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Bayern-Boss Oliver Kahn im Interview: „Ist wie ein Gemälde“

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Oliver Kahn.
Oliver Kahn. © IMAGO/Ulrich Wagner

Bayern-Boss Oliver Kahn über seinen Führungsstil, die Star-Transfers, Trotzreaktionen, Druck, Ziele – und die „härteste Saison ever“.

Oliver Kahn wirkt im Mannschaftshotel in Washington D.C. tiefenentspannt. Bei einem Milchkaffee nahm sich der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München vergangene Woche fast eine Stunde Zeit, um über den Transfersommer und die neue Münchner Luxus-Mannschaft zu sprechen. Zudem verriet der einstige „Titan“, was es braucht, damit er auch als Offizieller mal so richtig auf den Tisch haut.

Herr Kahn, seit diesem Sommer scheint Ihre Laune dauerhaft gut zu sein. Warum?

Warum nicht? Ich bin sehr entspannt, weil die Dinge bei uns funktionieren. Man merkt, wie gut unsere Zusammenarbeit im Verein greift, das sieht man ja auch an den Ergebnissen in diesem Transferfenster.

Den Großteil des Kaders haben Sie bereits beisammen?

Ja, wir haben den größten Teil unserer Hausaufgaben früh erledigt und brauchen nicht mehr am Ende der Transferperiode in Hektik irgendwelche Aktionen machen. Das war mir wichtig. Ich hatte Hasan gleich zu Beginn meiner Amtszeit gesagt, dass es unser Ziel sein muss, unsere Transfers möglichst früh abzuwickeln.

Sind Sie generell ein Typ, der Aufgaben gerne früh erledigt?

Das trifft nicht nur auf mich zu, sondern auf uns alle. Wir waren uns einig: Je früher wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, desto besser.

Auch für den Trainer ist es wichtig, dass er die Mannschaft früh in der Saisonvorbereitung komplett beisammenhat.

Dieses Jahr ist es noch wichtiger, weil die Saison schon Anfang August anfängt. Sonst startest du in die Spielzeit, und dann kommen auf einmal noch neue Spieler, die erst noch integriert werden müssen. Es war dieses Jahr wichtiger denn je, frühzeitig am Ball zu sein.

In den vergangenen Jahren hat der FC Bayern nicht so große Investitionen auf dem Transfermarkt getätigt. Woher kommt auf einmal das Geld?

Wir haben wirtschaftlich in den vergangenen zwei, drei Jahren natürlich auch gelitten. Aber es ist uns trotz der Pandemie gelungen, profitabel zu bleiben und Gewinne auszuweisen. Das zeigt die finanzielle Substanz, die wir haben. Der FC Bayern wird auch nach dieser Transferperiode in der nächsten Saison finanziell und wirtschaftlich sehr stark sein. Ich habe immer gesagt: Wenn ich die Verantwortung habe, werde ich vieles anstoßen, aber niemals das wirtschaftliche Fundament dieses Klubs gefährden.

Theoretisch könnte der FC Bayern also noch einen Topstar in dieser Transferperiode verpflichten?

Es gibt keinen Bedarf, dass wir uns jetzt noch mal mit Spielern in der Größenordnung von Matthijs de Ligt beschäftigen.

Warum nicht?

Weil unseren Transfers eine Philosophie zugrunde liegt: Wir holen internationale erfahrene Top-Stars wie einen Sadio Mané und Matthijs de Ligt gezielt dazu. Am Wichtigsten ist aber, dass wir Spieler unter Vertrag haben, die unser Gerüst bilden. Das Ganze ist wie ein Gemälde, an dem wir immer wieder weitertüfteln. Aber nicht um jeden Preis, und wir können den Markt nach unseren bisherigen Transfers in Ruhe beobachten.

Welche Rolle spielen Sie bei Transfers? In der Öffentlichkeit wirkt es so, als ob Sportvorstand Hasan Salihamidzic, der Technische Direktor Marco Neppe und Trainer Julian Nagelsmann den Hauptjob erledigen.

Wir haben unsere Rollen klar definiert. Führen bedeutet für mich, dass jeder in seinem Bereich die Möglichkeit haben sollte, bestmöglich zu performen. Wir haben uns in den vergangenen Monaten zusammengesetzt und überlegt, wie wir im Transferbereich in Zukunft bestmögliche Ergebnisse erzielen. Dann haben wir die Aufgaben klar verteilt.

