+
Akkurates Auftreten: Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Hasan Salihamidzic im Porträt

Der Lehrling

  • schließen

Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic ist noch dabei, sein Profil für den höchsten Anspruch zu schärfen.

Das Hemd strahlte blütenweiß, der Kragen stand senkrecht, auch das Sakko saß ordentlich. Hasan Salihamidzic stand gelöst am Absperrband: Es hat schon schwierigere Auftritte für den Sportdirektor gegeben, als vergangenen Samstag nach dem Bundesligasieg beim FSV Mainz (3:1) die Gemengelage zusammenzufassen. Bereits vor dem Gipfeltreffen mit dem abgestürzten Herbstmeister RB Leipzig (Sonntag 18 Uhr) sind die Münchner Tabellenführer. „Die Leipziger sind ein richtig ernstzunehmender Gegner. Aber wir sind selbstbewusst genug, um zu sagen, dass wir zu Hause gewinnen wollen.“ Diese banale Ansage unterlegte der 43-Jährige mit einer süßen Miene wie nach dem Verzehr der von der Großmutter gebackenen Lieblingstorte. „Es ist immer gut, wenn man schnell oben ist.“

Der ehemalige Bayern-Spieler weiß natürlich, dass eine einzige Niederlage beim Rekordmeister reicht, um die Erfolge eines ganzen Jahres infrage zu stellen. An den mutlosen Heimauftritt im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Liverpool wird bald wieder erinnert, wenn die Bayern sich mit dem FC Chelsea duellieren (25. Februar und 18. März). Die Königsklasse ist der Maßstab für diesen Kader. Und auch für denjenigen, der die Zusammenstellung verantwortet.

Die Beförderungen des Repräsentanten kam Ende Juli 2017 sehr überraschend. Selbst für „Brazzo“, das Bürschchen, der einst vor den Kriegswirren im ehemaligen Jugoslawien flüchtete, um sich in Deutschland den Traum als Fußballprofi zu erfüllen. Max Eberl (Borussia Mönchengladbach) hätte wohl zugesagt, wenn die Kompetenzen zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge und dem damaligen Aufsichtsratschef Uli Hoeneß geklärt gewesen wären. Sich zwischen ungeklärten Machtfragen der Alphatiere zerreiben, wollte er nicht.

Danach hat sich Hoeneß für Salihamidzic stark gemacht; und als letzte Amtshandlungen im Kontrollgremium auch dessen Beförderung zum Sportvorstand am 1. Juli 2020 durchgedrückt. Die Verantwortung ist immens. Die Profimannschaft ist der kostenintensivste, aber am wenigsten planbare Bereich. Der Ertrag aus den absurd hoch anmutenden Aufwendungen für Ablösen, Gehälter und Handgelder muss bei einem Global Player mit 750 Millionen Euro Jahresumsatz stimmen. In Form von Tabellenplätzen und Titeln.

Im Dezember 2018 sagte Salihamidzic, er habe in seiner bisherigen Arbeit „wahrscheinlich mehr bewegt als meine Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit“. Aber stimmt das? Die Wechsel der Weltmeister Lucas Hernandez und Benjamin Pavard waren bei festgeschriebenen Ablösen vergleichsweise einfach. Bei Alphonso Davies, Kanadier mit viel Talent, hat Salihamidzic mit Chefscout Marco Neppe gute Arbeit gemacht. Schlecht vorbereitet war der nicht geglückte Transfer des Wunschkandidaten Callum Hudson-Odoi (Chelsea). Eine Ohrfeige für den Quereinsteiger, der mitunter fast naiv auftrat. Berater und Branchenkenner waren ob mancher Anfängerfehler irritiert.

Als vergangenen Sommer die Öffentlichkeit einen großen Namen erwartete, weil sich Wunschkandidat Leroy Sané das Kreuzband riss, ließ lieber Rummenigge seine Drähte in die Chefetage zum FC Barcelona spielen, um das Leihgeschäft mit Philippe Coutinho abzuwickeln. Sein Netzwerk ist größer, sein Wort mächtiger. Salihamidzic hat neben Rummenigge mitunter wie ein Schuljunge gewirkt. Aber inzwischen kann er sein Profil schärfen. Er scheint schnell viel zu lernen.

Er hat Torhüter Alexander Nübel überzeugen können, im Sommer ablösefrei zu kommen. Mit Kai Havertz könnte sich Salihamidzic als erster Manager in den Bundesliga-Annalen verewigen, der einen 100-Millionen-Transfer abwickelt. Spannend wird sein, wie er seine Rolle ausführt, wenn Oliver Kahn eingearbeitet ist. Der Ex-Nationaltorwart wird zum Rummenigge-Erben aufgebaut, soll Ende 2021 übernehmen. Immerhin hat sein ehemaliger Mitspieler eine Vorstellung davon, wie man zusammenfinden kann. „Ich würde gerne mit ihm im Anzug nochmal die Champions League gewinnen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare