 23-Jährige, der sich an alter Hamburger Wirkungsstätte so viel vorgenommen hatte.

Mit ihm hatte auch Matthias Ginter einen gebrauchten Tag erwischt. Auf den Seiten konnten weder Lukas Klostermann (rechts) noch Nico Schulz (links) überzeugen, und am Ende sah auch Niklas Süle unglücklich aus. „Wir haben die Kontrolle komplett verloren“, grantelte der erst 24 Jahre alte Abwehrchef, „und Holland zum Toreschießen eingeladen.“ Die Auflösungserscheinungen setzten sich am Samstag insofern fort, dass Schulz wegen eines Teilrisses eines Bandes in der linken Fußwurzel aus Hamburg abreisen musste.

Grundsätzliche Fragen über die Abwehrqualität stellen sich, wenn die Niederländer in vier Wettbewerbsduellen gegen Deutschland spielend leicht zu elf Toren kommen. Löw widersprach vehement: „Wir hatten unsere Schwachstellen, aber nicht aufgrund der taktischen Ausrichtung, sondern wegen der individuellen Fehler.“ Und die These der fehlenden individuellen Klasse galt für ihn schon mal gar nicht: „Qualitätsmängel haben wir keine. Bei einem Tor war das Zentrum schlecht besetzt. Beim dritten Tor hat Matthias Ginter den Ball unter Druck verloren. Wir haben in anderen Spielen gegen Holland und Frankreich gesehen, dass wir gut verteidigen können.“ Er konnte ja schlecht zugeben, dass die Ausbootung eines Abwehrspielers von der Güteklasse Mats Hummels vielleicht ein bisschen voreilig erfolgt ist.

Der einstige niederländische Nationalspieler Rafael van der Vaart legte im ZDF-Sportstudio den Finger in die offene Wunde. Deutschland sei hinten „ganz schwach, wenn man Leute aussortiert, müssen die anderen deutlich besser sein – das sind die nicht.“ Die Trennung sei viel zu früh, „in zwei, drei Monaten braucht er Hummels wieder“. Wenn sich van der Vaart damit nicht im Bundestrainer täuscht, der zwar auf Jerome Boateng direkt nach einer 0:3-Offenbarung in Amsterdam aus Leistungsgründen verzichtete, Hummels aber vor allem deshalb aussortierte, um die Hierarchien neu zu ordnen.

Vor allem im Aufbauspiel steht der 30-Jährige immer noch weit vor allen anderen. Angeblich hofft der Dortmund-Rückkehrer immer noch auf ein Comeback, das sich auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke wünscht. Doch eher fängt Löw wieder das Rauchen an, als dass er seinen Entschluss revidiert. Zur Hummels-Causa sei alles gesagt, richtete der 59-Jährige noch vor dem Abflug nach Belfast aus. Im Windsor Park wird seine Elf („taktisch werden wir auf jeden Fall umstellen“) trotzdem mit einer neuen Hintermannschaft spielen lassen. Wahrscheinlich mit Marcel Halstenberg oder Jonas Hector links hinten. Und dann auch wieder mit Viererkette. Dann müsste Löw nur noch den Dreierketten-Fan Süle („haben damit immer einen Mann mehr zum Verschieben“) überzeugen, dass diese Formation lange zum erfolgreichen Markenkern dieser Mannschaft gehörte. Dafür gibt es übrigens auch genügend Augen- und Ohrenzeugen.

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