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Bald 16 Jahre Trainer in Heidenheim: Frank Schmidt.

DFB-Pokal

Bodenständiger Bayern-Schreck

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Frank Schmidt, Trainer von Bayern-Gegner FC Heidenheim, weiß, wie sich eine Pokalsensation gegen München anfühlt.

Frank Schmidt hat in den vergangenen Tagen viele Medientermine wahrgenommen, und sprechen musste er dabei immer über gleich zwei besondere Spiele seiner Vita. Nicht nur über das Pokalviertelfinale an diesem Mittwoch, bei dem der Trainer mit dem Zweitligisten 1. FC Heidenheim als krasser Außenseiter beim FC Bayern in der Münchner Arena vorstellig wird. Sondern natürlich auch über jenen Coup vor 25 Jahren, als er als Libero des damaligen Drittligisten TSV Vestenbergsgreuth maßgeblich zu einer der größten Pokalsensationen der Geschichte beitrug.

„Der große FC Bayern, das kleine TSV Vestenbergsgreuth – da waren viele Emotionen drin“, erinnert sich der 45-Jährige an das legendäre Spiel vom 14. August 1994 im damaligen Nürnberger Frankenstadion, „wir haben kurz vor der Halbzeit das 1:0 gemacht, und dann haben wir gefightet, gekämpft. Und am Ende stand ein 1:0-Sieg, und ich glaube auch damals nicht unverdient.“ Bei ihrer Feier im Anschluss sangen der Torschütze Roland Stein, ein Industriemechaniker, und Bankkaufmann Schmidt mit ihren Amateurkollegen, von Elektrikern über zwei Studenten, einen Polizeibeamten, einen Arzt bis hin zu einem Drucker, „uns zieht keiner die Lederhosen aus“.

Danach wurde sogar der Früchtetee des damaligen Vorsitzenden Helmut Hack mit der Sensation vermarktet und vor dem Vereinsheim ein Gedenkstein aufgestellt, auf dem auch Schmidts Name eingraviert ist. Hack sprach von einem „Übertraum“, der wahr geworden sei und seine Vorstellungskraft sprenge: „Ich wollte ein Fußballfest haben – und jetzt haben wir sogar den Meister ausgebootet.“ Eine Zeitung schrieb: „Vestenbergsgreuth – solche Orte kann man nicht erfinden. Es gibt sie nur als Zungenbrecher in Verkehrshinweisen oder in Loriot-Sketchen.“ Und weiter: „Gäbe es diesen Wettbewerb nicht, man müsste ihn schon aus pädagogischen Gründen erfinden.“ Sogar in der italienischen „Gazzetta dello Sport“ schaffte es Vestenbergsgreuth auf die Titelseite.

Bald hat er Finke eingeholt

Für den FC Bayern mit seinen damaligen Spielern Lothar Matthäus, Oliver Kahn und Mehmet Scholl ist die Niederlage im ersten Pflichtspiel unter dem neuen Trainer Giovanni Trapattoni noch immer das Sinnbild für die größtmögliche Blamage. Für Frank Schmidt ist die Erinnerung auch ein Ansporn, erneut das scheinbar Unmögliche zu schaffen. „Wir wollen weiterkommen“, sagt er und verspricht, man werde alles daransetzen, da zu sein, „wenn Bayern uns nur den Hauch einer Chance gibt“.

Schmidt spricht solche Sätze nicht mit jenem heiligen Ernst aus, der in der Branche sehr verbreitet ist. Sondern mit einem vergnügten Lächeln, das von seiner puren Freude am Fußball erzählt, fernab von Millionengagen und Selbstinszenierung. Schon damit ist er eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Profifußball. Doch erst recht gilt das, weil er Charakterzüge in sich nicht nur vereint, sondern sie auch vorlebt, wie es im heutigen Kickergeschäft eigentlich nicht mehr vorgesehen zu sein scheint.

Bodenständig, heimatverbunden und treu ist Schmidt. Und weil er überdies Jahr für Jahr beim 1. FC Heidenheim mit seinem pragmatischen Coaching sportlich mehr herausholt, als der bescheidene Etat eigentlich hergibt, ist es fast ein mittleres Wunder, dass er es dort zum mit Abstand dienstältesten Trainer im deutschen Profifußball gebracht hat und ihn niemand abwerben konnte. Seit September 2007 steht er in seiner 50 000 Einwohner zählenden Geburtsstadt von der Schwäbischen Alb bereits an der Linie. Erfüllt er seinen Vertrag bis 2023, fehlen ihm nur noch zweieinhalb Monate, um den früheren Freiburger Volker Finke als jenen Profitrainer abzulösen, der am längsten hintereinander bei einem Verein gearbeitet hat, nämlich 16 Jahre lang. Nur so halb im Scherz hatte Schmidt schon bei seinem Amtsantritt angekündigt, dem Rekordhalter nachzueifern. „Mein erster Spruch war: Wenn, dann mache ich das richtig und will der Volker Finke von Heidenheim werden“, erzählte er einmal.

In Heidenheim wissen sie nicht erst seit dem 2:1-Sieg nach einem 0:1 gegen den Bundesligisten Bayer Leverkusen im Pokalachtelfinale sehr genau, was sie an ihrem geerdeten Fußballlehrer haben, der im benachbarten Bachhagel wohnt. Der Vorstandschef Holger Sanwald, schon 1994 als Abteilungsleiter dabei, findet: „Es gibt keinen geeigneteren Trainer für unseren FCH als Frank Schmidt.“ Mit diesem gelangen die Aufstiege in die Regionalliga (2008), dritte (2009) und zweite Liga (2014). Vor 25 Jahren, als Schmidt mit Vestenbergsgreuth gegen Bayern gewann, kickten die Heidenheimer noch in der Landesliga. Und was passiert diesmal? „Ich denke, es waren auch die gleichen Voraussetzungen, wie sie jetzt sind. Im Fußball ist alles möglich“, sagt Schmidt, „es muss schon sehr viel Gutes auf einen Tag kommen. Aber am Ende dürfen wir uns nicht kleiner machen, als wir sind.“ Die Vorfreude des Fußballpuristen ist bei allem Realismus unüberhörbar.

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