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Der Hamburger SV hat stets öffentlich nah bei Bakery Jatta gestanden.

Bakery Jatta

Bakery Jatta: Die Macht des Missgunstes

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Vom angeblichen „Fall Jatta“ ist nichts übrig geblieben. Geblieben ist aber ein Land, das weiterhin tief gespalten ist. Immerhin sind die wütendsten Schreier verstummt.

Es ist nichts geblieben von den Einsprüchen der deutschen Fußballklubs 1. FC Nürnberg, VfL Bochum und Karlsruher SC gegen die Wertungen der jeweils verloren gegangenen Spiele gegen den Hamburger SV. Aber es ist dennoch viel geblieben in der öffentlichen Debatte um den gambischen Fußballprofi Bakery Jatta, der längst zum „Fall Jatta“ geworden war. Dass das Land tief gespalten ist, wissen wir nicht erst seit den aktuellen Landtagswahlen in zwei Bundesländern, wir wissen es schon seit vielen Jahren. Und wir wissen jetzt auch, dass eine vermeintlich entlarvende Berichterstattung über einen vom afrikanischen Kontinent zu uns geflüchteten und schnell reich und berühmt gewordenen Fußballspieler die Gräben noch vertieft.

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Neid und Missgunst, wahrscheinlich noch mehr als tiefsitzender Rassismus, sind ausreichend fest in ausreichend vielen Menschen verwurzelt, als dass der „Fall Jatta“ nicht vielerorts unfachmännisch ausgeweidet worden wäre. An Stammtischen, im virtuellen Raum der Sozialen Netzwerke, in den Kurven und hier wie dort in jenen Kreisen, in denen die Leute ihr Urteil schon gefällt haben und es mit der Wucht der einzigen Wahrheit verbreiten, ehe sie sich ein auch nur annähernd ausreichend umfassendes Bild gemacht haben. Das Bild sitzt schon vorher fest in den Köpfen, es braucht nirgendwo zu reifen, und es bleibt auch drin in den Köpfen, nachdem die zuständige Behörde Zweifel an der Identität des Spielers ausgeräumt hat.

Jattas Trikot ist ein Renner

Der Hamburger SV hat stets öffentlich nah bei Jatta gestanden, auch auf die mögliche Gefahr hin, dass der ursprüngliche Bericht der „Sportbild“, Jatta sei in Wahrheit gar nicht Jatta, sondern ein ganz anderer, sich umfangreich bestätigt hätte. Andere Klubs sind den Hanseaten zur Seite gekommen, die Trainer des VfL Osnabrück und vom VfB Stuttgart haben sehr deutlich gemacht, dass es sich aus ihrer Sicht nicht gehört, in dieser Angelegenheit auf sportjuristischem Weg zu versuchen. Punkte zurückzuholen, die man vorher auf dem Fußballfeld verloren hat. Auch diverse Faninitiativen haben sich dahingehend ähnlich geäußert, die Trikotverkäufe des HSV mit Namenszug und Rückennummer des Spielers haben sich in den vergangenen Wochen glatt vervierfacht.

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Der Raum zwischen ungebeugter Zuneigung und abgründigem Hass ist viel zu klein geworden, es gibt ihn praktisch gar nicht, es gibt nur schwarz oder weiß und keine mögliche Wahrheit dazwischen mehr. Das ist das besonders Traurige an dem, was als Fußballmärchen begann, ehe es in einer unbarmherzigen Debatte zum prominenten Fallbeispiel der Flüchtlingspolitik geriet.

Vom DFB hätte man sich auch in Abwesenheit eines amtierenden Präsidenten zumindest eine moralische Beurteilung wünschen können. Die kam nicht, was angesichts des Führungsvakuums niemanden verwundern kann. Dass das Sportgericht den klagenden Klubs dagegen Zeit gab, die juristischen Einwände prüfen zu können, war richtig und notwendig. Denn: Den Fall ohne Fristverlängerung vorzeitig zu den Akten zu legen, wäre Wasser auf die Mühlen derjenigen gewesen, deren Glauben an den Rechtsstaat aber schon so sehr erodiert ist, dass ihr Urteil trotzdem bleibt: schuldig im Sinne der medialen Anklage!

Sie haben nun zumindest weniger Anlass, es wütend herauszuschreien oder -zuschreiben.

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