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Franck Ribéry zieht seine Arbeitsklamotten aus: Die Bayern stehen an der Tabellenspitze, aber Stimmung kommt nicht auf.

FC Bayern München

Auf dem Weg zu einem freudlosen Titelgewinn

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Der Kaiser grummelt, der Sportdirektor grummelt zurück, und die Altstars Robben und Ribery verlassen den FC Bayern. 

Franz Beckenbauer, den sie einstmals Kaiser riefen, sprach mit brüchiger Stimme. Aber was dabei herauskam, war rasiermesserscharf. Als geladener Gast zum 50. Jubiläum des ersten Bayern-Doubles im Jahr 1969 hatte sich der große Libero, inzwischen 73, eine Reihe ganz weit hinten ausgesucht, um unscheinbar und leicht gebeugt den salbungsvollen Worten des Präsidenten Uli Hoeneß und des Vorstandchefs Karl-Heinz Rummenigge zu lauschen. Doch dann trat Beckenbauer ein paar Schritte vor, weil die Presse es sich so gewünscht hatte, und weil er so lange keine Interviews mehr gegeben hat, schien der gebeugte alte Mann den Wust der Mikrofone vor ihm sogar ein bisschen zu genießen. Da war er dann wieder, der scharfzüngige Ehrenpräsident des FC Bayern, der listig die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfte. Er habe, beschied Beckenbauer kühl, manchmal den Eindruck beim aktuellen FC Bayern „die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zu sehen“.

Diese vermeintliche Traditionsmannschaft gewann am selben Nachmittag 3:1 (2:0) gegen den Tabellenletzten Hannover 96. Und zwar, um im Bild zu bleiben, wie es in dieser Saison zur Tradition geworden ist: relativ glanzlos.

Schon einmal, im Frühjahr 2001, nach einem desaströsen 0:3 bei Olympique Lyon, hatte der Über-Franz beim Mitternachtsbankett den Uwe-Seeler-Vergleich bemüht. Nach diesem Donnerwetter, so geht die Sage, hätten die Bayernprofis sich noch in den Hotelzimmern gegenseitig den heiligen Schwur abgegeben, dass sie es ihrem Boss zeigen werden. Heraus kam zwei Monate später der Champions-League-Titel.

Beckenbauers Einfluss auf den Fußball der Neuzeit ist natürlich ungleich geringer geworden, aber in München finden sich allemal Menschen, die die Worte nicht mal eben als Irrungen eines Pensionärs abtun mögen. Joshua Kimmich zum Beispiel, der grimmige Verteidiger, der jede Zehntelsekunde in einem Fußballspiel ernst nimmt, war bester Mann gegen Hannover. Der Offensivverteidiger hatte keine Lust auf verbale Defensive.

Stattdessen: „Wenn er es so sagt, dann ist das eindeutig. In sehr vielen Spielen war das von uns zu wenig, gemessen an unserem eigenen Anspruch. Auch heute war das in der zweiten Halbzeit viel zu wenig. Unterm Strich hatten wir in dieser Saison zu viele Spiele, in denen wir nicht am höchsten Leistungsniveau waren.“ Weil beim FC Bayern Meinungsvielfalt herrscht, die von den Herren an der Klubspitze regelmäßig vorgelebt wird (der eine findet Trainer Kovac gut, der andere nicht, der eine mag Spielmacher James, der andere nicht so), kam dann noch der Sportdirektor Hasan Salihamidzic um die Ecke. Der Brazzo fand Beckenbauers Einlassungen erstens weit weniger lustig als beispielsweise Thomas Müller („Wie gut ist diese Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft eigentlich?“) und noch viel weniger richtig als Kimmich. Beckenbauer, beschied Salihamidzic humorlos, habe „nicht die richtige Wortwahl getroffen“.

So geht das in München an einem Tag, an dem sie später noch glücklichere gemeinsame Momente hätten erleben können – wären sie denn zu diesem Zeitpunkt nicht längst ins Private entfleucht. Nach dem 2:2 von Borussia Dortmund in Bremen müsste sich die Traditionsmannschaft schon ziemlich dusselig anstellen, sollte sie bei vier Punkten Vorsprung und zwei Partien in Leipzig und gegen Eintracht Frankfurt mehr verlieren als bloß die Partie nächste Woche bei den Sachsen. Wenn der Eindruck nicht täuscht, steuert der FC Bayern auf einen recht freudlosen Titel hin.

Wer den tapferen Niko Kovac am Spielfeldrand beobachtet, sieht selten Gefühlsregungen der Zuversicht. Ein Sieg gegen Hannover ist gerade mal eine Erleichterung für den Mann, den der Vorstandschef Rummenigge offenbar nie recht wollte – und es ihn völlig ohne Not öffentlich schon mehrfach spüren ließ. Dass die Bayern nun Fußball mehr arbeiten, denn ein aufregendes Positionsspiel zu zelebrieren, ist die logische Ernte von Kovac‘ Saat. Sie sprießt zuverlässig, das weiß man, aber sie macht nicht so recht satt.

Gegen Hannover gab es noch ein paar Geschichten mehr, vor allem jene von Arjen Robben und Frank Ribery, die den Klub am Saisonende wie erwartet verlassen werden. Das gaben die Bayern am Sonntag offiziell bekannt. „Franck und Arjen sind großartige Spieler. Der FC Bayern hat beiden sehr viel zu verdanken und wird ihnen einen großartigen und emotionalen Abschied bereiten. Sie haben die erfolgreichste Dekade des FC Bayern mit fantastischem Fußball mitgeprägt“, ließ Boss Rummenigge verlauten. Robben erlebte gegen Hannover nach fünf Monaten Verletzungspause ein umjubeltes Debüt kurz vor Schluss, Ribery besorgte gar den 3:1-Endstand höchstpersönlich. „Als ich zu Bayern gekommen bin, ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Der Abschied wird nicht leicht werden, aber wir dürfen nie vergessen, was wir zusammen erreicht haben“, so Ribery, „wir haben so viel zusammen gewonnen – über 20 Titel.“ 2020 soll es für Robben und Ribery ein Abschiedsspiel geben.

Der Handelfmeter nach Videobeweis gegen Jerome Boateng, der sich mit angewinkeltem Arm wegdrehte und so ein Handspiel nach gültiger Regelauslegung billigend in Kauf nahm, geriet da fast schon in Vergessenheit (siehe auch Artikel Seite S3). Nur bei Kaiser Franz natürlich nicht. Ihm gebührt das Schlusswort: „James kann mit dem Ball umgehen. Es wäre schade, wenn er gehen würde, denn so viele davon haben wir nicht“ Irgendwie rumpelt’s beim FC Ruhmreich.

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