+
Hauptschiedsrichter Patrick Ittrich mit Pfeife Gestik zeigt Schiri Schiedsrichter Einzelaktion

Videobeweis

Baby in vollen Windeln

  • schließen

DFB sieht Optimierungsbedarf beim Videobeweis und geht fest davon aus, dass die Fifa das Projekt bei der WM fortführen wird. In der Hinrunde gab es elf falsche Entscheidungen.

Die deutschen Schiedsrichter sind zurück aus ihrem Wintertrainingslager. Zum vierten Mal haben sie sich auf Mallorca zur Vorbereitung auf die Rückrunde getroffen, vom dritten Tag an hat es geregnet, und wahrscheinlich ist es nur unwesentlich übertrieben zu interpretieren: Die Atmosphäre war dem Wetter entsprechend. Zwei Stimmungstöter hatten die 24 Bundesligareferees über die Vorrunde begleitet.

Erstens: Die Diskussion über den Video-Assistenten, die darin gipfelte, dass die Bundesligaprofis das Projekt in ihrer Mehrzahl lieber umgehend abgeschafft wüssten. Zweitens: Mobbingvorwürfe, Neid, Missgunst, gekränkte Eitelkeiten. Gestern äußerten sich Verantwortliche des DFB und der DFL zu beiden Problemfeldern ausführlich.

Ein Compliance-Experte untersucht derzeit Vorgänge der angeblichen Vetternwirtschaft. Die Ergebnisse sollen alsbald auch öffentlich vorgestellt werden. Unabhängig davon arbeiteten zwei Sportpsychologen auf Mallorca hinter verschlossenen Türen die internen und offenbar tiefgreifenden Probleme innerhalb der Gruppe gemeinsam mit den Bundesliga-Schiedsrichtern auf. Die Debatten auf Mallorca kosteten derartig viel Zeit, dass eine Besprechung der individuellen Leistungen der Vorrunde mit den 24 Erstligareferees nicht stattfinden konnte. Der für die Unparteiischen verantwortliche DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann erwartet nun, „dass sich positive Effekte einstellen“.

„Zu deutsch gewesen“

Die soll es auch zum Thema Videobeweis geben. In drei ausgedehnten Sitzungen wurde darüber intensiv gesprochen. Denn von 48 Entscheidungen, die nach Intervention des Video-Assistenten aus dem Kölner Studio heraus revidiert worden waren, wurde zwar 37 Mal richtig entschieden, allerdings hätten elf Entscheidungen gar nicht verändert werden dürfen. DFL-Direktor Ansgar Schwenken rechnet vor: „Dreiviertel der Fehlentscheidungen wurden verhindert.“ Und er interpretiert: „Das Glas ist dreiviertel voll und nicht ein Viertel leer.“

Das ist freundlich formuliert im Sinne des Videobeweises, gleichwohl sind sich aber alle Beteiligten einig, dass elf konkrete durch den Video-Assistenten zu verantwortende Fehlentscheidungen zu viele Falschmeldungen aus dem Kölner Keller gewesen sind. Schwenken: „An diese elf müssen wir ran.“ Kollege Ronny Zimmermann weist allerdings darauf hin: „Wir alle sind ein bisschen zu deutsch gewesen. In Deutschland wird ja immer erwartet, dass etwas zu hundert Prozent funktioniert.“

Konkret erhielten die Schiedsrichter die Handlungsanweisungen, sich künftig wieder stärker als Spielleiter zu positionieren, sich weniger allein auf das Urteil des Video-Assistenten zu verlassen und somit die Viewing-Zone künftig öfter und  schneller aufzusuchen. Und: Die Video-Assistenten sollen, so Schiedsrichterboss Lutz Fröhlich, „nicht detektivisch“ arbeiten. „Je mehr Bildmaterial vonnöten ist, um eine Szene zu bewerten, desto eher handelt es sich nicht um einen klaren und offensichtlichen Fehler.“ Dann sollen die Video-Assistenten sich nicht aktiv einschalten. Denn, so Fröhlich: „Sonst besteht die Gefahr, dass ein Spiel durch zu viele Überprüfungen zerstört wird.“ Was die Zukunft des Projektes angeht, das sich ja noch immer in einer Testphase befindet, lässt sich also die Formel anwenden: Weniger ist mehr.

Bryach und Zwayer bei der WM in Russland

Weniger Situationen, in denen Spieler den Schiedsrichter aggressiv bedrängen, über das Headset Kontakt mit dem Video-Assistenten aufzunehmen, fordert Fröhlich ebenso ein: „Wir werden das Schiedsrichtermobbing nicht dulden und haben deshalb auch noch einmal Kontakt mit den Klubs aufgenommen.“ Ohnehin werden alle Torerzielungen, Rote Karten und Strafstöße im Hintergrund von den Video-Assistenten gecheckt. In der Hinrunde gab es in 153 erfassten Spielen insgesamt 1041 überprüfte Situationen, davon 750 sogenannten „silent checks“, bei denen gar kein Kontakt mit dem Referee auf dem Feld aufgenommen wurde.

Die Fifa verfolgt die Debatte in der Bundesliga mit großem Interesse, für die WM 2018 in Russland plant sie mit Felix Brych als deutschem Schiedsrichter auf dem Platz und Felix Zwayer als Video-Assistent. Beide befinden sich bereits regelmäßig in Fifa-Schulungen, damit das Projekt bei der Weltmeisterschaft nicht zum Desaster wird. Im März entscheidet der Weltverband endgültig, ob der Videobeweis bei der WM angewendet wird. Alle Anzeichen deuten darauf hin. Jochen Drees, einer der profiliertesten Video-Assistenten im DFB, drückte es in blumiger Sprache aus: „Ich glaube nicht, dass die Fifa das geborene Baby wieder zur Adoption freigeben wird“. Trotz voller Windeln.

Den Videobeweis auf den Stadionleinwänden wird es allerdings vorerst nicht geben. Jedenfalls nicht in der Bundesliga. Grundsätzlich, so DFL-Direktor Schwenken, „sind wir der Ansicht, dass die Fans Bescheid wissen sollten“. Aber die Technik und die Kommunikationswege zur Stadionregie seien nicht stabil genug, um jede revidierte Entscheidung im richtigen Kamerawinkel zu erklären. Derzeit setzt man noch auf eine klare Zeichengebung des Schiedsrichters. Der DFB will bei der Fifa darauf drängen, dass künftig verbale Erklärungen des Schiedsrichters oder schriftliche Erläuterungen auf den Videowänden folgen. Wohl erst zur neuen Saison.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion