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Neue Nachbarn: Der HSV-Campus mit Kunstrasenplätzen der neuesten Generation liegt direkt am Volksparkstadion.

Hamburger SV

Balancieren am Abgrund

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HSV-Direktor Bernhard Peters erklärt seinen Masterplan mit dem Traditionsverein und dem "guten Burschi" Jann-Fiete Arp.

Wenn Bernhard Peters aus seinem Büro in der Haupttribüne des Volksparkstadions schaut, blickt er hinunter auf den neuen Campus. Mindestens einmal am Tag geht er runter und sieht nach dem Rechten in der „tollen neuen Atmosphäre“. Das im Sommer für fast 20 Millionen Euro fertiggestellte Nachwuchsleistungszentrum beherbergt auch den derzeit berühmtesten Fußballspieler des Hamburger SV. Jann-Fiete Arp ist noch nicht mal volljährig, und es ist kaum übertrieben zu behaupten: Der Junge aus Bad Segeberg ist die größte Zukunftshoffnung der Hanseaten seit Uwe Seeler. 

Als für den Nachwuchs zuständiger „Direktor Sport“ hat Peters ein besonderes Auge auf den hochtalentierten Mittelstürmer. „Er ist ein guter Burschi“, sagt der 57-Jährige über den 17-Jährigen: solide Familienverhältnisse, seriöser Berater Jürgen Milewski, der einst selbst in Fußballschuhen des HSV unterwegs war. Aber der Talententwickler weiß auch: „Die Medien machen einen Riesenwirbel um ihn. Es ist natürlich schwierig für den Jungen, das alles einzuordnen. Da kommen jetzt auch viele Schulterklopfer. Aber er ist klug genug zu wissen, dass ihm noch etliches fehlt, um sich mit Beständigkeit durchzusetzen.“

Bernhard Peters hat gerade eine hartnäckige Erkältung überstanden. Die Stimme krächzt rau. Seit der einstige Hockey-Weltmeistertrainer im Sommer 2014 von der TSG Hoffenheim zum HSV wechselte, hat er eine Menge angepackt und sich als notorische Nervensäge dabei gewiss nicht nur Freunde gemacht. Der groß gewachsene Norddeutsche ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff wollten ihn vor der WM 2006 zum DFB transferieren, aber die Fußballfunktionäre mochten keinen Hockeytrainer. In Hoffenheim haben sie schon immer Mut zum Querdenken gehabt. Also kam Peters dort dennoch zum Fußball. Er hat eine Menge bewegt im Kraichgau, acht Jungs aus dem eigenen Nachwuchs plus der Trainer haben es zu den Profis geschafft, die Jugendarbeit ist republikweit vorbildlich, acht Jahre lang war Peters in Hoffenheim, und dann hat Dietmar Beiersdorfer ihn zum HSV geholt. Zurück in die Heimat. 

Gleich in der ersten Woche nach seinem Amtsantritt in Hamburg hat Peters das wichtigste Zukunftsprojekt des hochverschuldeten Traditionsklubs auf links gedreht. Und deshalb sogleich dem großzügigen Finanzier des Projekts, dem Hamburger Unternehmer Alexander Otto, mitgeteilt, dass der ursprüngliche Plan für den Campus aus seiner Sicht nicht zielführend ist. So ist er, der Peters, immer geradeaus, auch wenn es wehtut. Otto „war kurz geschockt“, erinnert sich der Nachwuchschef. „Wir haben dann ein weißes Blatt Papier genommen, alles neu geplant, konsequent auf den Leistungssport und weniger aufs Marketing ausgerichtet. Inzwischen steht Herr Otto voll dahinter.“ 16 bis 18 Talente finden in der Alexander-Otto-Akademie ein Zuhause, „unser Internat ist klein und fein, anders, als das beispielsweise in Leipzig der Fall ist“, sagt Peters, „dort sind mehr als 50 Talente im Internat, da fallen viele vom Karussell.“

