Der Neue in München: Leroy Sané.
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Der Neue in München: Leroy Sané.

Vorbereitung

Der Ball fliegt wieder beim FC Bayern

  • vonHanna Raif
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Der Urlaub ist vorüber, Karl-Heinz Rummenigge hat seine Hausaufgaben gemacht - und der FC Bayern München beginnt mit der Vorbereitung auf die Champions League.

Das Magazin einer großen deutschen Zeitung hat den Corona-Fußball ganz genau unter die Lupe, oder besser: ins Gehör genommen. 17 Seiten lang ist die Abschrift all jener Sätze, die beim 1:0 des FC Bayern gegen Borussia Dortmund auf dem Platz gesprochen wurden. Seit den Geisterspielen – und noch mehr der Lektüre dieses „Hörspiels“ im „Zeit“-Magazin – weiß man ganz genau, wer beim Rekordmeister die Kommandos gibt. Da ruft Thomas Müller: „Hast Zeit!“, Joshua Kimmich: „Hey, hier!“ oder David Alaba: „Hintermann!“ Vier, fünf Mann steuern dieses Team auf dem Platz. Und daneben: Steht und fällt alles mit einem.

Gestern ist es also wieder los gegangen beim FC Bayern. Corona-Tests standen an, der Urlaub ist vorbei, auch für den Boss. Karl-Heinz Rummenigge hat die freien Tage auf Sylt verbracht, wie immer im Sommer. Viele Schicksale im Umfeld des FC Bayern wurden ja auf der Nordseeinsel entschieden, ganz frei hat Rummenigge freilich inmitten einer Transferperiode noch nie gehabt. 2012 beispielsweise, nach dem bitteren Vize-Jahr, gab es eine Standleitung zu Jupp Heynckes. Heuer wurden die großen Hausaufgaben schon zuvor gemacht. Der Dauer-Poker um Leroy Sané ist beendet, in Tanguy Nianzou ein Mann verpflichtet, der genau zur neuen Devise passt.

„Keine Stars, sondern vielversprechende Talente“ müsse man in nächster Zeit verpflichten, hatte Rummenigge erst vergangene Woche erzählt. Das Interview mit „France Football“ war eine von zwei Wortmeldungen des Bayern-Bosses während seines Urlaubes. Das bis dato vorletzte von mehr als 20 Interviews, die Rummenigge seit dem Corona-Lockdown gegeben hat. Er hat in den vergangenen drei Monaten zu nahezu allen Themen, die die Fußballbranche und seinen Klub betreffen, eine Meinung kundgetan. Zur Wiederaufnahme der Liga und zum Hygienekonzept. Zur deutschen Politik, gegen den DFB, zur Belastung der Profis. Zum TV-Vertrag, zu Rassismus, zur Langweile der Liga. Zu Dietmar Hopp, den Ultras, Alexander Nübel, Hasan Salihamidzic und Manuel Neuer. Rummenigge läuft rauf und runter, auf allen Kanälen. Das Interessante daran aber: Sein Wort hat Gewicht. Immer.

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef vom FC Bayern.

Es gab schon mal eine Zeit, in der das so war. Als Uli Hoeneß von 2014 bis 2016 in Haft saß, musste Rummenigge die Rolle als alleiniger Wortführer übernehmen. Interims-Präsident Karl Hopfner ging es damals wie heute Hoeneß-Nachfolger Herbert Hainer. Sie machen ihre Sache gut, sind engagiert, werden intern gehört. Der Schatten des erfahrenen Kickers wie Managers Rummenigge aber ist groß. Ein Hainer-Interview – auch von diesen gab es zuletzt viele – interessiert. Ein Rummenigge-Interview interessiert mehr.

Damals, als Hoeneß weg war, hieß es an der Säbener Straße, in Abwesenheit von Bauchmensch Hoeneß fehle die Wärme in diesem Klub. Die Herzlichkeit, die nüchternen Westfalen wie Rummenigge abgeht. Allerdings hat der Rummenigge von damals mit jenem von heute auch wenig gemein. Die äußerliche Verwandlung – Turnschuhe, Sonnenbrille und Bart statt italienischem Geschäftsmann-Stil – steht sinnbildlich für die spät gewonnene Lässigkeit des ehemaligen Stürmers. Rummenigge ist nahbar, für Außenstehende und Mitarbeiter in der Kantine genauso wie für Spieler und Vorstandskollegen.

Lange hat diesen Verein die Frage beschäftigt, wie er jemals ohne Hoeneß und Rummenigge funktionieren soll. Das langjährige starke Duo aber hat das geschafft, was wenige ihm zugetraut haben. Hoeneß hat losgelassen, Rummenigge ist auf dem besten Wege dahin. Natürlich ist er bei großen Transfers wie Sané dabei, nutzt seine Kontakte. Er lässt aber sowohl seinem designierten Nachfolger Oliver Kahn als auch Sportvorstand Salihamidzic Freiraum. Auch er selbst weiß ja, dass der aktuelle Kader der letzte ist, den er eine ganze Saison lang begleiten wird. Ende 2021 ist Schluss, mitten in der Spielzeit. Wie letzten November bei Hoeneß.

Vor ein paar Monaten war Rummenigge noch nicht wehmütig, das wird erst kommen. Aktuell ist sein Fokus noch auf dem Platz. Da, wo er hofft, dass Wortführer wie Müller, Alaba und Kimmich dafür sorgen, dass er ein schönes Abschiedsgeschenk bekommt. Den Henkelpott zum Beispiel.

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