Wie sieht das aus?

Jeder weiß genau, was er machen muss. Michael Gerlinger (Vice President Sports Business and Competitions; Anm. d. Red.) ist da ebenso integriert wie unser Vorstand Jan-Christian Dreesen, der bei uns auch für die Finanzen verantwortlich ist. Die Aufgaben sind auf mehrere Schultern verteilt, wobei Hasan letztendlich für den Sport verantwortlich ist. Am Ende trage ich als Vorstandsvorsitzender die Gesamtverantwortung.

Wie läuft Ihre Zusammenarbeit?

Wir beide sind so eng abgestimmt wie möglich und überlegen immer ganz genau, wann ich am besten ins Spiel komme. Als Beispiel möchte ich den Transfer von Ryan Gravenberch nennen. Ich kenne Edwin van der Sar, den Geschäftsführer von Ajax Amsterdam, ganz gut. Die Frage war in dem Fall: Wann führe ich die Telefonate mit van der Sar? Allem liegt eine klare Aufgabenverteilung zugrunde, die wir uns ganz genau überlegen.

Warum?

Weil die Dinge heutzutage viel zu komplex geworden sind, um einfach zu sagen: Du machst das jetzt. Das ist ein Prozess, den wir definiert haben. Das ist Teamwork. Hasan hat über die Jahre seine Erfahrungen gemacht, die sehr wichtig sind.

Oft kritisiert, nun gefeiert: Wie haben Sie die Entwicklung von Salihamidzic wahrgenommen?

Ich kenne Hasan seit vielen Jahren, deshalb hat mich seine Entwicklung nicht überrascht. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, jedem ein Umfeld zu schaffen, in dem er seine Stärken entfalten kann. Meine Zusammenarbeit mit Hasan ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist wichtig, dass man ein Vertrauensverhältnis hat und weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann. Wir arbeiten so gut zusammen, weil wir beide immer die Interessen des Vereins im Vordergrund sehen. Das alles gilt im Übrigen genauso für Präsident Herbert Hainer, mit dem wir immer in enger Abstimmung sind.

Gab es den zuvor angesprochenen Aufgabenplan im letzten Transfersommer etwa noch nicht?

Im vergangenen Sommer war Pandemie – und der Transfermarkt noch schwieriger als ohnehin schon. Das war außerdem eine Übergangsphase. Karl-Heinz Rummenigge hatte aufgehört, ich bin langsam reingekommen. Aber nach den Erfahrungen vom vergangenen Sommer haben sich Herbert Hainer, Hasan und ich zusammengesetzt und gesagt, wie wir es nun machen werden.

Was macht Sie zuversichtlich, dass die aktuelle Mannschaft eine neue Epoche prägen kann?

Wir haben eine sehr gute Mischung aus Top-Stars, erfahrenen und auch jungen Spielern, die sich unter Julian Nagelsmann entwickeln sollen. Julian hat eine klare Vorstellung von seinem Spiel und jetzt noch ein paar mehr Spieler bekommen, die er dafür braucht. Sadio und Matthjis bringen viel Mentalität rein. Wegen der Unterbrechung durch die WM im Winter wird es die härteste Saison ever. Um da das Niveau halten zu können, brauchen wir einen starken, breiten Kader. Wir können jetzt auch Ausfälle ersetzen, ohne dass zu viel an Substanz verloren geht.

Glauben Sie, dass die Mannschaft auch dauerhaft in Europa die Nummer eins sein kann?

Sie ist schon seit einem ganzen Jahrzehnt unglaublich erfolgreich. Nicht umsonst steht der FC Bayern in der Fünfjahreswertung der Uefa-Klubrangliste auf Platz eins. Trotzdem dürfen wir nicht nachlassen. Im Gegenteil. Was werden Manchester City und Paris alles aufwenden, um die Champions League zu gewinnen! Die internationale Konkurrenz entwickelt sich ständig weiter. Dem müssen wir uns stellen.

Zur Person

Oliver Kahn , 53, geboren in Karlsruhe, führt den FC Bayern als Vorstandsvorsitzender seit einem Jahr an. Dem Saisonstart sieht der einstige Weltklassetorhüter entspannt entgegen, die Münchner hätten ihre „Hausaufgaben früh erledigt“. Überhaupt: Kahn wirkt tiefenentspannt, wenig ist übrig geblieben vom früheren „Vulkahn“ zu Spielerzeiten. Zur Sicherheit aber betont der Manager: Auf den Tisch hauen könne er sehr wohl noch. „Wenn ich das Gefühl habe, dass unsere Spieler in der Öffentlichkeit schlecht behandelt werden, kann es bei mir schnell gehen.“ (FR)

Kann man diesen Transfersommer mit dem von 2006/07 vergleichen, als nach dem vierten Tabellenplatz Spieler wie Klose, Toni und Ribéry verpflichtet wurden?

Es ist jetzt nicht so, dass wir eine Katastrophensaison hinter uns haben – damals war die Stimmung jedenfalls wesentlich brisanter. Wir sind jetzt Meister geworden, zum zehnten Mal in Serie. Nur haben wir dieses Aus im Viertelfinale der Champions League und den Zweitrunden-K.o. im DFB-Pokal gehabt, was keinem bei uns gefallen hat.

War es eine Trotzreaktion?

Nein, aber der Aufruf für uns Verantwortliche, dass wir uns weiterentwickeln müssen, um weiter an der Spitze zu bleiben. Wir haben so viele Beispiele in der Vergangenheit gesehen, dass Vereine, die so erfolgreich waren wie der FC Bayern, es irgendwann mal nicht mehr waren. Dazu habe ich keine Lust. Nicht mit mir!

Für die Champions League scheint dieser Kader ideal zu sein, für die Bundesliga womöglich aber wieder zu stark für die Konkurrenz. Macht der FC Bayern damit die heimische Spielklasse nicht noch unattraktiver?

Das ist diese Quadratur des Kreises: Einerseits müssen wir uns so stark wie möglich aufstellen, um europäisch ganz vorne mitzuspielen. Das bedeutet allerdings im Umkehrschluss – so war es zumindest in der Vergangenheit –, dass wir in der Bundesliga sehr dominant sind. Das können aber nicht wir ändern, weil das ein Thema ist, das die Konkurrenz angeht. Deswegen finde ich es gut, dass sich Dortmund gezielt verstärkt hat und angreifen will. Das trifft auch auf Leipzig zu. Wir wollen Meister werden, aber wir haben auch nichts dagegen, wenn es am letzten Spieltag ist. Wir haben immer ein Interesse, dass wir international superstark sind, aber auch, dass die Bundesliga superstark ist.

Wie entscheidend ist Nagelsmann bei Transfers? Ist er ein Spieler-Magnet?

Er ist ein wichtiges Puzzleteil bei Transfers, denn er erklärt den Spielern, wie er Fußball spielt und welche Rolle sie im System einnehmen können. Das ist das, was den Spieler am meisten interessiert. Die Überzeugung, die ein Trainer dem Spieler mitgibt, ist sehr wichtig.

Ist der Druck auf ihn nach diesem Transfersommer zu groß?

Beim FC Bayern muss jeder damit zurechtkommen. Das ist halt so. Julian weiß das und kann damit umgehen. Es ist immer wieder eine große Herausforderung und Verantwortung, sich dem zu stellen.

Bei aller Lobhudelei: Was machen Sie eigentlich, wenn die Saison nach diesen großen Investitionen schief geht?

Ich habe überhaupt keine Sorgen, dass die Saison schiefgeht. Natürlich kann es mal Schwierigkeiten geben, wie in jeder Spielzeit. Aber das werden wir dann gemeinsam moderieren. Wenn wir erkennen, dass es ein Problem gibt, haben wir alle genug Erfahrung, um Lösungen zu finden.

Wie gehen Sie mit Druck um?

Ich spüre keinen Druck.

Nie?

Mittlerweile nicht mehr. In meiner Zeit als Spieler war das völlig anders. Mir macht es Spaß, im Team zu arbeiten, den Verein, der mir so viel gegeben hat in meinem Leben, an der Spitze zu halten, ihn weiterzuentwickeln. Vielleicht hängt das auch mit meinem Alter zusammen, aber ich spüre keinen Druck. Was nicht heißen soll, dass mich alles kaltlässt. Gierig nach Erfolg bin ich zum Beispiel noch immer, und ich will mit diesem Klub viel reißen.

Wie sieht eigentlich Ihr Arbeitsalltag aus?

Der unterscheidet sich nahezu von Tag zu Tag. Entweder fliege ich zur ECA oder bin bei der DFL, an der Säbener Straße, mit Hasan unterwegs bei Spielerberatern. Oder ich habe Workshops oder Themen mit unseren Mitarbeitern, oder ich bin mit unseren Partnern oder dem Aufsichtsrat im Austausch. Da sind tausend Themen. Und es geht nicht nach Stechuhr.

Also kein klassischer Bürojob?

Ganz bestimmt nicht. Ich sage immer ein bisschen ketzerisch: Je mehr ich im Büro bin, desto schlechter mache ich meinen Job. Weil man die meisten Kontakte außerhalb seiner vier Wände pflegt.

Inwieweit haben Sie sich in Ihrer Zeit als Vorstandsvorsitzender verändert?

Gar nicht groß. Nachdem ich 2008 als Spieler aufgehört habe, war ich jahrelang als Unternehmer tätig, habe viele Leute kennengelernt und meinen eigenen Management-Stil entwickelt. Wahrscheinlich haben einige gemeint, jetzt kommt der Kahn, so wie er als Spieler war. Aber das ist vorbei.

Schade eigentlich.

Einige waren tatsächlich ein bisschen irritiert, dass einem da nicht mehr der Kahn als Spieler gegenübersitzt. Aber ich habe über Jahre meinen eigenen Manager-Stil entwickelt. Das hat nur keiner mitbekommen. Ich bin total davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist, so wie wir das jetzt machen. Dass das auch das ist, was der Verein Bayern München in den nächsten Jahren benötigt. Deswegen bin ich auch so entspannt.

Hat sich Uli Hoeneß nicht auch den sogenannten „Vulkahn“ erhofft? Er hat die Chefetage zwischenzeitlich auch mal kritisiert, weil die Verantwortlichen sich aus seiner Sicht zu viel gefallen haben lassen.

Ich habe zu Uli immer ein gutes Verhältnis. Er sitzt ja auch bei uns im Aufsichtsrat, und wir tauschen uns aus. Er hat mich 1994 zum FC Bayern geholt und gemeinsam mit dem Aufsichtsrat hatte er die Idee, mich jetzt wieder in verantwortlicher Position zum FC Bayern zurückzuholen. Dieses Vertrauen, das er mir entgegenbringt, ist in mir verankert. Er weiß, dass ich meine eigenen Vorstellungen habe. Von denen bin ich genauso überzeugt wie er von seinen, als er in der Verantwortung stand. Wenn ich der Meinung bin, das ist der richtige Weg, muss ich diesen auch gehen. Genau das hat Uli auch gemacht. Deswegen hat er mich auch geholt.

Stört Sie das, wenn er Sie kritisiert?

Nein, weil ich weiß, wie er es meint und dass es ihm immer um den FC Bayern geht. Uli und ich führen seit jeher ganz offene Gespräche. Das haben wir immer so gehalten, und das schätze ich an ihm. Wir haben uns früher zu Spielerzeiten zwischendurch mächtig gefetzt. Aber trotzdem haben wir zum Schluss immer eine Übereinkunft gefunden.

Was muss passieren, dass Sie mal auf den Tisch hauen?

Wenn ich das Gefühl habe, dass das Vertrauen, das ich den Leuten entgegenbringe, missbraucht wird oder wenn ich das Gefühl habe, dass unsere Spieler in der Öffentlichkeit schlecht behandelt werden, kann es bei mir ganz schnell gehen.

Wir Journalisten würden uns freuen.

Es ist allerdings schon ein Unterschied zu früher, als ich als Spieler mit Adrenalin vollgepumpt auf dem Platz stand. Wenn du als Vorstandsvorsitzender fürs große Ganze verantwortlich bist, hast du deine Emotionen besser im Griff. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gab es in den zweieinhalb Jahren, die ich nun wieder beim FC Bayern bin, kaum eine Situation, bei der ich das Gefühl hatte, ich müsste jetzt aus der Haut fahren.

Interview: Philipp Kessler

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