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Landen beide auf der Nase: Diego Demme (l.) und Thomas Müller.

Bayern München

Bayern München: Das erste Murren

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Beim 1:1 gegen RB Leipzig dominiert der FC Bayern nur eine Halbzeit - das reicht, um eine alte Debatte um Trainer Niko Kovac wieder anzufachen.

Drei Szenen gab es hinterher, die einiges über das zunächst so einseitige und plötzlich wundersam ausgeglichene 1:1 (1:1) zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern sowie über dessen Nachwirkungen erzählten. Die erste Szene war die Reaktion der Fans, als die Leipziger vor ihre Fankurve traten. „Spitzenreiter, Spitzenreiter“, riefen die Zuschauer voller Inbrunst und Freude, was am vierten Spieltag etwas putzig klang, aber zumindest mittelfristig wohl zurecht ambitioniert.

Die zweite Szene trug sich im Bauch der Arena zu, als Niko Kovac das Gespräch mit einem Security-Mitarbeiter suchte, der ihm gerade die blickdichte Tür zur Interviewzone wie schon ein paar Minuten zuvor erneut genau im richtigen Moment geöffnet hatte, obwohl dieser den nahenden Münchner Trainer gar nicht hatte kommen sehen können. Wie der Security-Mitarbeiter das mache, fragte Kovac. Sein Staunen wirkte wie eine Metapher auf den verblüffenden Wandel dieses Topspiels dank einer simplen Finesse. Er höre, dass jemand kommt, antwortete der Türsteher, schließlich schlage eine andere Tür davor zu, wenn der Flur genutzt werde. Und dann war da noch eine dritte Szene, der Dialog mit Situationskomik zwischen Thomas Müller und einem Journalisten. Es war ebenfalls ein Tür-auf-Tür-zu-Dialog, wenn man so will, was sich auch aufs sportliche Geschehen übertragen ließ.

Fehlende Reaktion auf Leipzigs Veränderungen

Begonnen hatte dieser Dialog mit Müllers Analyse, dass man nach Bayerns extrem dominant geführter erster Halbzeit zu lange gebraucht habe, um sich auf die Systemumstellung von Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann von Fünfer- auf Viererkette und auf die Verdichtung des Mittelfelds einzustellen. „Ich würde mir wünschen, dass wir da schneller reagieren“, sagte Müller, es war ein Tür-auf-Satz. „Ist das eine Trainersache?“, fragte der Journalist. „Keine Feuer legen, bitte, so spät am Abend“, antwortete Müller in witzelnder Tür-zu-Manier und drehte den Spieß sofort um: „Wie bewerten Sie die Arbeit von Ihrem Chef so? Ist das ein netter Mann?“ Gegenfrage an Müller: „Interessiert Sie das?“ „Ja“, sagte Müller. Kurze Pause. „Ist sehr nett“, antwortete der Journalist. Auch Müller musste jetzt lachen und sagte: „Da haben Sie jetzt aber lang gebraucht für.“

Müllers ausweichende Dialogführung entfaltete auch deshalb eine gewisse Wucht, weil Kapitän Manuel Neuer im ersten Münchner Murren der Saison zuvor ebenfalls die fehlende Anpassung auf Leipzigs Veränderungen beklagt hatte. Man wisse aus Nagelsmanns Hoffenheimer Zeit, dass er taktisch umstellen könne, nichts Überraschendes also. Nur: „Da müssen wir auch drauf reagieren“, sagte Neuer kritisch und bemängelte den Verlust an Selbstverständnis und passender Positionierung. Auch dem Torwart wurde die Frage gestellt, ob solche Maßnahmen nicht in Kovacs Ressort fallen? „Das lag an unserer Spielweise einfach“, antwortete Neuer ebenfalls latent ausweichend.

RB zunächst ohne Chance

Zumindest klangen vorm Auftakt der Champions League am Mittwoch gegen Roter Stern Belgrad vertraute Debatten beim und um den FC Bayern neu an, und zu diesen zählt neben dem Wunsch nach erfolgreichen Interventionen von außen auch der bekannte Makel, trotz großer Dominanz häufig in der Offensive nicht zwingend genug zu agieren. Das war auch in Leipzig zu besichtigen, trotz der frühen Führung durch Robert Lewandowskis bereits siebtes Ligator im vierten Spiel (3.). Müller hatte dafür den entscheidenden Impuls mit einem Ballgewinn gegen Lukas Klostermann und einem gedankenschnellen Steilpass geliefert, nach dem Lewandowski allein aufs Tor zulief und einschob. Danach wirkte es zuweilen, als sei Leipzig in dieser Saison bisher eine optische Täuschung gewesen, die dem Publikum nur vorgegaukelt hatte, dass hier ein ernstzunehmender Herausforderer für den Abo-Meister aus München erwachse. Stattdessen sah es nun nach einem Klassenunterschied aus, und das Einzige, was sich die Gäste vorwerfen mussten, war jener Umstand, dass sie aus ihrer beeindruckenden Überlegenheit nicht mehr Kapital schlugen. „Wie ein Waldlauf ohne viel Fußball“, wirkte die schüchterne Teilnahmslosigkeit seiner Mannschaft auf Nagelsmann. „Sensationell gut, fantastisch“, fand dagegen Kovac die in der ersten Halbzeit so noch nie dagewesene Dominanz seiner Elf gegen Leipzig und trat doch „enttäuscht und verärgert“ die Heimreise an.

Denn das zunächst fast chancenlose RB war kurz vor der Pause zum 1:1 gekommen, weil Lucas Hernández etwas ungeschickt gegen Yussuf Poulsen jenen Elfmeter verursachte, den Emil Forsberg verwandelte (45.+3). Was folgte, war die Raserei des offenen Schlagabtausches in Halbzeit zwei mit vielen Großchancen auf beiden Seiten. Und jene Einlassungen der Leipziger, die Kovac in den vertrauten Debatten etwas entlasteten. Nagelsmann erklärte, warum er mit seinen Interventionen trotz massiver Unterlegenheit überhaupt bis zur Pause gewartet hatte. „Wir sind noch nicht so variabel, dass wir die Spieler schwuppsdiwupps hin- und herschieben können. Das ist ein Lernprozess“, sagte er. Dann ließ Torwart Peter Gulacsi, der wie Neuer teils spektakulär gerettet hatte, anklingen, dass Debatten über den Trainereinfluss ein Alibi liefern. Nagelsmann habe seinen Spielern gesagt, dass sie selbst früher erkennen müssten, „wenn es nicht gut läuft“, berichtete der Ungar und fügte vor der Reise zu Benfica Lissabon in der Champions League am Dienstag einsichtig an: „Wir haben genug erfahrene Spieler auf dem Platz, wir können das selbst ein bisschen regeln und umstellen.“ Dass auch Eigenverantwortung gefragt ist, gilt für die Bayern wohl noch etwas mehr. Zumal in jenem aktuellen Dreikampf mit Leipzig und Borussia Dortmund, in dem sie am Samstagabend nur in der ersten Halbzeit ihre Favoritenrolle untermauern konnten.

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