1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

WM 2022: Senkrechtstarter Jamal Musiala – Bambi auf Messis Spuren

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Ganz schön abgeklärt für 19 Jahre: Jamal Musiala.
Ganz schön abgeklärt für 19 Jahre: Jamal Musiala. © afp

Mittelfeldspieler Jamal Musiala wird ob seiner herausragenden Fähigkeiten mit Erwartungen überfrachtet - der 19-Jährige geht damit ziemlich locker um.

Katar – Es sind ein paar Wackersteine an Druck, die Jamal Musiala gerade umgehängt werden. Der Bursche ist 19, noch ein Teenager also, und vielleicht hilft ihm die Unbeschwertheit seiner Jugend, den schweren Rucksack ins Ziel zu schleppen. Am Mittwochnachmittag (14 Uhr/ARD) im deutschen WM-Auftaktspiel gegen Japan wird der Mittelfeldspieler im Trikot mit dem Adler, das über seinem schmächtigen Körper immer ein bisschen zu groß wirkt, von der ganzen Welt beobachtet.

Musiala gilt als einer jenen jungen Männer, den dieses Turnier in den Status eines Weltstars überführen könnte. Schon jetzt gibt es Menschen, der hochdekorierte Experte Lothar Matthäus zum Beispiel, die Musiala mit dem kleinen, großen Lionel Messi auf eine Stufe stellen. Musialas Zauber verzückt die Leute. Kapitän Manuel Neuer dagegen sagt ganz pragmatisch: „Er ist ein ganz wichtiger Schlüsselspieler.“

WM 2022: Junge mit Schlangenbeinen

Schlüsselspieler in der deutschen Nationalmannschaft ist man in der Regel mit 25 oder 28 oder 32, nicht mit 19. Zum Schlüsselspieler, so hieß es stets, müsse man sich entwickeln. Bastian Schweinsteiger ist irgendwann Schlüsselspieler in der Zentrale geworden, Miro Klose im Sturm. Philipp Lahm, und natürlich Neuer selbst. Jamal Musiala soll das mit 19 nun schon sein, und tatsächlich gibt es im Prädikatskader des FC Bayern München keinen, der in dieser Saison auffälliger Fußball gespielt hätte. Sein Klubtrainer Julian Nagelsmann identifizierte „Schlangenbeine“ beim Topscorer dieser Bundesligasaison (neun Tore, sechs Vorlagen). Und er lobte die Bereitschaft des Lernenden, sich weiterzuentwickeln und „auch mal schwere Wege nach hinten zu gehen“.

Als Musiala in diesem Frühjahr in den Niederlanden im defensiven Mittelfeld Ball um Ball eroberte, sah man Stärken, die einer breiten Öffentlichkeit bis dahin verborgen geblieben waren. Sein Gefühl für Raum und Zeit beschränkt sich nicht nur auf das Spiel mit dem Ball.

Zwei Tage vor seinem ersten Einsatz auf der ganz großen Bühne sitzt Jamal Musiala auf dem Podium im Pressezentrum des Deutschen Fußball-Bundes und sieht so aus wie ein Lausbube, der seinen nächsten Streich plant. Aber es gibt sehr seriöse Fragen zu beantworten. Die nach dem Matthäus-Vergleich mit Messi zum Beispiel. Musiala findet das „ein bisschen schwer“, denn: „Messi spielt Toplevel.“ Aber er sieht dabei nicht so aus wie jemand, dem das Druck machen würde. Er sieht überhaupt nicht aus wie einer, dem irgendetwas Kummer bereiten könnte.

„Play with freedom“ – „Spiele frei auf“ . Dazu hätten seine Jugendtrainer beim FC Chelsea und der englischen Nachwuchs-Nationalmannschaften ihn stets ermutigt. „Ich sollte mich immer trauen, mutig ins eins-gegen-eins zu gehen. Die Engländer gehen voll in ihre Gegenspieler rein. Davon können wir lernen.“ Jamal Musiala, halb Deutscher, halb Engländer, hat sich das angeeignet. Hinzu kommt ein herausragendes Gespür, in engen Räumen kluge Entscheidungen zu fällen und umzusetzen. Neulich etwa, als Musiala gegen Schalke 04 im Strafraum per Hacke auf Serge Gnabry weiterleitete, ein Move, den außer Mitspieler Gnabry niemand vorausgesehen hatte. Er führte zum Tor. Der nächste Scorerpoint, dem Musiala auch eine pfiffige Vorlage zum 2:0-Endstand folgen ließ.

WM 2022: Musiala Auch im Basketball top

Niklas Süle, der früher beim FC Bayern sein Mitspieler war, erinnert sich noch ganz gut an die erste Begegnung mit dem scheuen Jungen, den Leroy Sané irgendwann „Bambi“ taufte. „Vielleicht, weil ich so dünn bin“, vermutet Musiala und fügt in seinem lustigen Denglisch hinzu: „Es ist cool, dass man einen Nickname hat.“ Süle jedenfalls behauptet, ihm sei Musiala schon gleich bei einem Trainingsspiel der Bayern-Profis gegen die eigene A-Jugend aufgefallen. „Man hat sofort gesehen, welche außergewöhnlichen Fähigkeiten er hat. Ich will ihn aber lieber nicht zu viel loben, damit er mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt.“ Wobei, eigentlich sei das gar nicht nötig: „Ich habe keine Angst, dass er abhebt.“

Das wäre in der Tat ratsam. „Beim Basketball“, sagt Jamal Musiala und lacht sich halb kaputt, „bin ich der beste Spieler hier.“ Was den Fußball angeht, sehen das die meisten seiner Mitspieler erst recht so. Das halbe Hemd ist ein Hoffnungsträger. Einer, der Spiele durch seine Individualität entscheiden kann. Ein seltener Mehrwert im Deutschland-Trikot. (Jan Christian Müller)

Auch interessant

Kommentare