Beim HSV war das auch so, aber aus anderen Gründen. Immer neue Manager und immer neue Trainer kamen mit immer neuen Ideen. Der Ruf für Talententwicklung draußen in Ochsenzoll vor den Toren der Stadt hätte nicht mieser sein können. Das Geld wurde lieber in den Transfermarkt gepumpt, Personalkosten für den Profikader und Resultate in der Bundesliga bewegten sich immer weiter auseinander: die Kosten nach oben, der Tabellenstand nach unten. Junge, talentierte Kerle wie Kerem Demirbay oder Jonathan Tah fanden ihr Fußballglück woanders und sind inzwischen Nationalspieler. Peters beschreibt das Problem so: „Es ist schwieriger, junge Leute früh an uns zu binden und mit Weitblick zu entwickeln, wenn man sich in der Bundesliga ständig am Abgrund bewegt.“ Ein Balanceakt. 

Cheftrainer Markus Gisdol hat dieses Muster zuletzt durchbrochen. Neben Arp haben auch der klitzekleine Außenstürmer Tatsuya Ito und der kräftige Mittelfeldspieler Vasilije Janjicic ihre Bundesligadebüts erlebt. Peters hat das registriert: „Das Bewusstsein für die Talententwicklung bei uns ist gewachsen. Wir machen inzwischen eine Top-Ausbildungsarbeit. Bei uns arbeiten wirklich gute Trainer, die marschieren.“ Die Nachwuchsteams sind inzwischen wieder top. Die Metapher für die duale Karriere heißt beim HSV: Stand- und Spielbein. „Die Schule und Persönlichkeitsentwicklung nehmen wir sehr ernst.“ Und wenn „wir Verstand bewahren“, könne der HSV ähnliche viele Toptalente entwickeln wie Hoffenheim.

Mit Chefcoach Gisdol arbeite er „freundschaftlich vertraulich zusammen“. Peters war an der Verpflichtung von Gisdol in der vergangenen Saison entscheidend beteiligt, er kannte den Trainer noch bestens aus gemeinsamen Hoffenheimer Tagen. 

Die Strategie, die Peters verfolgt, ist  unzweideutig: „Wir brauchen eine junge, identitätsstiftende Mannschaft mit bissigen Spielern, die auf die nächste Ebene wollen. Die Fans wollen schnellen, geilen Fußball sehen.“ Sein Ziel ist ein „perspektivisches Kadermanagement auch bei den Profis. Da sind wir mit Sportchef Jens Todt auf einem ganz guten Weg“. Das klingt nüchtern und ist genauso offenbar auch gemeint. 

Peters, dessen im Sommer auslaufender Vertrag unmittelbar vor der Verlängerung steht, ist keiner, der sich anbiedern würde. Mit Heribert Bruchhagen verbindet ihn ein geschäftsmäßiges Verhältnis. Besonders wichtig ist ihm umso mehr der direkte Draht in den Nachwuchsbereich. An Wochenenden sieht man ihn regelmäßig am Spielfeldrand bei den Spielen der U17, U19 und U21, bisweilen auch bei der U16. Er habe sich, sagt Peters im Blick zurück selbstkritisch „in Sachen Teamarbeit auch noch mal weiterentwickelt. Ich beteilige die Trainer mehr an den Entscheidungsprozessen. In Hoffenheim habe ich zu viel von oben raufgepfropft.“ Aber in Hoffenheim gab es einen entscheidenden Vorteil. Ein Anruf bei Mäzen Dietmar Hopp reichte – und schwuppdiwupp stand ein zwei Millionen Euro teurer Footbonaut modernster Bauart am Trainingszentrum. In Hamburg dauert es schon mal ein Jahr, bis ein neuer Geräteschuppen genehmigt wird. Bernhard Peters hat gelernt, seine Ungeduld zu zähmen. 

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