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Bambi mit Wumms

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Von: Jan Christian Müller

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Kaum zu stoppen: Jamal Musiala.
Kaum zu stoppen: Jamal Musiala. © AFP

Der schmächtige Jamal Musiala verbindet List mit Disziplin und tut damit der DFB-Auswahl richtig gut.

An seinem letzten Arbeitstag nach zehn Jahren in Diensten der A-Nationalmannschaft hat DFB-Pressesprecher Jens Grittner geistesgegenwärtig Jamal Musiala mit in den kleinen Pressesaal der großen Johan-Cruyff-Arena gebracht und aufs Podium platziert. Das bot sich deshalb an, weil der im Umgang mit Medien noch ein wenig scheue Musiala zuvor auf dem Spielfeld mal wieder kein bisschen scheu unterwegs gewesen war. Das schöne Wort „Augenweide“ beschreibt vielleicht ganz gut das, was der 19 Jahre alte Bengel einem breiten und erstaunten Publikum vorführte. Frech stahl er auf der ihm zugewiesenen Abräumerposition den verdutzten niederländischen Mittelfeldspielern ein ums andere Mal den Ball. Die wehrten sich in zunehmender Verzweiflung, indem sie Musialas Trikot beim Hinterherlaufen ständigen Zerreißproben unterzogen.

Hinterher also saß Jamal Musiala vor den zahlreich angereisten Medienleuten und wurde sogleich gefragt, ob er vom flüggen „Bambi“ inzwischen zu einem ausgereiften Hirschen geworden sei. Der Spitzname „Bambi“ hat den Deutsch-Engländer ja seit seinen ersten, schon da eindrucksvollen Gehversuchen beim FC Bayern begleitet. „Bambi“ lächelte, es hatte den Hintersinn der Frage gut verstanden und entgegnete, es müsse mit dem weniger breit gebauten Körper „andere Möglichkeiten suchen, den Ball zu erobern“. „Bambi“ rauscht nicht mit Wumms in die Gegner rein wie dereinst Sami Khedira, sondern stibitzt sich listig die Bälle. „Auf der sechs“, dozierte Musiala nach seinem elften Länderspiel, „muss man clever und mit Disziplin spielen.“

Das Besondere an diesem außergewöhnlichen Talent ist aber vor allem, dass sich zu Cleverness und Disziplin eine überragende Technik, Körperbeherrschung und Vororientierung gesellen. Musiala schafft es regelmäßig, sich aus prekären Situationen zu befreien, indem er den Ball und sich selbst in einer fließenden Bewegung fast wie ein Eishockeyspieler auf Kufen genau dahin bewegt, wo ihn und das Spielgerät niemand vermuten würde. In Form und Stil erinnert Musiala dabei an den jungen Zinédine Zidane. Mit einem Mal tun sich vor ihm Räume auf, die es vorher nicht zu geben schien.

„Flick ist mein Tutor“

Das deutsche Spiel wird durch Musiala also nicht nur defensiv stabilisiert, es bekommt auch offensiv ständig neue Gestaltungsmöglichkeiten angeboten. Hinzu kommt, dass der schmächtige Bursche sich traut, auch ohne Ball Wege in die Tiefe zu gehen, also nicht nur Pässe zu spielen, sondern sie auch in steil in Empfang zu nehmen. Das geht natürlich nur, weil er schnell auf den Beinen ist. Das 1:0 von Thomas Müller bereitete er so vor, auch während der EM nach seiner Einwechslung gegen Ungarn war es Musiala, ohne den Leon Goretzka Deutschland kurz vor Schluss gegen Ungarn nicht vor dem Aus in der Vorrunde hätte bewahren können.

Um den jungen Kerl, noch immer ein Teenager, mit Blick auf die bevorstehenden Aufgaben des vielbeschäftigten FC Bayern nicht zu überfordern, wechselte ihn Bundestrainer Hansi Flick Mitte der zweiten Halbzeit aus. „Ich wollte weiter spielen“, berichtete Musiala später, „aber er hat mir gesagt, ausruhen ist besser.“ Da hat der ehrgeizige Jamal Musiala sich natürlich gefügt. Sein vormaliger Klubtrainer Hansi Flick, sagt er, „ist mein Tutor“. Auf so einen hört man. Und Flick weiß jetzt verlässlich, dass er eine Alternative mehr hat, wenn Joshua Kimmich oder Leon Goretzka mal wieder nicht können. „Jamal“, sagte er zum Abschied aus Amsterdam, „hat es herausragend gemacht.“

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