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Der nächste Einschlag: David Alaba trifft zum zwischenzeitlichen 2:0 für den FC Bayern München.

Hannover - München

FC Bayern spielt Zukunft

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So wie in der DFB-Auswahl vollzieht sich verspätet eine Verwandlung für die Bayern.

Als Andre Breitenreiter einst für die SpVgg Unterhaching wichtige Tore erzielte, wurde ihm mit einem witzigen Fanklub gehuldigt: „Die breiten Reiter.“ Es ging damals alles beschaulich und selbstironisch zu, die Mitgliederzahl betrug, so wird es bis heute erzählt, exakt drei Personen. Einer davon war Breitenreiter selbst. Inzwischen ist der Publikumsliebling von einst Trainer von Hannover 96, und nach dem 0:4 gegen den FC Bayern war er ziemlich bedient. Sein Klub ist auf dem letzten Platz der Tabelle gelandet. Und der Coach, der um seinen Job bangt, sah aus, als wären die Reiter der Apokalypse über ihn galoppiert.

„Wir hatten keine Chance“, gestand Breitenreiter, neben ihm sah Niko Kovac hingegen so aus, als wäre ihm zu Ehren gerade ein eigener Fanklub gegründet worden. Vor wenigen Tagen hätten sie ihn in München beinahe aus dem Paradies gejagt, nun aber widersprach niemand bei seiner These, sein Team habe „die Kurve bekommen“. Der Auftritt in Hannover sei „mit die beste Leistung der Saison“ gewesen, sagte er. Auch hier regte sich kein Widerspruch, wobei die kritische Anmerkung erlaubt sei, dass Hannover heillos überfordert war und die Tore wie bestellt für ein Team fielen, das noch immer damit beschäftigt ist, harte Zeiten abzustreifen.

Die Kennzahlen, die den Kantersieg begleiteten (er hätte im Übrigen auch höher ausfallen können), lesen sich in jedem Fall imposant. 32:3 Torschüsse, 14:0 Ecken – in solche Bilanzen passen keinerlei Zweifel an einem dramatischen Leistungsgefälle zwischen den Kontrahenten. „So macht Fußball Spaß“, sagte Hasan Salihamidzic, der Sportdirektor, der in den vergangenen Wochen unerwartet und urplötzlich analog zur Mannschaft gewachsen ist.

Das Ergebnis am Samstag war ja nicht mal die wichtigste Botschaft. Entscheidender ist, dass die Bayern allmählich angefangen haben, Zukunft zu spielen. Gewisse Parallelen zum DFB-Team fallen dabei auf; in beiden Fällen vollzieht sich die Verwandlung verspätet, und in beiden Fällen ist sie etwas aus der Not geboren. Kovac setzte in Hannover die Rotation aus und auf die jungen Kräfte seiner Elf. Sie dankten es ihm in geschlossener Stärke. Joshua Kimmich entwickelt sich rasant zur Führungsfigur, Leon Goretzka hat sich etabliert, Serge Gnabry zählt seit Wochen zu den Besten, und sogar der lange verletzte Kingsley Coman ist blitzartig zurück in die Scheinwerfer gesprintet. Hinter diesen jungen Wilden hat man zudem diesen Renato Sanches, der sich allmählich anschickt, einzulösen, was man sich bei seinem 35-Millionen-Einkauf einst erhofft hat. „Wenn wir jedes Spiel so spielen, hat der Bayern-Fan und jeder Spieler hier sehr viel Spaß an der Zukunft“, sagte Thomas Müller.

Nach den vergangenen Wochen und angesichts der offiziell ausgerufenen Umbruchzeit lauscht man noch genauer als sonst auf die Zwischentöne. Man habe heute gesehen, „dass wir ein Team auf dem Platz hatten“, sagte Kimmich. Einer der heikelsten Teile der Arbeit von Kovac ist es, Routiniers und Rookies in Balance zu halten, ohne einen Riss in der Mannschaft zu riskieren. Wobei es sicher ratsam ist, sich der Zukunft zuzuwenden. „Heute standen viele gute Spieler auf dem Platz“, sagte Müller. Es ist möglich, sich von Franck Ribery und Arjen Robben zu emanzipieren, hieß das.

Ein Gesicht dieser Entwicklung ist das von Gnabry. „Er tut uns extrem gut, ist seit Monaten gut und wird jetzt richtig effektiv“, lobte Kimmich. Ob Dortmund von diesen neuen Bayern einzuholen ist? Kimmich grinste: „Natürlich ist unser Rückstand aufholbar.“ Sattelt die Pferde! Die Bayern sind im Galopp.

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