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Ein Mann wird zur Ikone: Bastian Schweinsteiger 2014 in Rio mit dem WM-Pokal.

Schweinsteiger-Rücktritt

Bastian Schweinsteiger - eine „Persönlichkeit, die der deutsche Fußball nicht oft erlebt hat“

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Bastian Schweinsteiger hört auf mit dem Fußballspielen und die Sportwelt verneigt sich. Zur Legende hat ihn vor allem ein Abend in Brasilien gemacht.

Ein Fußballspieler muss schon einiges geleistet haben, damit die Nachrichtenagenturen die am Nachmittag via Instagram übermittelte Rücktrittsbotschaft des 35-Jährigen eilig als Fünfsterne-Meldung herausgeben. Bastian Schweinsteiger hat sich jeden Stern verdient, auch deshalb, weil er für den vierten der Nationalmannschaft heldenhaft führend verantwortlich war. 

Die ikonenhaften Bilder aus dem Maracana-Stadion von Rio werden das kollektive Gedächtnis der teilhabenden Generationen in Deutschland nie mehr verlassen: Schweinsteiger in der Verlängerung am Boden, Schweinsteiger im Gesicht blutend am Spielfeldrand nach einem der vielen, vielen Luftduelle, der Bundestrainer Joachim Löw mit dem bereitstehenden Kevin Großkreutz am Rande der Coachingzone, und dann plötzlich wieder Schweinsteiger mitten auf dem Spielfeld. Ein Untoter, der später im Arm von Joachim Löw liegen und noch ein bisschen später den WM-Pokal in die warme Nachtluft recken sollte.

Die überflüssige EM 2016 des Bastian Schweinsteiger

Es wäre damals ein guter Zeitpunkt für den Rücktritt aus dem DFB-Team gewesen. Der Mittelfeldspieler war seinerzeit schon häufig verletzt gewesen, zur WM nach Brasilien hatte er es überhaupt nur in letzter Minute und dank des Urvertrauens des Bundestrainers geschafft. Aber anders als die Kopfmenschen Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm sah der emotionale Ex-Schweini seine Zeit noch nicht gekommen. 

Also ersparten weder er noch Löw sich die Europameisterschaft 2016, als Schweinsteiger im Halbfinale gegen Frankreich auf eine geradezu groteske Art Libero spielte und mit einem abenteuerlichen Handspiel im eigenen Strafraum die Niederlage und damit das Ausscheiden einleitete. Sie hatten sich zu viel zugetraut und dabei den Blick für die Realität verloren. Die Erinnerungen an Rio waren zu stark gewesen, das Gefühl hatte den Verstand übermannt. Er hätte besser auf seinen lädierten Körper gehört, der ihn schon zuvor regelmäßig im Stich gelassen hatte. Die Bilder eines Verlierers aus Marseille sind fast verblasst, die aus Rio werden bleiben, und so ist es gut.

Am Dienstagnachmittag nahm der nicht mehr ganz junge Mann aus Kolbermoor „ein bisschen wehmütig“ Abschied vom aktiven Fußball. Chicago Fire in der US-amerikanischen Major League Soccer wird seine letzte Station auf dem Spielfeld gewesen sein, und wer die Spiele manchmal verfolgt hat, muss auch sagen: Gut, dass er sich das jetzt nicht mehr antut.

Beim DFB war Bastian Schweinsteiger, anders als bei den Bayern, ehrenhaft verabschiedet worden in seinem 121. Länderspiel. Da war er 32, Deutschland gewann 2:0 gegen Finnland in Mönchengladbach, und die Fans huldigten ihm mit Applaus, fast ohne Ende. Wieder gab es reichlich Tränen, die Mitspieler trugen ihn auf Händen vom Platz. Weil er für Manchester United nicht mehr gesund und gut genug war, gab es noch eine Zugabe in den USA. Den sportlichen Horizont hat der Ehemann der früheren Tennisspielerin Ana Ivanovic, der seine Karriere als Halbstürmer begann und als defensiver Mittelfeldspieler beendet, in Chicago nicht unbedingt erweitert, sehr wohl aber den persönlichen.

Joachim Löw hat einen Platz frei

Bastian Schweinsteiger will dem Fußball „treu bleiben“, ließ er in seiner Abschiedsbotschaft verlauten, Joachim Löw hat ihm zumindest verbal schon mal eine Brücke gebaut: „Für ihn haben wir immer einen Platz“, sagte

Bundestrainer nur wenige Stunden, bevor das Ende gewiss war. Es gehe nun eine „Persönlichkeit, die der deutsche Fußball nicht oft erlebt hat“, einer der „größten Spieler, die Deutschland hatte“. Das ist in der Tat nicht übertrieben.

DFB-Auswahl: Löw ohne 14 gegen Argentinien

Sein wohl größtes Spiel für Deutschland könnte der 1:0-Sieg gegen Argentinien 2014 gewesen sein. Vielleicht aber doch das 4:0 gegen den gleichen Gegner vier Jahre zuvor im wunderschönen Green-Point-Stadion in Kapstadt, als Deutschland unter Führung von Schweinsteiger Argentinien im WM-Viertelfinale eliminierte. „Es war ein grandioses Länderspiel von ihm, was er gelaufen ist und gearbeitet hat. Er hat die Mannschaft geführt und sie organisiert. Bei fast jedem Angriff war er in der Offensive“, sagte Löw damals.

Die Spielführerbinde des traurig zuschauenden Michael Ballack hatte der Bundestrainer damals Philipp Lahm übertragen. Schweinsteiger bekam stattdessen den offiziellen Titel eines „Emotional Leaders“ zuerkannt und konnte sich damit gut arrangieren. So gut, dass er Deutschland 2014 auf den Thron des Fußballs führte.

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