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Zwei, die sich einmal spinnefeind waren: Bayern-Präsiedent Uli Hoeneß (links) und der ehemalige Werder-Manager Willi Lemke.

Bayern - Bremen

Doppelpack zwischen dem FC Bayern und SV Werder voller Nostalgie

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Ein Rückblick vor dem Kräftemessen in Liga und Pokal zwischen dem FC Bayern und Bremen.

Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass in den vergangenen Tagen Willi Lemke, Thomas Schaaf und Claudio Pizarro mal wieder ausführlich zu Wort gekommen sind. In Interviews, Kolumnen oder Presserunden legten der ehemalige Manager, der frühere Trainer und der ewige Torjäger ihre Sicht auf den Doppelpack zwischen dem FC Bayern und SV Werder im Bundesliga-Endspurt (Samstag 15.30 Uhr) und DFB-Pokalhalbfinale (Mittwoch 20.45 Uhr/ARD) dar. Erst wird in München, dann in Bremen gespielt, und unweigerlich werden in die Gegenwart die Episoden der Vergangenheit verwoben.

Das Nord-Süd-Duell wäre nicht zum Klassiker der Bundesliga-Geschichte geworden, wenn ihm nicht der langjährige Bremer Macher Lemke die Attitüde vom Klassenkampf übergestülpt hätte. Das arme, tapfere Werder gegen die reichen, arroganten Bayern. Lemkes Intimfeind Uli Hoeneß bezeichnete den früheren SPD-Mann in den 90er Jahren als „Volksverhetzer“ und „einen der größten Opportunisten in dem Geschäft“. Das Verhältnis der beiden Vereine normalisierte sich erst wieder in den 2000ern zu einem rein sportlichen Wettstreit, als das Trainer-Manager-Gespann mit Thomas Schaaf und Klaus Allofs den SV Werder nach jahrelanger Durststrecke zur Spitzenmannschaft umbaute. Die listige Transferpolitik mit Künstlern wie Johan Micoud, Diego oder später Mesut Özil mündete im Double 2004, dauerhafter Champions-League-Präsenz und dem Pokalsieg 2009.

Nicht Dortmund, sondern Bremen war in dieser Zeitspanne ärgster Treiber für die Münchner. Erst mit einer 4:0-Lehrstunde im Pokalendspiel 2010 in Berlin verfestigten sich die bis heute gültigen Machtverhältnisse. Vor allem finanziell ist die Schere seitdem von Jahr zu Jahr auseinandergegangen: Was die SV Werder Bremen GmbH Co & KGaA inzwischen als Gesamtumsatz ausweist (118 Millionen Euro), trägt bei der FC Bayern AG fast schon das Merchandising (92 Millionen) zum Gesamtetat (624 Millionen) bei.

Und weil der eine dem anderen vor diesem Hintergrund nicht mehr wirklich weh tut, geht auch ein Lob leichter über die Lippen. Werders Technischer Direktor Schaaf hielt im Onlineportal Deichstube fest: „Man kann dem FC Bayern nur ein großes Kompliment aussprechen, wie sich der Klub entwickelt hat und wie wirtschaftlich stark er geworden ist.“ Bayerns Boss Karl-Heinz Rummenigge stellte im „Weser Kurier“ die „positive Entwicklung“ in Bremen heraus. Er empfinde das als gut, „da Werder Bremen für die Bundesliga immer ein wichtiger Klub war.“

Buhlen um Pizarros Gunst

Einer, der die Entwicklungen in beiden Klubs in jeweils neun Spielzeiten mitgestaltet hat, ist das Phänomen Pizarro. Den 468-fachen Bundesligaspieler (195 Tore) können sich beide Vereine kurioserweise nach der Karriere als Repräsentant oder in anderer Anstellung vorstellen. Aber wer weiß schon, wie lange der 40-Jährige noch weiterspielt? Werder-Trainer Florian Kohfeldt will den Routinier jedenfalls (noch) nicht missen: „Claudio gehört bei uns zu den Spielern, die wissen, wie Erfolg geht.“

Ansonsten bemüht sich der 36-Jährige um eine realistische Betrachtung der Ausgangslage: „Zu konstruieren, Bayern wäre nicht gut drauf, wäre schon sehr weit hergeholt und auch ein Stück naiv. In den letzten 17 Spielen haben sie 15 Siege und ein Unentschieden geholt, bei einer Niederlage. Wer daraus einen günstigen Moment ableitet, gegen Bayern zu spielen, hat eine verzerrte Wahrnehmung.“ Deswegen dürfe auch niemand erwarten, „dass wir das Spiel dominieren werden.“ Im ungünstigsten Fall erhalten die Europapokal-Sehnsüchte der Hanseaten in diesem vorsommerlichen April einen doppelten Dämpfer.

Zwei Statistiken stehen sich dafür diametral gegenüber: Hier die Tatsache, dass die Grün-Weißen in 2019 noch kein Pflichtspiel verloren und in jedem Bundesligaspiel ein Tor geschossen haben, dort der Fakt, dass sie die jüngsten 16 Liga-Vergleiche bei einem Torverhältnis von 10:61 gegen die Bayern verloren haben. „Wir haben auch Waffen, um ein Spiel für uns zu entscheiden. Nur das Tor sichern, kann nicht das Ziel sein“, kündigte Kohfeldt an.

Die Doppelaufgabe gegen den unter Druck geratenen Kollegen Niko Kovac will der „Trainer des Jahres 2018“ nacheinander abarbeiten. „Taktieren kommt am Sonnabend nicht infrage, wir werden alles auspacken.“ Auch wenn erst der Pokalabend vier Tage später im Weserstadion „eines der größten Werder-Spiele der vergangenen sechs Jahre sein wird“, wie Kohfeldt glaubt. Um den Bayern vielleicht schon im Meisterschaftskampf ein Schnippchen zu schlagen, will er sich noch einen Rat in der Nachbarschaft abholen: „Ich wohne ja nur 100 Meter von Willi Lemke entfernt. Vielleicht frag ich den noch mal übern Gartenzaun.“

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