1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Banales von Weggelobten

Erstellt:

Von: Günter Klein

Kommentare

Analyse ohne Tiefgang: Ex-Trainer beobachten WM-Spiele. Foto:Imago images
Analyse ohne Tiefgang: Ex-Trainer beobachten WM-Spiele. © Imago

Der Erkenntnisgewinn der Auswertung der WM-Spiele unter Vorsitz von Arsene Wenger geht gegen Null.

Arsene Wenger war Trainer. Bis vor vier Jahren, er hörte dann beim FC Arsenal auf. Und wartete, ob noch was kommt. Mit Karl-Heinz Rummenigge stritt er, ob ein Anruf des damaligen Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern eine Job-Anfrage oder nur ein „Hallo, wie geht’s eigentlich so?“ gewesen sein sollte. Derzeit trägt Wenger, 73, aber immer noch drahtig und in Sportklamotten unterwegs, den klassischen Titel eines weggelobten Trainers, für den es nichts mehr zu tun gibt: Er ist „Fifa Chief of Global Football Development“.

Bei dieser WM leitet er die „Technical Study Group“, sein Captain ist Jürgen Klinsmann, der ihn in den 90er-Jahren mal zu den Bayern lotsen wollte. Es sind noch dabei: Alberto Zaccharoni, Du-Ri Cha, Faryd Mondragon, Pascal Zuberbühler, Sunday Oliseh. Semiprominente Namen aus früheren WM-Turnieren. Klinsmann sagt: „Wir Trainer.“ Man könnte aber nicht nur bei ihm zweifeln, ob er einer ist.

Die Technical Study Group (TSG) wertet die WM-Spiele aus, die Herren Experten sitzen in den Stadien, schauen zu; Klinsmann hat ein Laptop vor sich. Aus England arbeitet ihnen noch ein Analyst zu, liefert „20 000 Datenpunkte pro Spiel“, sagt Arsene Wenger. Die TSG erstellt anschließend Berichte. „Spannend für uns ist“, sagt der Franzose, „wie sich das auswirkt, dass die Teams keine Vorbereitung hatten.“ Für Schlüsse ist es aber noch zu früh, jetzt erst mal eine Auswertung der Vorrunde.

Erste Grafik: 2022 hat keine Mannschaft neun Punkte in der Gruppe geholt – anders als 2018, 14 und 10. Was will uns das sagen? Klinsmann: „Einige Trainer hatten sechs Punkte nach zwei Spielen und haben dann das Team ausgewechselt.“ Oder: England, Portugal und Frankreich haben bisher die meisten Spieler eingesetzt. Was steckt dahinter? Klinsmann investigativ: „Der Grund könnte sein, den Spielern im Kader Motivation zu geben.“

Und viel Lob für Katar

Schließlich noch diese Statistik: Deutschland hatte die meisten Torschussversuche, 73 – warum schied der DFB aus? Klinsmann, der Ex-Bundestrainer: „Das spricht dafür, dass die Chancen nicht genutzt wurden.“ Er legt nach: „Vielleicht war das Konzept mit Miro Klose als echtem Mittelstürmer doch das bessere.“ Über den Stoßstürmer-Mangel diskutiert ganz Deutschland seit Jahren.

Was die TSG vorträgt, ist eine Ansammlung von Banalitäten. Sie sucht Erkenntnistiefe, wo keine ist. Ausgewertet werden die Ballrückeroberungszeiten nach Fifa-Kontinentalverbänden. Klinsmann erkennt besonderen Biss bei den Conmebol-Kickern aus Südamerika, „weil sie Straßenfußballer waren“. Arsene Wenger hat sich ein neues Feature ausgedacht, es heißt „Final Third Entries“.

Dafür hat er das Spielfeld längs in fünf Korridore eingeteilt und lässt ermitteln, welcher bei Angriffen bevorzugt wird. Ergebnis: Links und rechts mehr als die Mitte. Wenger schlussfolgert: „Das Zentrum ist verbaut.“ Erkenntnis bringt nur eine Statistik: Die Torhüter wurden 355 Mal angespielt, in Russland war das in der Vorrunde nur 177 Mal der Fall.

Für Wenger Anlass genug, ein neues Zeitalter auszurufen: „Der Torwart gehört jetzt zur Mannschaft, er ist ein Spieler wie die anderen auch.“ Schön – aber das Geschäft betreibt Oliver Kahn seit mindestens fünf Jahren. Er vertreibt Trainingstechnologie für seine Positionserben, er nennt sie „Torspieler“.

Arsene Wenger hat sich immer schon gut vermarktet. Früher arbeitete er bei Europameisterschaften für einen Hersteller von Motorölen, für den er einen Index erfand, mit dem der beste Spieler eines Turniers ermittelt werden sollte. Er teilte das Spielfeld in Rechtecke ein, je nach Zone, in die gespielt wurde, gab es Punkte. Die Methode hat sich - erstaunlicherweise - nicht durchgesetzt .

Nun verkauft Wenger seine Restreputation an die Fifa. Er unterstützt mit seiner Expertise das, was Präsident Gianni Infantino vorschlägt. Wenger propagierte das vorerst gescheiterte Vorhaben einer WM alle zwei Jahre, trommelt nun aber für 48 statt 32 Mannschaften bei der WM 2026 („Das deckt nur 22 Prozent der Weltbevölkerung ab“).

Ein großes Katar-Lob wird er auch noch los („Stadien und Fans herausragend“, „Findet großes Interesse trotz negativer Publicity“) und setzt noch eine finale Abrechnung mit den Deutschen, ohne sie namentlich zu erwähnen: Erfolgreicher seien „Mannschaften, die sich auf ihre sportlichen Ziele konzentrieren und nicht auf politische Gründe“. Wengers Worte – ganz Infantinos Rede.

Auch interessant

Kommentare