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Flasche voll - aber wie lange noch? Niko Kovac.

DFB-Pokal

Pokalspiel gegen Heidenheim erschüttert Bayern München

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Das wilde 5:4 im Pokal gegen Heidenheim erschüttert den FC Bayern – nun kommt der BVB nach München. Niko Kovac bleibt optimistisch.

Zwei Stunden danach herrschte in der Arena und drumherum eine unwirkliche Ruhe. Wo nach jedem Bundesligakick und sowieso in der Champions League stundenlang die Ausfahrten verstopft sind, war diesmal kaum noch jemand zu sehen. Der Rasen war – bewacht von einem einsamen Ordner – in gleißendes Licht getaucht, um das Wachstum anzuregen, schließlich werden schon morgen Abend wieder kräftige Halme benötigt. Und auch die Spieler des FC Bayern hatten das Weite gesucht, weil sie schon morgen Abend in bester Verfassung sein müssen. Es war ein strapaziöser Abend gewesen. Für Mensch und Pflanze.

Als Fußballer kann man Ergebnisse in viele Richtungen deuten, besonders wenn sie so kontrovers verlaufen wie dieses 5:4 gegen den 1. FC Heidenheim. „Die Interpretation ist völlig beliebig“, fand Thomas Müller. Er zog es dann aber doch vor, seine Analyse wohlwollend zu formulieren, allein schon aus pragmatischen Gründen. Er und seine Kollegen würden „natürlich nur das Positive rauspicken“, schließlich wolle man „am Samstag wieder mit breiter Brust auf dem Platz stehen“. Die Dortmunder mit ihren Sanchos, Reus‘ und Alcacers werden sie noch ein bisschen mehr prüfen als die Glatzels und Schnatterers.

Bayern München könnte in eine Sinnkrise verfallen

Nach so einem Spiel noch von einer breiten Brust zu reden, ist rhetorisch eine reife Leistung. Mit mindestens gleichem Recht könnten die Bayern in eine veritable Sinnkrise verfallen. Als Rekordmeister und ewiger Primus sind sie es nicht gewohnt, vorgeführt zu werden, wie es phasenweise am Mittwoch geschah. Dass ihnen so etwas auch noch im eigenen Stadion und gegen einen Zweitligisten passierte, traf sie ins Mark. „Wenn man so ein Spiel sieht, muss man nachdenklich sein“, gestand Sportdirektor Hasan Salihamidzic. So kennt man die stolzen Münchner eigentlich nicht – außer in dieser Saison. Da erlebt man sie immer wieder grübelnd und zweifelnd.

Die Bayern, die eine Zwei-Tore-Führung gegen einen Zweitligisten vergaben, sahen genauso aus wie jene Herbst-Bayern, die in der Nachspielzeit von Fortuna Düsseldorf ausgekontert wurden. Das 3:3 Ende November galt bisher als Tiefpunkt der Saison, doch dieser gruselige 5:4-Sieg kann es damit durchaus aufnehmen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sich an den fünf eigenen Toren zu berauschen. Er spiele „lieber 1:0 als 5:4“, erklärte Niko Kovac mit Nachdruck. Klar würden sich nach einem solchen Torfestival viele Blicke auf die Stürmer richten. „Aber man sieht jetzt natürlich auch die Abwehr.“

Die schöne Souveränität, die sie in den letzten Wochen nicht nur zur Schau gestellt, sondern mit diversen Kantersiegen (Gladbach, Mainz, Wolfsburg) auch vorgelebt haben, ist innerhalb weniger Tage verpufft, und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Schon das Remis in Freiburg, einhergehend mit dem Verlust der Tabellenführung, hatte die Bayern ernüchtert. Aber am Wochenende konnten sie es noch als Ausrutscher abtun, als ein schwächeres Spiel nach vielen besseren. Die Partie gegen Heidenheim lässt ihnen diese Option nicht. Dafür waren die Versäumnisse zu groß und die Unsicherheiten zu eklatant.

Bayern-Coach Niko Kovac vermisst Abräumer

„Nach meinem 1:0 dachte ich, dass es ein relativ entspannter Spätnachmittag wird“, räumte Leon Goretzka ein. Das war nicht die einzige Fehleinschätzung. Auch Robert Lewandowski, der wegen Erkältungssymptomen zunächst draußen geblieben war, dachte, „dass wir locker weiterspielen können“. Entspannt und locker war dann aber bald gar nichts mehr.

Vor genau diesen Trugschlüssen hatte Niko Kovac im Vorfeld gewarnt. Der Trainer versuchte erst gar nicht, die 75-minütige Unterzahl nach Niklas Süles Platzverweis als mildernden Umstand anzuführen. „Als FC Bayern München“ müsse man so eine Partie „verwalten, dass man als sicherer Sieger vom Platz geht – egal ob in Unterzahl, Gleichzahl oder Überzahl“. Es zu versäumen und irgendwann jede Kontrolle zu verlieren, ist gleichwohl keine neue Erfahrung für ihn. „Es war ein wildes Spiel, das ich in der Form nicht mag. Das hat man in dieser Saison schon allzu oft gesehen.“

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich der Trainer bewegen muss. Die Fehler und Versäumnisse, die sich gerade wieder häufen, muss er deutlich ansprechen. Zu scharf darf er die Kritik aber auch nicht formulieren in diesem hypersensiblen Klub, wo mancher Spieler eine Standleitung ins Präsidium hat. Bei Kovac klingt das dann so, dass er im aktuellen Kader Abräumer vermisst, die anlehnungsbedürftigen Kollegen in schwierigeren Momenten Halt geben: „Die hat der FC Bayern gehabt.“ Früher. Heute muss er wie ein geduldiger Vater immer wieder dasselbe predigen („Kompakt bleiben!“) und hoffen, dass die Botschaft irgendwann ankommt. „Aber wenn nicht, heißt es nicht, dass er nicht mehr mein Sohn ist. Oder meine Tochter. Oder mein Spieler.“

Verteidigen, findet er, ist im Grunde das Einfachste überhaupt. Angreifen, „das ist Kunst“, in der Abwehr hingegen ist ehrliches Handwerk gefragt, sagt Kovac, der selber eine zuverlässige Defensivkraft war. Die entscheidende Frage ist für ihn: „Will ich verteidigen? Oder bin ich mir zu schade?“ Er ist sich ziemlich sicher, dass er so etwas wie am Mittwoch morgen Abend nicht erleben wird. Zum einen, weil gegen Dortmund die Sinne geschärfter sein werden als gegen Heidenheim. Zum anderen, weil er die Statistik auf seiner Seite wähnt: „So etwas passiert nicht zweimal in einer Woche.“

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